Soziale Netzwerke:Wenn der Hass verstummen lässt

Soziale Netzwerke: Eine neue Studie geht Ausmaß und Folgen von Hass im Netz nach. Junge Frauen sind besonders häufig betroffen.

Eine neue Studie geht Ausmaß und Folgen von Hass im Netz nach. Junge Frauen sind besonders häufig betroffen.

(Foto: Imago/Collage: SZ)

Jeder vierte Nutzer ist in sozialen Medien schon angegriffen worden. Experten fordern Konsequenzen - auch, um eine Debattenkultur zu befördern.

Von Christoph Koopmann

Es reicht, einen Ball nicht ins Tor zu schießen, und schon schlägt die Meute los. So ging es neulich dem Fußballprofi Luc Castaignos vom 1. FC Magdeburg. Nach einem vergebenen Elfmeter zeigte er auf seinem Instagram-Profil, was ihm da so geschrieben wurde: übelster Rassismus.

Sein Fall ging vor zwei Wochen kurz durch die Schlagzeilen, aber er ist bereits wieder verdrängt, weil all das ja längst deprimierender Alltag ist. Weil es auch schon reicht, zum Beispiel irgendeiner marginalisierten Gruppe anzugehören oder eine politische Meinung zu äußern, und schon sind auf sozialen Medien die Hetzer am Start. Da wird bedroht und beschimpft in Ausdrücken, die zu wiederholen überflüssig ist - man kann sie sich vorstellen.

Hass im Netz ist kein neues Phänomen, aber gerade weil es seit Jahren existiert und dem Augenschein nach eher wächst als schrumpft, kann jede weitere Tiefenbetrachtung sinnvoll sein. Allein um das Ausmaß besser zu begreifen, und auch die Folgen. Deshalb hat ein Bündnis mehrerer Organisationen versucht, beides greifbar zu machen. Es hat 3000 Menschen gefragt, was sie im Internet diesbezüglich erleben. Spoiler: viel Schlimmes.

Junge Frauen trifft es besonders häufig

Die Vernetzungsstelle gegen Hate Speech (Nettz), die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), Hate Aid und der Verein Neue Deutsche Medienmacher*innen stellten die Studie am Dienstag vor. Der Titel gibt schon eine Ahnung von den Ergebnissen: "Lauter Hass - leiser Rückzug". Es ist eine der umfangreichsten Studien zu dem Thema in Deutschland, gefördert wurde sie unter anderem durch das Bundesfamilienministerium. Und so sitzt am Dienstagvormittag auch Familienministerin Lisa Paus (Grüne) mit auf dem Podium zur Präsentation der Ergebnisse. "Hass im Netz ist eine Bedrohung für die Demokratie insgesamt", sagt sie. Und dagegen müsse die demokratische Gesellschaft mehr tun.

Denn knapp die Hälfte der Befragten gibt in der Studie an, bereits im Netz beleidigt worden zu sein. Das ist an sich schon schlimm, aber die Studienautorinnen und -autoren wollten dazu auch gruppenbezogenen Hass in den Fokus nehmen, etwa Rassismus, Frauen- oder Queerfeindlichkeit. Dazu zählen sie auch andere "digitale Gewalt" wie das unaufgeforderte Versenden von Nacktfotos. Jeder Vierte hat einen dieser konkreten Übergriffe bereits erlebt.

Und die Studie lässt auch Schlüsse zu, wen es besonders häufig trifft: junge Frauen zwischen 16 und 24, Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund sowie Homo- und Bisexuelle. Jeweils knapp ein Drittel der Befragten aus diesen Gruppen gab an, das schon erlebt zu haben. Am häufigsten habe sich dieser Hass auf politische Ansichten bezogen, gefolgt vom Aussehen, dann kommen körperliche und psychische Gesundheit und Migrationshintergrund.

Was ist Beleidigung, was Hass?

Was ein wenig überraschen mag, vielleicht sogar ein kleiner Funke Resthoffnung ist im sonst ziemlich düsteren Bild: Nur knapp die Hälfte der befragten Internetnutzer gab an, überhaupt schon einmal Hassbeiträge gesehen zu haben. Das könnte aber auch daran liegen, dass nicht jeder Nutzer jede Beleidigung für sich als "Hass" definiert. Dafür spricht, dass, ganz direkt gefragt, ob man schon Ziel von Hass im Netz geworden sei, nur 15 Prozent mit Ja antworteten (im Vergleich zu 24 Prozent bei der Einzelabfrage nach Beleidigungen, Verleumdungen, Penisbildern et cetera).

Besonders häufig nehmen Nutzer Hass auf X und Tiktok wahr, gut die Hälfte der täglichen Nutzer begegnet dort häufig Hass. Auf Facebook und Instagram scheint es allerdings nur unwesentlich besser zuzugehen, da erleben es noch 40 Prozent derjenigen häufig, die dort täglich unterwegs sind.

Aber das NGO-Bündnis wollte eben nicht nur eine Diagnose der Wahrnehmung von Internetnutzern vornehmen, sondern auch erfahren, wie sie damit umgehen. Das erschütternde Fazit: Diejenigen, die Hass erleben, "schalten sich nicht mehr in Debatten ein oder verlassen die Plattformen. Vielfältige Perspektiven verstummen". Fast die Hälfte der Betroffenen hat aufgehört, das entsprechende Netzwerk zu nutzen. Ein Drittel der Opfer von Hass berichtet außerdem von psychischen Beschwerden und Problemen mit dem Selbstbild. "Damit führt Hass zum Rückzug aus demokratischen Diskursen", sagt Rüdiger Fries von der GMK. In Zeiten von Wahlen - in diesem Jahr stehen neben der Europawahl Landtagswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern an - sei diese Entwicklung besonders gefährlich. Denn es verstummten gerade die Stimmen, die vielfältige Perspektiven in die Demokratie eingebracht hätten.

Die Plattformbetreiber sollten finanziell zur Verantwortung gezogen werden, finden die Organisationen

Die Beteiligten des "Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz", das die Studie initiiert hat, mahnen deshalb besseren Schutz für Betroffene an, mehr Beratungsstellen zum Beispiel. Dabei arbeiten schon diejenigen, die es bereits gibt - wie Hate Aid -, auf ziemlich unsicherer Grundlage. Denn sie werden zum Teil vom Bund gefördert, 2023 standen diese Zuschüsse aufgrund der unklaren Haushaltslage zwischenzeitlich auf der Kippe. Lisa Paus' Demokratiefördergesetz, das für längerfristige finanzielle Sicherheit solcher Initiativen sorgen soll, ist zwar im Kabinett längst beschlossen, aber vom Bundestag noch nicht.

Die Organisationen hinter der Studie sagen zugleich, dass ihre Arbeit allein die Probleme nicht lösen könne. Es brauche auch besser geschulte Strafverfolger, genauso wie konsequenteres Vorgehen der Plattformbetreiber selbst. Und noch mehr: "Social-Media-Plattformen müssen finanziell zur Verantwortung gezogen werden", fordern die Initiatoren. Sie sollten einen Teil ihres Gewinns abtreten müssen, um für die "gesellschaftlichen Kosten" aufzukommen, und etwa Maßnahmen wie die oben beschriebenen mitfinanzieren. All das zusammen sei nötig, sagt Hate-Aid-Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg, "damit wir wieder einen öffentlichen Raum haben, wo wir miteinander ins Gespräch kommen können und uns nicht die ganze Zeit anschreien".

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