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Umwandlung der Hagia Sophia:Erdoğan setzt sich über weltweite Bedenken hinweg

Die Hagia Sophia ist bisher eine der wichtigsten Touristenattraktionen im historischen Istanbuler Stadtteil Sultanahmet.

(Foto: AP)

Ein türkisches Gericht annulliert den Status der Hagia Sophia als Museum. Der türkische Präsident gibt die frühere Kirche sofort fürs islamische Gebet frei. Kritik kommt aus aller Welt.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Nach der Gerichtsentscheidung zur Hagia Sophia hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan angeordnet, das Gebäude für das islamische Gebet zu öffnen. Die Leitung der "Hagia-Sophia-Moschee" werde der Religionsbehörde Diyanet übergeben, kündigte er in einer Fernsehansprache am Freitagabend an.

Zuvor hatte das Oberste Verwaltungsgericht in Ankara den Status der einstigen Kirche als Museum nach 85 Jahren annulliert und damit das rechtliche Hindernis für die lange von Erdoğan verfolgte Umwandlung beseitigt.

"Wir planen, die Vorbereitungen schleunigst zu beenden und am Freitag, den 24. Juli, die Hagia Sophia gemeinsam mit dem Freitagsgebet für Gebete zu eröffnen", sagte Erdoğan.

Das Gericht begründete die Entscheidung laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu damit, dass die Hagia Sophia im Eigentum der von Sultan Mehmed II. gegründeten Stiftung stehe. Dieser hatte die Hagia Sophia nach der Eroberung Konstantinopels 1453 in eine Moschee umgewandelt.

Kritiker sehen in der Nutzung als islamisches Gebetshaus hingegen einen Bruch mit der säkularen Tradition der türkischen Republik: Kemal Atatürk als Gründer der modernen Türkei hatte die Hagia Sophia 1934 per Kabinettsbeschluss von einer Moschee in ein Museum umgewandelt und so seine Politik eines laizistischen Staatswesens unterstrichen.

Erdoğan setzte sich über weltweite Bedenken hinweg. Vor allem die griechisch-orthodoxe Kirche, die Regierung in Athen sowie der Kreml und die russisch-orthodoxe Kirche hatten sich gegen die Umwandlung ausgesprochen. "Die Bedrohung der Heiligen Sophia ist eine Gefahr für die gesamte christliche Zivilisation", sagte Patriarch Kirill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., warnte davor, dass die frühere byzantinische Kirche durch die Umwandlung "im 21. Jahrhundert zur Ursache für Konfrontation und Konflikt" werden könnte.

Auch die EU und die USA forderten die Türkei auf, sie solle den Status als Museum erhalten - "aus Respekt gegenüber den verschiedenen Glaubenstraditionen", wie es US-Außenminister Mike Pompeo formulierte. Der Zugang müsse für Angehörige aller Regionen garantiert sein.

Die griechische Kulturministerin Lina Mendoni nannte die Umwandlung der Hagia Sophia am Freitag eine "offene Provokation gegen die ganze zivilisierte Welt". Zyperns Außenminister Nikos Christodoulidis twitterte, sein Land verurteile mit Nachdruck das türkische Handeln. Die Hagia Sophia sei ein "universelles Symbol des orthodoxen Glaubens". Ein Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche sagte der Nachrichtenagentur Interfax: "Wir müssen feststellen, dass die Sorgen von Millionen Christen nicht gehört wurden."

Auch der Religionsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Grübel (CDU), bedauerte die Entwicklung: "Das Gebäude hat eine tiefgreifende historische Bedeutung sowohl für das Christentum als auch für den Islam. Bei einer Statusänderung sollte es als Ort der Begegnung und des Austausches zwischen beiden Religionen dienen." Ähnlich äußerte sich die Deutsche Bischofskonferenz: "Der Beschluss des Gerichts und die aktuelle Verlautbarung des türkischen Präsidenten bergen demgegenüber die Gefahr in sich, dass die Hagia Sophia künftig wieder als Symbol religiösen 'Raumgewinns' gedeutet werden könnte."

Griechenlands Außenminister Nikos Dendias hatte zuvor gesagt, Erdoğans Entscheidung könnte die Spannungen mit Athen weiter verschärfen und damit auch mit der EU; die beiden Länder liegen über die geplante Erschließung von Erdgasfeldern im östlichen Mittelmeer im Streit. Auch in der Nato könnte der Streit die Gräben vertiefen, die es wegen der Militärintervention der Türkei in Libyen gibt.

Innenpolitisch dagegen dürfte der Beschluss dem türkischen Präsidenten nutzen: In der Istanbuler Altstadt sammelten sich Befürworter der Entscheidung. Sie riefen "Allahu Akbar!" ("Gott ist groß!"). Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP fordern seit langem, die Hagia Sophia wieder zur Moschee zu machen. Frühere Regierungschefs hatten schon mit dem Gedanken einer Umwandlung gespielt - gewagt hat sie mit Rücksicht auf Atatürks Erbe keiner.

Angestoßen hatte das Verfahren vor dem Obersten Verwaltungsgericht ein Verein aus Bursa, dessen Vorsitzender ein pensionierter Lehrer ist. Auch als Moschee können Touristen die Hagia Sophia voraussichtlich besichtigen, ähnlich wie die Blaue Moschee. Offen ist, was mit dem Status als Weltkulturerbe geschieht. Die Unesco bedauerte die Entscheidung, sie hatte gefordert, konsultiert zu werden, was offenbar nicht geschah.

© SZ vom 11.07.2020 / dpa/fie

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