Historische Zäsur Die Pathologien von Achtundsechzig

Auch in Wolfgang Kraushaars Aufsatzsammlung "Die blinden Flecken der 68er-Bewegung" fliegen Tomaten. Und zwar schon im Dezember 1964. An diesem Tag demonstrieren mehrere Studentengruppen in Westberlin gegen den Staatsbesuch des kongolesischen Ministerpräsidenten Moïse Tschombé. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt empfängt ihn. Rudi Dutschke ist 24 Jahre alt.

Kraushaar sieht in diesen Ereignissen den Beginn einer Radikalisierung des SDS, die sich zu einer Revolte an allen bundesdeutschen Hochschulen ausgeweitet habe. "Die Dritte Welt war eine 'Projektionsbühne' für romantisch aufgeladene Bilder eines internationalen Befreiungskampfes." In der internationalen Solidaritätsarbeit meint Kraushaar gar ein Substitut für eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen im eigenen Land, der deutschen Teilung, zu erkennen.

Wie so häufig blickt Kraushaar skeptischer auf die Sechziger- und Siebzigerjahre als andere Autorinnen und Autoren der Saison. Seine Aufsätze, zwischen 1992 und 2018 entstanden, behandeln die Anfänge, die Hochzeit und die Nachwehen der Bewegung. Es geht etwa um die Kritik der Ordinarienuniversität, die Parlamentarismuskritik und die Kommune-Bewegung. Der 1948 geborene Politikwissenschaftler begann 1968 sein Studium in Frankfurt. Kaum jemand hat so viel zur Erforschung dieser Zeit beigetragen wie er, nicht zuletzt durch den Aufbau eines Archivs oder die dreibändige Chronik "Frankfurter Schule und Studentenbewegung". Daraus macht Kraushaar auch keinen Hehl.

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Einmal mehr stehen die Pathologien von Achtundsechzig im Mittelpunkt: der Antisemitismus etwa oder die Radikalisierung einiger Teile der Bewegung. Dutschkes Haltung zu Gewalt und zur nationalen Frage, sein Plädoyer für eine Wiedervereinigung von links, stellten bis heute "blinde Flecken" dar. Manche der aus der Bewegung hervorgegangenen Gruppierungen seien nach 1968 einem totalitären Größenwahn erlegen, meint Kraushaar. Andere hingegen hätten harmlos mit neuen Lebensformen experimentiert, so entstanden dann Alternativ-, Umwelt- und Frauenbewegung.

Der Politologe deutet Achtundsechzig einerseits als romantische Revolte, andererseits als soziokulturellen Bruch, politisch sei die Bewegung - hier unterscheidet sich sein Urteil von dem Hodenbergs - jedenfalls gescheitert. Der große Vorzug seines Buches ist, dass es die theoretischen Hintergründe und die politischen Denkbewegungen ausleuchtet. Achtundsechzig sei auch eine Intellektuellen- und Medienrevolte gewesen. Man denke etwa an die Proteste gegen die im Mai 1968 verabschiedeten Notstandsgesetze. Den Widerstand hatten Wissenschaftler und Schriftsteller wie Adorno, Bloch und Böll mitbestimmt.

Wie Hodenberg stuft Kraushaar die Bedeutung der Bewegung für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus als gering ein, seien die Achtundsechziger doch in erster Linie aus instrumentellen Gründen am Nationalsozialismus interessiert gewesen. Die Durchsetzung eines marxistischen Faschismusbegriffs, unter den der Nationalsozialismus dann einfach subsumiert wurde, habe schließlich dafür gesorgt, dass die Erforschung der Vergangenheit - jenseits personeller Kontinuitäten an den Hochschulen oder unter den Politikern - kein großes Thema gewesen sei. Erst recht gelte das für die Judenvernichtung.

Kraushaars Exegese führt bisweilen dazu, dass Achtundsechzig eine schon beinahe übertriebene Bedeutung beigemessen wird; zugleich hat sein Blick etwas Enges, obwohl er auch die internationalen Entwicklungen berücksichtigt. Man kommt nicht umhin, gelegentlich zu bedauern, dass hier ein Chronist und kein Historiker schreibt.

Lange Sechzigerjahre statt 1968

Viele Beteiligte haben schon viel gesagt, und während auf der Linken die Bedeutung von Achtundsechzig trotz aller Bücher und Veranstaltungen verblasst und die Historisierung fortschreitet, versuchen rechte Stimmen, Achtundsechzig als Chiffre wieder in die politische Diskussion einzuführen und das vermeintliche Erbe der Bewegung zu beklagen. Es wird über gesellschaftliche Veränderungen gejammert, die ohnehin schon begonnen hatten und sich in irgendeiner Form fortgesetzt hätten. Hier: Achtundsechzig als entscheidende Zäsur in der Geschichte der Republik, da: Achtundsechzig hat nichts bewirkt.

Zwischen diesen Polen lassen sich Positionen verorten, welche die Bewegung als Ausdruck von Transformationen deuten, die bereits in den frühen Sechzigern in Gang gekommen waren. Die studentische Protestbewegung hat diese Demokratisierungs- und Liberalisierungsbewegung beschleunigt, vertieft und mitbestimmt. So wurde ein Zustand erreicht, hinter den heute niemand ernsthaft zurückwollen kann.

Alle drei Bücher sehen in Achtundsechzig eine gewisse Zäsur, wobei Christina von Hodenberg das Ganze in breiter gefasste gesellschaftliche Entwicklungen einbindet. Während Sontheimer und Wensierski eindrucksvolle Reportagen vorlegen, bietet Hodenberg eine originelle Gesellschaftsgeschichte der Sechziger; spezieller, aber zuweilen hölzern geht es in Kraushaars Aufsätzen zu. Alle Bücher blicken auch auf die Zeit davor und danach. Vielleicht wäre es gut, wenn nur noch von den langen Sechzigerjahren die Rede wäre.

Isabell Trommer ist Politikwissenschaftlerin. Zuletzt erschien von ihr: "Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik".

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