Zeitgeschichte Umso schlimmer für die Tatsachen

Die Erinnerung an die Studentenrevolte von 1968 lädt zu vielem ein - auch zu reichlich neuer Mythenbildung. Eine vorläufige Diskursgeschichte des 50-jährigen Jubiläums.

Rezension von Wolfgang Kraushaar

Kinder, wie die Zeit vergeht, werden sich manche gedacht haben. Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig und nun fünfzig Jahre soll das inzwischen alles schon zurückliegen. Immer dann, wenn das nächste Jahrzehnt voll und der Abstand zu den ursprünglichen Ereignissen von 1968 wieder weiter angewachsen war, ist weiter gefeiert und auch gestritten worden. Doch all diese Jubiläumsjahre sind schon immer ein Ding für sich gewesen.

"Ten Years After" - wie das einige nach dem Namen einer britischen Rockband nannten - hatte man zunächst noch 1977 begangen. Wegen des mit dem Tod von Benno Ohnesorg verbundenen 2. Juni hatte man noch 1967 als Schlüsseljahr begriffen und nicht 1968. Mit dem Jahr 1988 war dann gewissermaßen der Rhythmus gewechselt worden, zum ersten Mal hatte man sich auf das Rubrum "68" kapriziert. Ein weiteres Dezennium später fragten manche angesichts der Tatsache, dass in Gerhard Schröders rot-grünem Kabinett in Außenminister Joschka Fischer und einigen anderen gleich eine Reihe ehemaliger 68er vertreten waren, ob diese nicht mit zwanzigjähriger Verspätung nun doch noch die Macht übernommen hätten.

Und nun 2018: "50 Jahre 1968". Ein besonders rundes Jubiläum und eines, zu dem sich die Ehemaligen längst im Ruhestand bewegen. Sie sind mittlerweile zwischen 70 und 80 Jahren alt, einige auch schon etwas darüber hinaus. Jubiläen haben bekanntlich ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und funktionieren auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeiten nach Regeln, die nicht unbedingt etwas mit der Logik von Erkenntnisprozessen zu tun haben müssen. Wollte man von heute aus betrachtet den idealen Autor zum Thema 68 definieren, dann müsste sie weiblich sein und schon auf Grund ihrer Jugendlichkeit garantieren können, auch nicht im Entferntesten etwas mit der Rolle eines Zeitzeugen, gar eines Akteurs zu tun zu haben. Außer bei der oder dem Betreffenden handelt es sich um eine Person, die schon durch ihre Verwandtschaftsbeziehung zu einer prominenten damaligen Figur ein hohes Maß an Authentizität verbürgen könnte. Eine solche Autorin oder ein solcher Autor, egal ob Frau oder Mann, Tochter oder Sohn, hätte besonders gute Chancen, entsprechend wahrgenommen zu werden. Auch wenn es noch etwas zu früh sein dürfte, einen wirklichen Rückblick zu liefern, so lassen sich doch schon einige Trends dieses Gedenkjahres feststellen.

Das Buch, dem von den Medien bislang die höchste Aufmerksamkeit gewidmet worden sein dürfte, ist keine Monografie, sondern ein etwas längerer Essay. Er stammt von dem in Berlin lebenden, in Kassel lehrenden Soziologen Heinz Bude und heißt "Adorno für Ruinenkinder" (SZ vom 27. Februar). Bude hatte sich schon einmal mit dem Thema beschäftigt und das Ergebnis 1995 unter dem Titel "Das Altern einer Generation" in einer Weise auf den Markt gebracht, als habe er es damit zugleich auch zu den Akten legen wollen. Nun versucht er sich an einem "Remix" und hofft darauf, dass es ihm erneut gelänge, anhand von Gesprächen mit Alt-68ern, die er nun wieder aus dem Keller geholt hat, "möglichst präzise" über die "Rolle dieser Generation im Familienroman der Bundesrepublik" zu spekulieren.

