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Gedenkfeier in Hanau:"Das gefährliche Gift einer kleinen Minderheit"

Gäste bei der Trauerfeier in Hanau

(Foto: KAI PFAFFENBACH/AFP)

Ein Jahr nach den Morden gedenken Angehörige und Politiker der Opfer. Bundespräsident Steinmeier wendet sich gegen Menschenfeindlichkeit - und sieht ein Zeichen der Hoffnung.

Von Matthias Drobinski, Frankfurt

Dunkel ist es im Kongress-Zentrum der Stadt Hanau, schemenhaft sieht man Köpfe mit weißen Maskenflecken. Die Pandemie begrenzt die Zahl der Menschen auf 50, die hier trauern und erinnern: Angehörige jener neun Menschen, die ein rassistischer Mörder vor einem Jahr erschoss, bevor er seine Mutter und sich tötete. Rudi Völler ist noch da, der aus Hanau stammende ehemalige Bundestrainer, Oberbürgermeister Klaus Kaminsky (SPD) und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Und Frank-Walter Steinmeier, der Bundespräsident. Ein schwarzumrandetes, weißes Herz leuchtet an der Stirnseite. "Hanau steht zusammen", steht in der Mitte.

Schon am Freitagvormittag waren ungefähr 500 Menschen zum Hauptfriedhof der Stadt gekommen, wo Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi nebeneinander in drei Ehrengräbern liegen, wo Gedenksteine auch an die anderen Ermordeten erinnern, an Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun und Fatih Saraçoğlu. Den ganzen Tag über haben Menschen am Denkmal der Gebrüder Grimm Blumen niedergelegt und Kerzen entzündet. Der Jahrestag bringt für viele hier den Schecken der Tatnacht zurück.

Ein kurzer Film zeigt noch einmal die Bilder dieser Nacht, verwackelte Handyfilme, weinende Menschen. Er erzählt die Geschichte von Vili Viorel Păun, der den Mörder verfolgte, vergebens den Notruf der Polizei wählte und erschossen wurde. Still verharren die Köpfe im dunklen Saal. Rudi Völler liest einen Satz von Wilhelm Grimm vor: "Hass zerstört mehr als alles andere das ruhige und gedeihliche Leben eines Staates." Bürgermeister und Ministerpräsident verlesen im Wechsel die Namen der Toten.

"Sehr gute Antworten" auf Hass und Gewalt

Und dann spricht der Bundespräsident. Am 4. März, bei der ersten Trauerfeier, hat er schon einmal hier geredet, hat scharf und klar den Rassismus im Land als Boden der Tat benannt. Auch jetzt sagt er, dass die Ermordeten zwar zufällig am Ort des Anschlags gewesen, aber nicht zufällig Opfer geworden seien. Auch deswegen habe die Tat Entsetzen bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte hervorgerufen. Das könne er gut verstehen, sagt er. "Die bösartige Menschenfeindlichkeit, die sich im Netz oder anderswo zeigt, ist das gefährliche Gift einer kleinen Minderheit - aber ein Gift, das Wirkung hat."

Doch Steinmeier möchte nicht bei der Anklage stehen bleiben. Es seien ja seit dem Anschlag "viele gute, ja sehr gute Antworten" gegeben worden, betont er. So viele Menschen hätten gegen Hass und Gewalt demonstriert. Er nennt die Hilfen für die Familien, "die zahlreichen Beweise von ganz einfacher Mitmenschlichkeit". Ausdrücklich lobt er die "Initiative 19. Februar", die einen Begegnungsraum für Angehörige geschaffen hat, und die "Bildungsinitiative Ferhat Unvar", die Serpil Temiz Unvar, die Mutter von Ferhat, gegründet hat.

Und dann spricht das Staatsoberhaupt ein Thema an, das viele hier im Saal umtreibt: Was genau geschah in der Tatnacht? Gab es Fehler der Polizei? Warum konnte die Tat nicht verhindert werden? Vor allem der hessischen Polizei werfen Angehörige vor, sie im Unklaren zu lassen. Ihn bedrücke zutiefst, sagt Steinmeier, "dass unser Staat sein Versprechen von Schutz, Sicherheit und Freiheit gegenüber Ihren Angehörigen nicht hat einhalten können."

"Bringschuld des Staates"

"Auch der Staat und alle, die mit ihm Verantwortung tragen, sind nicht unfehlbar", fährt Steinmeier fort. "Und wo es Fehler oder Fehleinschätzungen gab, da muss aufgeklärt werden." Dies sei die "Bringschuld des Staates vor allem gegenüber den Angehörigen. Nur in dem Maße, in dem diese Bringschuld abgetragen wird, kann verlorenes Vertrauen wieder wachsen."

Er endet mit einer Bitte: "Lasst nicht zu, dass die böse Tat uns spaltet. Lasst uns glauben an den besseren Geist unseres Landes, an unsere Kraft zum Miteinander, zum gemeinsamen Wir!"

Bei vielen Angehörigen aber hat das Vertrauen sehr gelitten, von dem der Präsident gesprochen hat. Das wird aus den kleinen Filmen klar, in denen Angehörige sagen, was sie von der Stadt, dem Land, der Bundesrepublik erwarten: Klarheit, wie und warum ihre Kinder, Brüder, Partner starben. Es sind Dokumente des Leids, der Trauer und Wut; die Stadt hat entschieden, sie in aller Härte stehen zu lassen.

Draußen läuten die Glocken, fünf Minuten und sechs Sekunden lang

Für die Familien der Ermordeten spricht Armin Kurtovic, immer wieder muss er mit den Tränen kämpfen. Er dankt dem Bundespräsidenten und dem Oberbürgermeister, er mahnt noch einmal Aufklärung an. "Es reicht nicht aus zu sagen: Hanau darf sich nicht wiederholen", sagt er. Und: "Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Kinder umsonst gestorben sind."

Draußen beginnen die Glocken zu läuten, fünf Minuten und sechs Sekunden lang. So lange brauchte der Täter am 19. Februar, um neun Menschen zu ermorden.

© SZ/stad/jael
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