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Anschlag in Halle:Schutzlos in der Synagoge

Der Täter von Halle konnte minutenlang ungestört versuchen, ins Gebetshaus einzudringen. Sachsen-Anhalts Innenminister muss sich Fragen gefallen lassen. Mittlerweile hat der Ermittlungsrichter Haftbefehl erlassen.

Man will es sich nicht vorstellen, wie es ist. Wie es ist, wenn wehrlose jüdische Frauen, Männer, Kinder in einer Synagoge mitten in Deutschland zusammenkauern und hören, wie ein Attentäter versucht, in das Gotteshaus einzudringen. Sie hören die Schüsse, die Detonationen seiner Sprengsätze. Der Kantor sieht über die Überwachungsanlage, dass der Angreifer eine Frau erschießt. Er scheucht die Menschen nach oben, in die Küche, sie werfen sich auf den Boden, kauern dort. Keiner darf ans Fenster.

Über die Videoüberwachungsanlage beobachtet der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, wie der Angreifer mit seinem Sturmgewehr auf die Tür hält. Wie er schießt und schießt, immer wieder. Der Gemeindevorsteher kann nur hoffen, dass die Tür standhält, und darf nicht daran denken, was passiert, wenn sie es nicht täte. Vorsorglich rücken die Menschen in der Küche Möbel vor die Eingangstüren, verbarrikadieren sich. 51 Menschen sind im Raum. Sie wollten beten an diesem Tag, den Tag der Versöhnung feiern, den höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur.

Anders als in Berlin oder München ist die Polizei nicht ständig präsent

Dass diese Tür wirklich standhielt, ist die einzige gute Nachricht an diesem Tag. Alle anderen Nachrichten sind schrecklich. Der Mann, der es nicht schafft, in die Synagoge einzudringen, erschießt kaltblütig eine Frau, die ihn anspricht, als er Molotowcocktails über die Mauer des jüdischen Friedhofs wirft. Dann geht er zu einem türkischen Imbiss und tötet dort einen Gast. Wenig später verletzt er auch noch ein Ehepaar schwer, als er auf der Flucht ein neues Fluchtfahrzeug in seine Gewalt bringt. Zwei Morde und neun Mordversuche wirft ihm die Bundesanwaltschaft vor. Am Donnerstag erließ der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen den Schützen und ordnete Untersuchungshaft an. Fast 36 Minuten lang hat der Mann seinen Angriff, seine Morde mitgeschnitten. Halle sollte das deutsche Christchurch werden.

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Der Attentäter verwendet in seinem Video die Sprache einer rechten Subkultur im Internet. Meist junge Männer bestärken sich dort in ihren extremen Ansichten.   Von Max Hoppenstedt, Simon Hurtz

Gemeindevorsteher Max Privorozki klagt, es habe lange gedauert, bis die Polizei gekommen sei. Eine Augenzeugin spricht sogar von mehr als 15 Minuten. Dabei, sagt Privorozki, habe er sofort angerufen und deutlich gesagt: "Bewaffneter Angriff auf die Synagoge." Am Tag danach beklagt er, wie wenig Schutz die jüdische Gemeinde in Halle von den Sicherheitsbehörden bekomme. "Bei uns gibt es nie Polizeikontrollen", sagt er am Donnerstag. Nicht einmal bei der Chanukka-Feier, dem Jüdischen Lichterfest, zu dem mehrere Hundert Menschen kämen, gebe es Polizeischutz, "obwohl ich bitte, dass sie kommen". Anders als beispielsweise in Berlin und München sei die Polizei nicht ständig vor der Synagoge präsent. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, twitterte: "Dass die #Synagoge in #Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös. Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt. Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen."

Im Auto des Attentäters werden vier Kilogramm Sprengstoff gefunden

Unfähigkeit, Unwillen, Fahrlässigkeit - es sind auch diese Fragen, die sich Bundesinnenminister Horst Seehofer und die Verantwortlichen im Land Sachsen-Anhalt stellen lassen müssen, als sie sich am Donnerstag auf einer Pressekonferenz zum Anschlag äußern. Minutengenau stellt Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) den Ablauf dar:

