Werkstatt Demokratie "Wir brauchen radikale Schritte, um Europa zu retten"

Martin Grubinger während seines Impuls-Referats bei der Werkstatt Demokratie.

(Foto: Jessy Asmus)

Der österreichische Weltklasse-Schlagzeuger Martin Grubinger ist begeisterter Europäer, vermisst bei Polit-Entscheidern Mut für "das Richtige" - und skizziert ein starkes Europa mit entmachteten Nationalstaaten.

Interview von Oliver Das Gupta, Berchtesgaden

Martin Grubinger, Jahrgang 1983, zählt zu den weltweit versiertesten Schlagzeugern und Multi-Perkussionisten - viele halten ihn für den besten seines Fachs. Der Österreicher füllt international Konzertsäle und lehrt am Salzburger Mozarteum. Neben der Musik interessiert sich Grubinger sehr für Politik - und Fußball: Aus seiner Nähe zur sozialdemokratischen Idee macht er ebensowenig einen Hehl wie aus seinem Faible für den FC Bayern München. Vor allem aber plädiert er leidenschaftlich dafür, die europäische Integration voranzutreiben. Europa ist auch das Thema eines Impulsreferats, das Grubinger zu Beginn der Werkstatt Demokratie in Berchtesgaden hält. In das folgende Interview schaltet sich auch sein achtjähriger Sohn Noah ein.

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Heimat Europa" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

SZ: Herr Grubinger, Sie setzen sich vehement dafür ein, die europäische Integration zu vertiefen - und das in einer Zeit, in der die EU besonders unpopulär ist. Warum tun Sie sich das an?

Martin Grubinger: Weil ich zutiefst daran glaube, dass mehr Europa der richtige Weg ist. Ich empfinde mich als europäischen Patrioten. Und ich bin nicht allein: Wenn man auf andere Musiker trifft, dann merkt man, wie wir den europäischen Gedanken inhaliert haben. Es ist egal, ob jemand aus dem Baltikum kommt, aus England oder Portugal: Alle meine Musiker-Kollegen empfinden Europa als gemeinsame Heimat.

Die EU leuchtet als sinnvolles Projekt wohl den meisten EU-Bürgern ein, einen emotionalen Bezug können wenige entwickeln. Können Sie erklären, warum das so ist?

Für mich liegt das daran, dass der Neoliberalismus die europäische Idee gekapert hat. Wirtschaftsinteressen werden dermaßen überbetont, dass alles Übrige hinten runterfällt. Dazu kommt, dass nicht wenige Politiker Europa schlechtreden und sich von Rechtsnationalisten treiben lassen. So kann ein emotionaler Bezug schwer entstehen. Da waren ältere Politikergenerationen weiter.

Was hatten frühere Europapolitiker, das ihren Nachfolgern fehlt?

Nehmen wir Helmut Kohl. Der war nicht wirklich überzeugt davon, dass es ökonomisch für Deutschland die beste Lösung ist, die Mark für eine gemeinsame Währung aufzugeben. Aber er hatte als Jugendlicher noch den Krieg miterlebt. Er hat gesehen, wie in den Nachkriegsjahrzehnten aus Erbfeinden enge Freunde wurden. Kohl hat die Sinnhaftigkeit Europas verstanden. Willy Brandt hat ebenfalls wegen seiner Erlebnisse im Exil und in der Nachkriegszeit erkannt, dass man neue Wege gehen muss, auch wenn es anfangs unpopulär sein mag: in Brandts Fall war das die Ostpolitik. Der Kniefall von Warschau wurde damals sicherlich nur von einer Minderheit der Deutschen als richtig empfunden. Aber diese Geste war richtig. Und das vermisse ich an den heutigen Entscheidern. Die orientieren sich lieber an Umfragen, um sich die Mehrheitsmeinung auf Twitter, Instagram und Facebook zu sichern, anstatt mutig das Richtige zu tun. Inzwischen sind wir in einem Stadium, in dem wir radikale Schritte brauchen, um Europa zu retten.

Sprechen Sie sich für einen gemeinsamen europäischen Staat aus?

Aber natürlich. Wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa. Mit einer europäischen Verfassung, einer europäischen Regierung mit einem europäischen Präsidenten und einem wirklich mächtigen europäischen Parlament. Wir brauchen eine europäische Sozialunion und eine einheitliche europäische Steuergesetzgebung. Und natürlich auch eine europäische Armee und einen europäischen Geheimdienst, eine europäische Polizei und einen europäischen Außengrenzschutz. Dazu eine Sicherheitspolitik aus einem Guss und ein starkes entwicklungspolitisches Engagement in Afrika.

Noah Grubinger: Du hast was vergessen, Papa.

Richtig! Wir brauchen auch eine europäische Fußball-Nationalmannschaft. Mit Spielern wie Neuer und Ronaldo, mit Alaba und Kane, mit Griezmann und Lewandowski.

Eine solche Vorstellung eines EU-Superstaats macht nicht wenigen Menschen Angst. Was sagen Sie denen?

Denen rufe ich zu, dass wir nur als ein starkes Europa in den nächsten Jahrzehnten gegenüber Großmächten wie China, Indien und den USA bestehen können. Gerade wenn wir unsere Werte von Freiheit, Solidarität und gesellschaftlicher Liberalität bewahren wollen, geht das nur vereint.

Hat Ihre zentralistische Europa-Vision noch föderalistische Elemente?

Ja, nämlich erstarkte Regionen, in denen die Menschen ihre Heimat selbst verwalten. Was wir abstreifen sollten ist die mittlere Ebene: die Nationalstaaten. Wir sollten endlich den Mut haben, diese Ebene hinter uns zu lassen. Sollten die Nationalstaaten erhalten bleiben, plädiere ich für ein politisches System, vergleichbar mit den amerikanischen Bundesstaaten. Mit lokalem Einfluss - aber ohne weltpolitisches Gewicht.

Politisch sind solche Pläne derzeit ziemlich unpopulär. In Ihrer Heimat Österreich wollen nur die liberalen Neos die "Vereinigten Staaten von Europa".

Mag sein, aber das ändert nichts daran, dass das Ziel eines europäischen Staates richtig ist. Gerade an uns Künstlern liegt es, positiv voranzugehen. Wir können auf unterschiedlichste Art vermitteln, was die europäische Flagge bedeutet und die Europa-Hymne - Europa hat die schönste Hymne überhaupt! Europa ist mehr als der gemeinsame Markt und die vier Grundfreiheiten. Europa ist eine tiefe Emotion aus der Lehre, die wir aus der Vergangenheit ziehen. Jahrhunderte haben wir uns nur bekriegt, es gab Unterdrücker und Unterdrückte. Doch das ist nun vorbei: Wir haben uns auf gemeinsame Grundwerte geeinigt, wir verbinden in der EU die soziale Komponente, die Traditionen und die Vielfalt mit Freiheit, Sicherheit und Innovation. Darum beneidet man uns Europäer in aller Welt.

Wer beneidet uns denn? Ein Beispiel, bitte.

Gebe ich Ihnen gerne. Ich unterrichte am Mozarteum in Salzburg auch asiatische Studenten und habe auch vorher mit vielen gemeinsam gearbeitet. Bislang habe ich noch keinen Chinesen oder Koreaner erlebt, der zurück nach Asien wollte. Europa ist ein Sehnsuchtsort.