Italien Warum es die Grünen in Italien schwer haben

Die italienischen Grünen hoffen auf die "Friday-for-Future"-Bewegung.

(Foto: dpa)
  • Während grüne Parteien bei den Europawahlen vielerorts beachtliche Erfolge erzielen konnten, bleiben sie in Italien bei 2,3 Prozent.
  • Das liegt an dem Wahlprogramm der italienischen Grünen - aber auch an der Mentalität der Italiener.
  • Hoffnung machen der Partei die "Fridays for Future"-Bewegung und desillusionierte Wähler der Cinque Stelle.
Von Oliver Meiler, Rom

Manchmal glaubt man, den Klimawandel greifen zu können. 28 Grad an einem Junimorgen, das ist auch für Rom zu viel: ein staubtrockener Vorbote des Hochsommers. Im 63er-Bus zur Piazza Fiume ist mal wieder die Klimaanlage ausgefallen, durch die offenen Schlitzfenster zischt heiße Luft. Im ersten Stock eines Wohnhauses haben Italiens Grüne ihren Parteisitz, die "Verdi". Ein kleines Büro, drei Zimmer, die Regale sind voller Archivordner. An den Wänden hängen Plakate alter Kampagnen, auf einem steht: "Eine Nation, die ihren Boden zerstört, zerstört sich selbst." Verziert mit Blümchen. Es ist ein verzweifeltes Lamento.

"Wir haben es schwer, Wähler zu finden", sagt Angelo Bonelli, Römer, 56 Jahre alt, der Chef der "Verdi". Und das ist schon verwunderlich in einer Zeit, da den Grünen fast überall sonst in Europa die Herzen zufliegen, auch solche von jungen Wählern. Getragen von einem neuen Umweltbewusstsein, vom Elan Greta Thunbergs, von der Sorge um die Zukunft des Planeten. Die jüngsten Europawahlen haben es gezeigt. In Deutschland schafften die Grünen 20,5 Prozent. In Frankreich 13,5 Prozent. In Großbritannien 12 Prozent. Von den großen Ländern tanzt nur Italien aus der Reihe: 2,3 Prozent, weit unter der Sperrklausel. 621 000 Stimmen.

"Lächerliche Zahlen" seien das, schrieben die Zeitungen. Ein "Flop", ein "Debakel". Die linke Repubblica erklärte das Ergebnis so: "Wir gehen gierig und aggressiv mit unserer Natur um, und obschon sie so schön ist, behandeln wir sie noch immer wie eine Stiefmutter." Bonelli formuliert es etwas anders, meint aber dasselbe. Den Italienern fehle es dramatisch an Verantwortungsethik - für die Umwelt, für Gemeinwohl, für alles Kollektive. "Unser Daheim pflegen wir mit aller Sorgfalt, doch die Abfallberge gleich vor der Haustür, diese ganze Dekadenz - sie kümmert uns nicht."

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Bonelli spricht leise, sein Haar trägt er lang. In den Medien heißt es, es fehle ihm an Charisma. An seiner Hingabe für die Sache aber zweifelt niemand. Sein ganzes Leben lang kämpft Bonelli schon für ein Umdenken, seit zehn Jahren als "Nationaler Koordinator der Exekutiven der Grünen". Ein umständlicher Titel für einen Chef, und vielleicht spiegelt auch das die Schwierigkeiten des "Sole che ride", der lachenden Sonne, wie die Partei nach ihrem Emblem auch genannt wird. Die Grünen zerrissen sich früher oft in internen Kämpfen, es ging dabei nicht immer nur um Inhalt und Ideologie, sondern auch um persönliche Animositäten und die kleine Macht. "Wir haben Fehler gemacht", sagt Bonelli. "Ich auch."

Die Bürger sind es gewohnt, dass Illegales legalisiert wird. Das dämpft das schlechte Gewissen

Gegründet wurden die "Verdi" 1987, als exotisches Gewächs. Umweltschutz galt in Italien immer als Luxus. Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass gar nichts den Fortschritt und die Wirtschaft behindern dürfe, dass dem Recht auf Arbeit und Wohlstand alles zu unterwerfen sei. Küsten wurden zubetoniert. Fabriken entstanden mitten in Städten, ohne Sorge vor Gesundheitsschäden. Die giftigen Abfälle? Einfach verscharrt oder verbrannt unter freiem Himmel. Um Wohnraum zu schaffen, wurden Flussbetten eingeengt. Gebaut wurde auch in Gegenden, in denen nun wirklich nicht gebaut werden sollte: in der "Zona rossa", höchste Erdbebengefahr. "Dann weinen wir jeweils, wenn wieder eine Katastrophe passiert", sagt Bonelli.