12.03 Uhr. Der Notruf von Privorozki geht bei der Leitstelle ein. Er schildert, dass vor der Synagoge geschossen wird.

12.04 Uhr. Der Notruf wird an die Polizeiinspektion Halle weitergeleitet.

12.11 Uhr. Erste Polizeikräfte sind am Ort. Sie finden die tote Frau. Um diese Zeit ist der Täter laut Stahlknecht nicht mehr da. Stahlknecht sagt, anhand der Helmkamera des Täters könne man rekonstruieren, dass der Schuss des Attentäters auf die Frau bereits nach zweieinhalb Minuten vor der Synagoge fiel. Nach insgesamt sieben Minuten fuhr er von der Synagoge weg und weiter zu einem Döner-Imbiss, den er nach anderthalb Minuten erreichte. 45 Sekunden später wirft er einen Sprengsatz und schießt auf die Menschen dort. Er bleibt sechs Minuten an dem Imbiss. Ein Mensch stirbt. Dann besteigt er sein Fahrzeug. Da trifft eine Polizeistreife ein. Es kommt zu einem Schusswechsel, der Täter wird am Hals verletzt, kann aber fliehen und entkommt der Polizei. Er rast durch Halle.

Um 13.25 Uhr wird das Auto des Attentäters gefunden, leer. Aber die Polizei geht nicht heran, sie befürchtet eine Sprengfalle. Später werden darin vier Kilogramm Sprengstoff gefunden. Dann bedroht der Mann in einer Werkstatt in Wiedersdorf ein Ehepaar, verletzt es schwer. Er raubt ein Taxi. Um 13.35 Uhr gibt es einen Unfall auf der Bundesstraße 91, der Täter wird festgenommen.

Jüdische Einrichtungen sollen sofort besser geschützt werden

Aber warum war die Synagoge nicht geschützt? Warum konnte der Anschlag nicht verhindert werden? Der jüdische Zentralratsvorsitzende Josef Schuster sitzt bei der Pressekonferenz der Minister nur drei Plätze neben Stahlknecht. Er sagt, wenn vor der Synagoge eine Polizeistreife gestanden hätte, dann hätte auf jeden Fall der Angriff auf den Döner-Imbiss verhindert werden können. Stahlknecht geht erst auf Nachfragen von Journalisten auf diesen heiklen Punkt ein. Ja, es habe ein Sicherheitskonzept für die Synagoge bestanden, Sicherheitsstufe 6, sagt der Minister. Das ist wenig. Es bedeutet, dass unregelmäßig, also hin und wieder mal ein Streifenwagen am jüdischen Gotteshaus vorbeifährt. Das hält niemanden ab, der zu einem Massaker entschlossen ist.

Stahlknecht gibt zu, man habe sich auf die Gefährdungsanalyse des Bundeskriminalamtes verlassen, die in Halle keine politischen Tötungsdelikte befürchtete. Außerdem habe es in den vergangenen fünf Jahren keine Gewalt mit Bezug auf die Synagoge in Halle gegeben. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kündigte indes nachhaltig höhere Sicherheitsmaßnahmen für alle jüdischen Synagogen in Deutschland an. Mit Blick auf die nationalsozialistische Schreckensherrschaft in Deutschland sagte er: "Wir haben geschworen: Nie wieder. Diese Bundesregierung wird alles tun, dass die Juden in unserem Land ohne Bedrohung, ohne Angst leben können." Der Anschlag sei eine "Schande für unser ganzes Land. Angesichts unserer Geschichte darf so etwas in unserm Lande eigentlich nicht passieren."

Seehofer kündigte an, mehrere Hundert zusätzliche Planstellen im Kampf gegen die rechte Bedrohung zu schaffen. "Neben dem IS ist der Rechtsextremismus die zentrale Herausforderung für unser Land. Darauf muss reagiert werden, noch stärker als in der Vergangenheit", sagte er. Jüdische Einrichtungen würden von sofort an stärker geschützt. Bereits auf der Innenministerkonferenz in zwei Wochen würden einheitliche bundesweite Sicherheitsstandards beschlossen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sagte, Juden müssten darauf vertrauen können, dass alle Sicherheitsmaßnahmen ergriffen würden, damit sie sicher ihre Gottesdienste feiern können.

In eigener Sache

Der Täter von Halle (Saale) hat im Internet ein Video seines Anschlags und außerdem ein sogenanntes Manifest veröffentlicht. Der SZ liegen diese vor, wir veröffentlichen sie aber nicht. Terroristen versuchen, im Internet ihr Gedankengut zu verbreiten. Die SZ macht sich nicht zum Werkzeug dieser Strategie. Aus diesem Grund zeigen wir ebenfalls keine Bilder expliziter Gewalt und achten darauf, in der Berichterstattung über Details zur Tat die Würde der Opfer zu wahren.

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