Doch die methodischen Probleme, die damals bereits zu Tage getreten waren, haben sich nicht einfach erledigt, eher im Gegenteil. Es ist vor allem das für einen sich als Makrosoziologen begreifenden Wissenschaftler erstaunlich geringe Maß an Gegenstandskontrolle, das seine Deutungen durchzieht. An einer Stelle beschreibt Bude etwa jene dramatische Situation, in der der französische Staatspräsident am 30. Mai 1968 mit einer "Fernsehansprache in Uniform" die bereits verloren geglaubte Macht noch einmal an sich gerissen hat. Doch der General hielt diese gar nicht im Fernsehen, weil das ORTF von den Aufrührern besetzt war, und ob er dabei in Uniform gewesen ist, können auch nur diejenigen wissen, die ihm im Rundfunkstudio dabei zugesehen haben.

Besonders nah, schreibt Heinz Bude, sei er der Erlebniswelt der 68er im Jahr 1977 während des Deutschen Herbstes gekommen. Da sei der RAF-Terrorist Holger Meins am 9. November an einem Hungerstreik gestorben und der Berliner Kammergerichtspräsident von Drenkmann einen Tag später von der Bewegung 2. Juni erschossen worden. Doch all das, was er hier ausführlich memoriert, um den existenziellen Gestus eines umstrittenen, von Jean Améry in Werner Höfers Sendung "Der Internationale Frühschoppen" abgegebenen Durchhalteappells herauszustellen, hatte sich bereits 1974 und nicht etwa während des Deutschen Herbstes abgespielt. Zu dem angenommenen Zeitpunkt im November wären die Stammheimer RAF-Gefangenen, denen der Auschwitz-Überlebende sein "Nicht aufgeben!" zugerufen hatte, zudem bereits längst tot gewesen.

Geradezu tollkühn wird es aber, wenn Bude sich der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder (1998-2005) zuwendet und meint, dass die 68er damit nicht nur eine zweite Chance bekommen, sondern sie auch genutzt hätten. Was genau er damit meint, hat er inzwischen in mehreren Interviews noch deutlicher als in seinem Buch zum Ausdruck gebracht. So sagte Bude in der Welt, dass Schröders Agenda 2010 beinahe einer Revolution gleichkomme, die nur mit der "für die 68er typischen Haltung, das Ganze infrage zu stellen", umzusetzen gewesen sei. Dadurch, dass sie am Ende doch noch ihren Aufstieg hinbekommen hätten, schlussfolgert Bude, habe die 68er-Generation "ihre Rolle im Familienroman der Bundesrepublik" gefunden.

Problem nur, dass Schröder kein 68er war, wie er nach seinem Amtsantritt im Oktober 1998 gleich betonte, dass die 68er keine "Generation", sondern lediglich eine Generationenkohorte waren, weil ihr prozentualer Anteil unter der damaligen Jugend viel zu gering gewesen ist, und dass das Verständnis von der bundesdeutschen Geschichte als "Familienroman" eher Schriftstellern vorbehalten bleiben sollte, die sich einen entsprechenden Umgang mit der Zwischenwelt von Realität und Fiktion eher leisten können als Soziologen.

Dass die Durchsetzung der Hartz-Gesetze die Sozialdemokratie mehr geschädigt hat als irgend etwas anderes nach 1945 und dass dies zunächst eine Partei gestärkt hat, die mit der SPD konkurriert und das ganze Label "Die Linke" okkupiert hat, ist inzwischen auch einem Teil des Parteiapparates klar geworden, der sich inzwischen fragt, wie er da wieder herauskommen könnte. Dafür aber nun auch noch die 68er verantwortlich zu machen und sich damit zu brüsten, dass Schröders Regierungspolitik für den nachhaltigsten Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaates gesorgt habe, überschreitet die Grenzen der interpretatorischen Freiheiten um einiges.

Eine andere Rolle spielt im Gedenk-Diskurs ein Buch von Gretchen Dutschke, das mit seinem Titel "1968 - Worauf wir stolz sein können" (SZ vom 5. März) ebenso wie mit dem in den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold gestalteten Cover den Anschein erweckt, als wolle es mit den hinlänglich unter Rechten verbreiteten Bekundungen in Konkurrenz treten. Doch was auf den ersten Blick wie ein Erinnerungsband wirkt, von dem man sich vielleicht erhofft, möglichst dichte Beschreibungen aus der Nähe ihres Mannes Rudi Dutschke zu erhalten, der 1979 an den Spätfolgen des auf ihn verübten Attentats gestorben war, wird nur partiell eingelöst. Der ganz überwiegende Teil des Bandes enthält einen Abriss der 68er-Geschichte, die man so auch schon anderswo hat lesen können. Dennoch ist es nicht ohne Reiz, den von Gretchen Dutschke gelegten Spuren zu folgen.

