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Nationalsozialismus:Hitlers Zwangsarbeitsamt

Stiftung Topographie des Terrors

Der Gebäudekomplex des Reichsarbeitsministeriums in der Berliner Saarlandstraße (heute: Stresemannstraße), um 1940.

(Foto: Postkarte (Kunstanstalt Stengel & Co. GmbH in Dresden))
  • Eine Ausstellung in der Berliner "Topographie des Terrors" zeigt die Studie einer Historikerkommission über das Reichsarbeitsministerium.
  • Ausführlich zeigt die Schau, wie der freie Arbeitsmarkt zugunsten staatlicher Lenkung eingeschränkt wurde.
  • Das Ministerium diente sowohl der Entrechtungs- und Vernichtungspolitik als auch der Verfolgung "Arbeitsscheuer".

Der Name Franz Seldte sagt heute wohl nur noch Spezialisten etwas, obwohl der Magdeburger Fabrikantensohn von 1933 bis 1945 dem Reichsarbeitsministerium vorstand. Welche Rolle dieses im Dritten Reich spielte, zeigt die neue Sonderausstellung in der Berliner "Topographie des Terrors".

Sie dokumentiert die Funde und Erkenntnisse einer Historikerkommission, die seit 2013 die Geschichte des Ministeriums erforscht. In sechs Kapiteln geht es um Struktur und Personal der Behörde, die Rentenversicherung, den Arbeitsmarkt, die Arbeitsverwaltung im Krieg, die Rekrutierung von Arbeitskräften in der besetzten Ukraine und um die Nachkriegszeit.

Die Kuratorin Swantje Greve hat es vermieden, die Besucher mit Nebensächlichkeiten aus der Welt der Organigramme, Erlasse, Berichte zu erschlagen. Die Ausstellung erzählt wirklich eine Geschichte und zeichnet anhand einzelner Biografien von Bürokraten wie Betroffenen ein gleichermaßen differenziertes wie klares Bild.

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Das Ministerium war ein Kind der Weimarer Republik, kümmerte sich um Arbeitsvermittlung, Arbeitsrecht, Sozialversicherung, Wohnungs- und Siedlungswesen, Kriegsopferfürsorge. Die Beamten standen, so der Sprecher der Historikerkommission, Alexander Nützenadel, meist der SPD und dem Zentrum nahe. 1933 kursierten Überlegungen, das Symbol der "Systemzeit" aufzulösen. Dem standen die hohe Arbeitslosenzahl und der Mangel an geschultem nationalsozialistischem Verwaltungspersonal entgegen.

Franz Seldte gehörte der Deutschnationalen Volkspartei an, war Vorsitzender des republikfeindlichen Frontsoldatenbundes "Stahlhelm". Erfahrungen in der Arbeits-und Sozialpolitik besaß er nicht. 1934 wurde der Reichsarbeitsdienst aus dem Ministerium herausgelöst.

Auch die größte NS-Massenorganisation, die Deutsche Arbeitsfront, machte dem Haus Kompetenzen streitig und erhielt Zuständigkeiten für den Wohnungsbau. 1938 beschwerte sich der Stellvertreter des Führers, nur fünf der 39 Ministerialräte seien Parteimitglieder. Ein neuer Leiter der Personalabteilung änderte dies.

Ein Drittel der Mitarbeiter des neuen Bundesarbeitsministeriums der jungen Bundesrepublik waren bis 1945 unter Seldte tätig gewesen

Ein interessanter Einzelfall ist der des Heinrich Goldschmidt, Jahrgang 1888, der trotz seiner jüdischen Herkunft weiter im Ministerium arbeitete und von Kollegen geschützt wurde.

Zur gleichen Zeit erschwerte man den Bezug von Rentenleistungen. 1940 stellte man die Zahlungen an deportierte deutsche Juden ein. Das Ministerium diente sowohl der Entrechtungs- und Vernichtungspolitik als auch der Verfolgung "Arbeitsscheuer". Mehr als zehntausend Männer wurden 1938 im Zuge der "Aktion Arbeitsscheu Reich" in Konzentrationslager verschleppt.

Einer von ihnen war Ottmar Heiligenthal, der ihm angebotene Arbeiten mehrfach abgelehnt hatte, woraufhin das Arbeitsamt die Unterstützung einstellte und die Gestapo "Schutzhaft" beantragte. Der "Parasit im Volkskörper" sollte abgesondert und zur "ernsten Arbeit" erzogen werden.

Stiftung Topographie des Terrors

Franz Seldte gründete 1918 den Wehrverband "Stahlhelm". Von 1933 bis 1945 war er Reichsarbeitsminister.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek München/Bildarchiv)

Ausführlich zeigt die Ausstellung, wie der freie Arbeitsmarkt zugunsten staatlicher Lenkung eingeschränkt wurde. Dabei spielten die 1935 eingeführten Arbeitsbücher ebenso eine Rolle wie die von Hitler persönlich ernannten "Treuhänder der Arbeit", die in den Betrieben die "Volksgemeinschaft" herzustellen hatten.

Im Zigarettenbild-Sammelalbum "Männer im Dritten Reich" waren ihre Porträts neben denen von Gauleitern und SS-Führern zu sehen - ein Hinweis darauf, welche Bedeutung ihnen nach der Zerschlagung der Gewerkschaften beigemessen wurde. Wie die Beschäftigten und die Arbeitgeber darüber dachten, hätte man gern genauer gewusst.

Seit März 1942 hatte der Thüringer Gauleiter Fritz Sauckel als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz (GBA) Zugriff auf einzelne Abteilungen des Ministeriums, um Zwangsarbeiter für die deutsche Wirtschaft zu rekrutieren. Anfangs meldeten sich Frauen und Männer aus den besetzten Gebieten freiwillig, doch sank die Bereitschaft drastisch, sobald sich die tatsächlichen Lebensbedingungen der Ausländer im Reich herumgesprochen hatten.

In der Ukraine führten die Deutschen nach dem Einmarsch unverzüglich "den Arbeitszwang für Juden und eine Arbeitspflicht für die übrige Bevölkerung ein". Die "Werbekommissionen" setzten rasch auf Zwang und glichen, wie es 1942 hieß, "einer zivilen Musterungskommission, die beauftragt ist, unter allen Umständen ihr Soll zu stellen". Das gehe "fast nur noch mit Prügel". Man fange die Menschen, "wie die Schinder früher Hunde gefangen haben", schrieb eine Ukrainerin aus einem Zwangsarbeitslager.

Die Ausstellung erhellt die NS-typischen Rivalitäten zwischen Sonderbehörden und hergebrachter staatlicher Verwaltung, wobei, so Alexander Nützenandel, die Beziehungen auf der Arbeitsebene "häufig relativ reibungslos" funktionierten. Aber der Hinweis auf die Konflikte erleichterte es nach 1945, die Rolle des Reichsarbeitsministeriums herunterzuspielen. Franz Seldte sollte als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden, er starb 1947 in Haft. Ein Drittel der Mitarbeiter des neuen Bundesarbeitsministeriums der jungen Bundesrepublik waren bis 1945 unter ihm tätig gewesen.

Das Reichsarbeitsministerium 1933 - 1945. Beamte im Dienst des Nationalsozialismus. Topographie des Terrors, Berlin, bis 8. Oktober 2019. Der ausführliche Katalog kostet 16 Euro.

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