Statt der illegalen Bauwut vorzubeugen oder sie zu bestrafen, nickt die Politik, die rechte wie die linke, alle paar Jahre einen allgemeinen Ablass durch. "Unseren Begriff dafür, 'Condono edilizio', gibt es in anderen Sprachen nicht einmal." Der italienische Staat, sagt Bonelli, legalisiere so die Illegalität. Jedes zweite Haus im Süden des Landes sei ohne Bewilligungen gebaut worden. "Da ist eine Partei wie unsere, die Respekt für die Gesetze und den Landschaftsschutz fordert, natürlich nicht sehr populär." Die Italiener würden nur darauf warten, dass man ihnen die Sünden erlasse, da seien sie sehr katholisch. Die Aussicht auf Vergebung legt sich wie eine wohlige Decke auf das schlechte Gewissen. Im protestantischen Norden Europas sei das anders, sagt Bonelli.

Vor einigen Jahren hat er ein Buch geschrieben über das große Stahlwerk Ilva im apulischen Taranto, ein Symbol italienischer Sorglosigkeit. In "Good Morning Dioxin" erzählt Bonelli, wie tragisch viel höher das Risiko sei, in Taranto an Krebs zu erkranken, auch für Kinder. Das Buch erschien auch auf Englisch. Bonelli wurde von der BBC interviewt, er trat bei Fachkonferenzen auf - jedoch nur im Ausland. "In Italien interessierte sich niemand für das Buch." Vor den Europawahlen wurden die "Verdi" in keine einzige große Talkshow eingeladen. Als Bonelli sich bei einem Fernsehsender beklagte, bot man ihm ein Kurzinterview an. "Zehn Sekunden wollten sie uns geben, gewissermaßen als Wiedergutmachung", sagt Bonelli und lacht. Er verzichtete.

2,3 Prozent also. Es ist eines der besten Resultate in der Geschichte der italienischen Grünen. Ihr Rekord liegt bei 3,6 Prozent. 1999 war das, bei den Europawahlen. Bis 2008 saßen die "Verdi" im italienischen Parlament, auch Bonelli war Abgeordneter. Einige Parteigänger schafften es in linken Regierungen zu Ministerposten, für Umwelt und Landwirtschaft, das Erwartbare. Doch als die Cinque Stelle aufkamen, die in ihren Anfängen eine ökologische Seele hatten, verschwanden die Grünen fast ganz aus der Öffentlichkeit. Mit einem Jahresbudget von zuletzt 257 000 Euro lässt sich nicht viel ausrichten.

Im Büro bei der Piazza Fiume arbeiten zwei Teilzeitangestellte und zwei Praktikanten. Das vermeintliche "Debakel" macht ihnen Mut. Ständig klingle jetzt das Telefon im Büro. Zu den Versammlungen kommen nicht mehr nur zehn Leute, sondern auch mal 50, 60. Es ist ja so, dass es in Italien viele Organisationen mit sozial engagierten Freiwilligen gibt. Tausende davon, man muss die Leute nur begeistern können.

Als Greta Thunberg vor einigen Wochen nach Italien kam, waren die Plätze voll. Die Klimastreiks mobilisierten Hunderttausende junger, sehr junger Menschen. Und viele Wähler der Cinque Stelle suchen bereits wieder eine neue politische Heimat. Sie fühlen sich betrogen, denn seit die Sterne an der Macht sind, opferten sie einen Kampf nach dem anderen. Sie hatten auch die Ilva von Taranto schließen wollen, ließen es dann aber doch sein. Die Marktchancen für die Grünen stehen also gut, vielleicht standen sie nie besser.

"Wir müssen aufhören damit, nur Alarm zu schlagen", sagt Bonelli. Man wolle jetzt wie die deutschen Grünen mit einem Vollprogramm Wähler aus allen Spektren ansprechen, vor allem in der Mitte, möglichst unideologisch. Für einen plötzlichen Boom, wer weiß.

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