Allerdings bleiben nicht unerhebliche Zweifel an der Rolle, die Dutschkes Witwe für sich beansprucht. Etwa wenn sie behauptet, dass die Idee mit der Kommune von ihr stamme. Dafür gibt es keinerlei Zeugnis. Der Revolutionär Dieter Kunzelmann etwa hatte das 1967 gestartete Projekt bereits im Sommer 1961 in einem Brief beschrieben, den er damals aus Südschweden an seine Eltern geschickt hatte. Auch wenn es im Nachhinein schwierig sein dürfte, innerhalb der "Subversiven Aktion" eine einzelne Person für die Urheberschaft zu benennen, so ist nur schwer vorstellbar, dass dies gerade Gretchen Dutschke hätte sein können. Nach Darstellung verschiedener Mitglieder der Gruppe, insbesondere des späteren Verlegers Lothar Menne, soll sie in den Besprechungen so gut wie nie das Wort ergriffen haben. Sie habe eigentlich immer nur ihrem Rudi etwas ins Ohr geflüstert und hin und wieder auf ihrer Gitarre fromme Lieder gesungen. Zu fragen wäre außerdem, warum gerade sie sich in dem Moment, als es mit der Kommunen-Idee Ernst wurde, diesem Experiment zusammen mit ihrem Mann entzogen hat.

Ein anderer Punkt ist die in Gretchen Dutschkes Augen als leidig betrachtete Gewaltfrage. Sie hat zuletzt wieder mehrfach behauptet, dass Rudi Dutschke nie den Einsatz von Gewaltmitteln im eigenen Land befürwortet, sondern wenn überhaupt das nur für Lateinamerika gutgeheißen habe. Doch in dem berühmten Gaus-Interview vom Dezember 1967 in der ARD hatte er vor einem Millionenpublikum erklärt, dass er in dem Falle, dass die Bundesrepublik 1969 nicht aus der Nato austrete und sich die Bundeswehr in militärische Auseinandersetzungen hineinziehen lasse, "im eigenen Land auch kämpfen" werde. Außerdem hatte er selbst nach dem Attentat den Tyrannenmord propagiert und es im Dezember 1968 im Spiegel bedauert, dass der Schah von Persien im Juni 1967 ungeschoren davongekommen sei.

Nun hat ein weiteres Buch Aufmerksamkeit gewonnen, in dem die an einer Londoner Universität lehrende Christina von Hodenberg unter dem Titel "Das andere Achtundsechzig" (Verlag C. H. Beck) behauptet, dass die damalige Protestbewegung in Wirklichkeit weiblich gewesen sei. Der immer wieder nacherzählte Aufstand der Männer sei nichts anderes als eine Legendenbildung und der Geschlechterkonflikt an die Stelle des Generationenkonflikts getreten. Doch warum hätte es dann eigentlich, so ist zu fragen, überhaupt noch eine Frauenrevolte im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), die viel zitierte Revolte in der Revolte, geben müssen? Auch wenn der Historikerin gewiss zuzustimmen ist, dass die weibliche Seite in der bisherigen Geschichtsschreibung unterbelichtet gewesen ist, so lassen sich die für die damalige Bewegung maßgeblichen Geschlechterverhältnisse im Nachhinein nicht einfach umkehren.

