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Hagia Sophia in Istanbul:Waghalsiger Schritt 567 Jahre zurück

Die Hagia Sophia in Istanbul

(Foto: AP)

Die Hagia Sophia soll wieder Moschee werden. Das war sie schon mal, von 1453 an. Atatürk verwandelte sie dann zum Museum - und die Türkei zur Demo­kratie. Nun sagt Präsident Erdoğan dem Westen den Kampf an.

Kommentar von Tomas Avenarius

Liest man, was regierungsnahe türkische Zeitungen am Tag danach geschrieben haben, wird einem angst und bange. Die "Wiederauferstehung der Hagia Sophia" sei der "Vorbote zur Befreiung der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem, die Muslime verlassen die Phase des Interregnums". In einem anderen Blatt schwadroniert einer von "der Rettung der Türkei aus der Tyrannei der Kreuzfahrer", ein Dritter sagt: "Die Ketten wurden gesprengt, Gott sei es gedankt." Man kann das als lärmende Auftragsarbeiten gleichgeschalteter Medien missverstehen. Man kann es aber auch betrachten als das, was es ist: eine Kampfansage.

Mit der Umwandlung der Hagia Sophia vom Museum in eine Moschee hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan eine Grenze überschritten. Er zwingt seinem Land - und der Welt - einen Richtungswandel auf, der die moderne Türkei verändern wird. Ob Erdoğan dies aus strategischer Überlegung heraus getan hat oder ob er mit dem waghalsigen Schritt nur von seinem innenpolitischen Tief ablenken will - Wirtschaftskrise, Korruption, Corona - , spielt keine Rolle: Das Verhältnis der Türkei zum muslimischen Teil der Welt wird ein anderes sein, geprägt von Applaus und naiver Bewunderung. Aber auch die Beziehungen zu Europa, zur EU und den USA werden sich wandeln, und das leider nicht zum Besseren.

Die Hagia Sophia ist nicht nur ein architektonisch einzigartiges Bauwerk, sie ist mehr als ein steinernes Anschauungsobjekt für Kunsthistoriker und der Sehnsuchtsort von Touristen. Die "Kirche der Göttlichen Weisheit" war fast 1000 Jahre lang die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, Inbegriff von Ostrom als Hüter christlicher Macht und Vorherrschaft. Seit 1453 verkörperte sie dann als Moschee knapp 500 Jahre lang das Sinnbild des Sieges der muslimischen Osmanen über die Christen.

Danach, ab 1935, stand sie in einer Art dialektischer Bewegung für die Überwindung des überkommenen Alten, für die Verwandlung eines im Ersten Weltkrieg vernichtend geschlagenen Imperiums in eine zeitgemäße Republik. Und damit für den Schritt eines von den europäischen und amerikanischen Siegermächten übel geschundenen Landes in die Zukunft, für eine, hier gilt der Begriff, Auferstehung aus Ruinen.

Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk hat diesen Wandel mit übertrieben harter Hand vollzogen. Er hatte die Attitüde eines Demiurgen und die Weltsicht des Offiziers als politischer Macher. Er nahm keine Rücksicht auf Tradition und Volkskultur, schnitt Bärte ab, riss den Fes vom Kopf, schaffte die arabische Schrift ab, und versuchte, die türkische Frau zu befreien - ohne Rücksicht auf geltende Wertvorstellungen. Trotzdem hat er der Türkei den Weg gewiesen - als laizistische Republik, die trotz vieler Rückschläge erfolgreich war und trotz aller Militärputsche eine moderne Demokratie geblieben ist.

2023 feiert die Republik Türkei ihr 100. Jubiläum, und Erdoğan versucht sich am Gegenteil. Meinte man es gut, könnte man sagen, der nach Atatürk schon heute wichtigste Staatsmann des Landes will die Türken mit ihrer verleugneten Vergangenheit versöhnen, ihnen zurückgeben, was Atatürk dem Land genommen hat: die Erinnerung an die Weltmacht, an die über Jahrhunderte kulturell hochstehende osmanisch-islamische Vergangenheit.

Erdoğans nutzt Religion und Nationalismus für seine Zwecke

Aber das ist nicht der Fall. Erdoğans Geschichtspolitik führt in die Irre. Der Osmanen-Staat war im Ersten Weltkrieg keine Weltmacht mehr. Das Reich wurde nicht mehr vom Sultan und Kalifen regiert, sondern von kriegslüsternen Jungtürken. Und das Wort vom "Kranken Mann am Bosporus" spiegelte zwar die Arroganz europäischer Imperialisten wieder, aber auch den tatsächlichen Zustand einer reformunfähigen Monarchie. Diese ging nach 1918 unter wie das Reich der Habsburger, der Zaren oder das von Wilhelm II. Die Zeit war abgelaufen. Das hatte Atatürk erkannt und aus dem verbliebenen Rumpfstaat die Republik geformt.

Woran also will Erdoğan anknüpfen mit der Umwandlung der Hagia Sophia? Ans 15. Jahrhundert, als neuer Führer der muslimischen Welt? In den vergangenen Jahren hat die Welt erleben müssen, wie Dschihadisten von al-Qaida und sogenanntem Islamischem Staat versuchten, eine Feindschaft zwischen Muslimen und Christen wiederzubeleben, wie es sie zur Zeit der Kreuzzüge gab. Sie kleiden moderne politische Konflikte in das Gewand religiöser Feindschaft. Will Erdoğan - ein staatlicher Akteur, ein Präsident - wirklich dieses vormoderne Leitmotiv aufgreifen?

Dass die Türkei ein Nato-Staat ist, dass Erdoğan zumindest dem Wort nach weiter für die Aufnahme seines Landes in die EU wirbt, zeigt das ganze Ausmaß dieses Tabubruchs. Die Umdeutung von Geschichte ist der Trick vieler Populisten, von Wladimir Putin, Viktor Orbán und Jaroslaw Kaczynski. Erdoğan geht weiter. Er benutzt nicht nur den Nationalismus der Türken für seine Zwecke, sondern auch ihre Religion.

© SZ vom 13.07.2020/mane

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