Hessens Ministerpräsident Bouffier lehnt soziales Pflichtjahr ab

Volker Bouffier

Volker Bouffier regiert Hessen seit acht Jahren als Ministerpräsident.

(Foto: Dominik Butzmann/laif)
  • Am 28. Oktober wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt - Ministerpräsident Bouffier (CDU) kann sich eine Neuauflage der Koalition mit den Grünen gut vorstellen.
  • In Umfragen liegt seine Partei derzeit allerdings bei nur 31 Prozent.
  • Im SZ-Interview erklärt Bouffier, was er an den Grünen schätzt und warum er gegen einen verpflichtenden Sozialdienst für junge Menschen ist.
Von Detlef Esslinger

Die hessische Staatskanzlei ist ein prachtvoller Ort, von außen. Ein ehemaliges Grandhotel im Jugendstil, das die hessische Landesregierung vor Jahren aus der Konkursmasse des Immobilienunternehmers Jürgen Schneider erwarb und für ihre Zwecke umgebaut hat.

Die hessische Staatskanzlei ist eine Sauna, von innen. Zumindest der Salon im Hochparterre, in dem Volker Bouffier zu diesem Interview eingeladen hat. Nach hinten wird der Raum von einer Wand aus Glas abgeschlossen, und dieses Glas hat eine immense Fähigkeit, Hitze nicht nur von außen nach innen zu leiten, sondern dort auch zu verstärken. Bouffier betritt den Salon in Anzug und Krawatte. Nach wenigen Minuten legt er das Sakko ab, nach einer halben Stunde ist ihm auch die Krawatte zu viel.

66 Jahre ist der Mann nun, seit 19 Jahren regiert er in Hessen: zunächst elf Jahre als Innenminister, seit nunmehr acht Jahren als Ministerpräsident. Die hessische CDU galt lange als besonders konservativer CDU-Landesverband, und ihr langjähriger Innenminister Bouffier als dessen Steigerungsform. Aber dieses Klischee hat sich spätestens seit 2013 erledigt: Seitdem regiert Bouffier, der Ministerpräsident, zusammen mit den Grünen, es ist eine Zusammenarbeit, von der man aus beiden Parteien im Grunde nur Gutes hört.

"Nun haben wir fünf Jahre herum", sagt Bouffier. "Und schauen Sie sich das Land an." An den Grünen schätze er die "absolute Verlässlichkeit", er kann sich eine Fortsetzung der Koalition nach der Landtagswahl am 28. Oktober durchaus vorstellen. Aber: "Es entscheiden die Zahlen." In den Umfragen liegt seine CDU derzeit bei 31 Prozent, das sind sieben Prozentpunkte weniger als 2013. Die Grünen wiederum kommen mit knapp 14 Prozent zwar deutlich über ihre elf Prozent von damals, trotzdem: Zusammengezählt würde es nicht reichen, zumindest derzeit nicht.

Um welche Wähler will Bouffier kämpfen?

Seit Längerem wird in CDU und CSU diskutiert, ob man die konservative Klientel in den vergangenen Jahren vernachlässigt hat - und was man ihr nun anbieten kann. Vielleicht die Pflicht für junge Menschen, ein Jahr lang Sozialdienst zu leisten? Bouffier hält davon wenig. "Viel besser ist es doch, die Dienste attraktiver zu machen, so dass möglichst viele mitmachen", sagt er. Es sei zwar richtig, wenn junge Menschen der Gemeinschaft etwas gäben und wenn man dadurch Gemeinschaft fördere, findet er. Aber ihm gefiele es besser, wenn jemand motiviert sei, zu den Johannitern, zur Feuerwehr oder zum Technischen Hilfswerk zu gehen, anstatt ihn per Gesetz dorthin zu schicken. Immerhin, die Debatte darüber gefällt Bouffier. "Denn worum geht es dabei letztlich? Um Gemeinschaftsgeist."

Bouffier ist in Erzählstimmung, was bei ihm nicht ganz ungewöhnlich ist. Er berichtet vom Briefwechsel mit einem Wähler, der nicht mehr CDU wählen wollte, er sagt, um welche Wähler er kämpfen will - und um welche nicht. Und er gibt wieder, wie es Ende der achtziger Jahre in Wiesbaden zuging. Damals war Bouffier Staatssekretär im Justizministerium, und die Staatskanzlei wurde geleitet von einem Mann namens Alexander Gauland. Im Kabinett saßen sich die beiden gegenüber.

90 Minuten dauert das Interview. Volker Bouffier und sein Regierungssprecher sind übrigens Gesprächspartner, die es Redakteuren und damit auch Lesern anschließend leicht machen. Es ist üblich, Wortlaut-Interviews vor Abdruck den Interviewten zur Autorisierung zu schicken: Bei der Zusammenfassung eines längeren Gesprächs können ja auch mal Fehler passieren - von denen niemand etwas hätte. Manche Gesprächspartner und ihre Pressesprecher versuchen, diese Gelegenheit zum großflächigen Streichen und Umschreiben (der interessanten Teile) zu nutzen. Bouffier und sein Sprecher gehören nicht dazu. Sie redigieren fast nichts.

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