Selbst wenn man die Weiblichkeitshypothese auf die Siebzigerjahre übertragen wollte, dann wäre auch dort noch eine gewisse Verhältnismäßigkeit geboten. Zunächst hatte sich die neue Frauenbewegung erst 1971 im Kontext der Kampagne gegen den Abtreibungs-Paragrafen 218 konstituiert. Vorher gab es zwar Grüppchen und Zirkel, aber noch keine Bewegung im eigentlichen Sinne. Und als sie dann ins Rollen gekommen war, stand sie nicht auf alleiniger Flur. Parallel zu ihr entwickelten sich die Öko-Bewegung, die Anti-AKW-Bewegung und - nicht zu vergessen - unzählige Bürgerinitiativen. Jede dieser Strömungen konnte mehr an Akteuren auf sich vereinigen als die Frauenbewegung, die ja bei Demonstrationen kaum auf besonders hohe Quoten an Teilnehmerinnen gekommen war. Die größte Demonstration gegen den Abtreibungsparagrafen hatte 1975 bezeichnenderweise der KBW organisiert, eine maoistische Gruppe einstiger SDS-Kader, die in der Arbeiterschaft vergeblich nach dem, was sie für das historische Subjekt hielten, gesucht hatten. Der Aufforderung des KBW, in Bonn für die Durchführung eines Volksentscheids zu demonstrieren, waren immerhin 25 000 Abtreibungsgegner gefolgt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die 68er-Bewegung war in ihrem Kern keine Frauenbewegung, sondern eine Studentenbewegung, und die war damals männlich dominiert, ob einem das gefällt oder nicht. Es war einfach so. Und sie lässt sich auch im Nachhinein nicht zu einer Studentinnenbewegung umschreiben.

Doch noch etwas anderes, sehr viel Grundsätzlicheres kommt da hinzu: Selbst ein halbes Jahrhundert nach 1968 gibt es immer noch keine Möglichkeit, die damalige Rebellion auf einen Nenner zu bringen. Jeder Versuch, für sie eine monokausale Deutung oder gar Erklärung anzubieten, dürfte ihrer Vielschichtigkeit wegen zum Scheitern verurteilt sein. Aus historischen, aus geopolitischen, aus soziokulturellen Gründen und anderen mehr. Das gilt insbesondere für West-Berlin und die Bundesrepublik, die im Vergleich zu anderen europäischen Städten und Ländern wegen des übermächtigen Schattenwurfs der NS-Zeit ein Sonderfall waren.

Das alles war auch nicht einfach nur eine Folge bestimmter individueller Dispositionen und Prägungen, sondern ganz besonders von Interaktionen: der Wechselwirkung mit dem Staat, den Reaktionen auf Polizei und Justiz, auf Politiker und Parteien; der mit den Medien, Boulevardblättern wie der Bild-Zeitung auf der einen und wohlwollenderen Organen wie etwa dem Spiegel und dem Stern auf der anderen Seite; der mit den Institutionen, den Schulen und den Universitäten, im anregenden ebenso wie im abstoßenden Sinne, und so weiter.

Kaum jemand, der sich damals auf die Bewegung eingelassen hatte, dürfte so wieder aus ihr herausgekommen sein, wie er zuvor in sie hineingegangen war. Das war ein komprimierter, äußerst dynamischer Prozess, der die Einzelnen nur zu häufig grundlegend verändert hat.

Diese Bewegung war aber in ihrem Kern auch etwas völlig Neuartiges. Ihre Akteure wollten ja nicht einfach wie noch die Arbeiter- oder Gewerkschafts-, die Friedens- oder Ostermarschbewegung durch ihren Protest Interessen verfolgen und bestimmte Ziele erreichen. Nein, sie wollten sich dabei auch selbst entwickeln, verändern, manche sogar "befreien". Es ging 1968 zugleich auch immer um die Bewegten selbst, um ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche, ihre Träume - in einem emphatischen Sinne um Subjektivität. Die Schalen der alten Person sollten abgeschüttelt und darunter ein neues Ich entdeckt und geborgen werden. Damit hatte sie allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz ein Bewegungsformat geschaffen, das für andere Protestierende zum Fixpunkt wurde und an dem sich viele später orientiert haben.

Wolfgang Kraushaar arbeitet als Politikwissenschaftler an der von Jan Philipp Reemtsma geleiteten Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Im März ist in der Reclam-Reihe 100 Seiten sein Band "1968" herausgekommen, im Mai wird eine Aufsatzsammlung über "Die blinden Flecken der 68er-Bewegung" und im September seine vierbändige, die Jahre 1960 bis 1970 umfassende illustrierte Chronik "Die 68er-Bewegung international" erscheinen, beides bei Klett-Cotta.