Hannelore Kraft:Gestürzt in der Herzkammer

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Die Niederlage in Nordrhein-Westfalen bedeutet das rasche und bittere Ende der Karriere von Hannelore Kraft. Einst hat ihr die SPD sogar das Kanzleramt zugetraut.

Von Jan Bielicki, Düsseldorf

Noch 48 Stunden ehe die Wahllokale schlossen, wirkte Hannelore Kraft keineswegs so, als sehe sie ihre politische Zukunft in Gefahr. Gerade hatte sie ihre Wahlkampfrede vor den wenigen Hundert Zuhörern am Duisburger Theater abgefeuert, hatte SPD-Chef Martin Schulz, dessen Vorgänger Sigmar Gabriel und viele andere Parteifreunde in ihrer Reichweite umarmt und geherzt.

Dann rockte die Kölsch-Band Brings, und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin tanzte und sang, erst im Publikum mit Ehemann und Sohn, dann auch auf der Bühne, text- und rhythmussicher, ausgelassen und, so schien es jedenfalls, völlig gelöst: "Su lang mer noch am lääve sin, am Lache, Kriesche, Danze sin ..." Heißt: Solange wir noch leben, lachen, weinen, tanzen.

Dabei hatten bereits die letzten Umfragen angedeutet, dass ihre Amtszeit nach sieben Jahren enden könnte. Und am Sonntag wurde erstaunlich früh und deutlich klar, dass es für Kraft und ihre Sozialdemokraten ein Abend zum Weinen werden würde. Sie waren darauf vorbereitet, dass es für Rot-Grün nicht mehr reichen würden. Auch darauf, dass es für sie ein schlechtes, womöglich sehr schlechtes Ergebnis werden würde.

Aber sie hatten bis zuletzt gehofft, dass Kraft wenigstens ein einziges Mandat Vorsprung vor der CDU würde erringen können; das hätte es erlaubt, ihr Amt als Ministerpräsidentin in einer großen Koalition mit der CDU behalten zu können. Doch selbst diese kleine Hoffnung ist schon mit den ersten Prognosen nach Schließung der Wahllokale kurz nach 18 Uhr zerplatzt. Unter zur Wahlparty geladenen Sozialdemokraten im Quartier Bohème mitten auf Düsseldorfs Kneipenmeile herrscht entsetzte Stille.

Schockstarre. Es ist erst Viertel nach sechs, es rechnet niemand so früh mit dem Eintreffen der Ministerpräsidentin. Dann raunt ein SPD-Sprecher den Journalisten zu: "Ankunft eine Minute." Einzelnes Klatschen von hinten deutet die Ankunft Krafts an, dann hebt der Applaus an, aber bevor er zum trotzigen Sturm werden kann, ist sie schon am Rednerpult und bittet um Ruhe für ihre Rede. Sie weint nicht, sie hadert nicht, ihre Stimme ist heiser, aber so fest wie immer. "Das ist kein guter Tag für die Sozialdemokratie in Nordrhein-Westfalen", hebt sie an.

Rasches und bitteres Ende einer Karriere

Sie gratuliert dem Wahlsieger und wünscht Armin Laschet "eine gute Hand". Sie bedankt sich bei Wählern und Wahlkämpfern. Gleich zweimal sagt sie den Satz: "Es hat nicht gereicht." Dann folgt die Aussage, die eine sozialdemokratische Ära im Land beendet: Für "die Entscheidungen, die getroffen worden sind, dafür übernehme ich persönlich die Verantwortung", sagt sie, und weiter: "Deshalb werde ich mit sofortiger Wirkung von meinem Amt als Landesvorsitzende der SPD und als stellvertretende Bundesvorsitzende zurücktreten, damit die NRW-SPD eine Chance auf einen Neuanfang hat." Im Saal ist ein kurzes "Oh" zu hören.

Sie habe ihr "Bestes gegeben", bilanziert Kraft noch kurz, und sie sei "fest davon überzeugt, wir haben in den letzten sieben Jahren das Land Schritt für Schritt nach vorne gebracht". Nur: Das habe man den Wählern eben nicht vermitteln können. Dann tut sie ihrer Partei noch einen letzten Dienst: Es sei in dieser Wahl um landespolitische Themen gegangen, sie selbst habe die Bundespartei darum gebeten, sich mit bundespolitischen Themen zurückzuhalten, versichert sie. Es ist ein ebenso anständiger wie wohl vergeblicher Versuch, den Totalschaden für Schulz und die Bundespartei noch zu minimieren. "Glückauf", verabschiedet sie sich mit dem Ruhrpott-Gruß. Dann tritt sie ab. Nicht einmal zwei Minuten hat ihre Rede gedauert.

Es ist das rasche und bittere Ende einer Karriere, an deren Höhepunkt der heute 55-Jährigen aus Mülheim an der Ruhr sogar zugetraut wurde, für die SPD das Kanzleramt zu erobern. "Nie, nie" werde sie nach Berlin gehen, lehnte sie solche Avancen ab, nachdem sie vor fünf Jahren in einem fulminanten Wahlkampf nach zwei Jahren wackeliger Minderheitsregierung Rot-Grün eine satte Mehrheit verschafft hatte.

Der Punkt, an dem sie das Vertrauen vieler Wähler verlor, hat ein Datum: Es war die Silvesternacht 2015/16, bei der Hunderte Frauen begrapscht und bestohlen wurden. Tagelang meldete sie sich nicht zu Wort, beließ auch ihren Innenminister und politischen Vertrauten Ralf Jäger im Amt - zur Freude der CDU-Strategen, die Krafts harten Hund als weiche Flanke der Landesregierung entdeckten.

Kraft will nun "eine gute Abgeordnete" ihres Wahlkreises bleiben. Doch wer folgt ihr an der Spitze? Noch am Abend meldet sich Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski zu Wort: "Haben wir die richtigen Antworten gegeben?", fragt er: "Nein." Als Kraft im Tageslicht des Eingangs verschwindet, bleiben ihre Parteifreunde im Dunkeln des Saals zurück.

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