Jeremy Hunt Mays loyaler Minister, der nun Premier werden will

Außer Boris Johnson ist Jeremy Hunt der einzig verbliebene Kandidat im Rennen um den Parteivorsitz der Tories.

(Foto: REUTERS)

Seine Kritiker nennen ihn "Theresa May in Hosen". Allerdings hat er nur wenig mit der zurückgetretenen britischen Regierungschefin gemeinsam. Nun fordert er Boris Johnson heraus - ohne große Chancen.

Von Cathrin Kahlweit, London

Seine Kritiker nennen ihn "Theresa May in Hosen", was zeigen soll, dass Jeremy Hunt als Politiker anscheinend die selben Schwächen und Ansichten hat wie die wenig geliebte, scheidende Premierministerin. Wie Theresa May war Hunt vor dem Referendum von 2016 Remainer, wie sie hat er sich erst nach der Volksabstimmung öffentlich zum Brexit bekannt, wie sie hat er den Deal mit Brüssel unterstützt und, als Kabinettsmitglied, bei jeder Unterhaus-Abstimmung dafür gestimmt.

Und doch ist der Vergleich mit der Regierungschefin, die in vier Wochen ihr Amt entweder an Jeremy Hunt oder aber an dessen Kontrahenten im Ringen um ihre Nachfolge, an Boris Johnson, abgibt, in mehrerlei Hinsicht irreführend. Auch May trug regelmäßig Hosen. Und: Anders als sie hatte und hat Hunt ein Leben außerhalb der Partei, er hat in Japan gelebt, dort Englisch unterrichtet, hat drei Startups in den Sand gesetzt, bevor er mit einer Firma für Studienreisen ein erfolgreicher und millionenschwerer Unternehmer wurde. Er ist mit einer Chinesin verheiratet und war über viele Jahre ein anerkannt engagierter Gesundheitsminister. Vor einem Jahr ernannte ihn May dann zum Nachfolger von Johnson, als der seinen Posten im Außenministerium im Streit über Mays Brexit-Kurs hinwarf.

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Danach arbeitete Johnson als Hinterbänkler nur auf eines hin: auf ihren Sturz - und seinen Einzug in Downing Street. Hunt, 52, hingegen war immer loyal, das könnte ihm jetzt schaden. Er war nicht Mays Pudel, dazu war ihr keiner ihrer Minister nahe genug. Aber er war ein wichtiger Minister in ihrem Kabinett, der insofern mitverantwortlich zeichnet für das Austrittsabkommen, das im Parlament durchfiel. In den Augen vieler Mitglieder der Konservativen Partei ist Jeremy Hunt damit auch verantwortlich dafür, dass die Regierung am Brexit scheiterte und nun ein Nachfolger retten muss, was sie nicht liefern konnte.

In der so genannten leadership challenge, in der Hunt und Johnson sich als die beiden letzten in einem anfangs großen Bewerberfeld jetzt vier Wochen lang der Basis anpreisen müssen, hat Hunt eindeutig die schlechteren Karten. Johnson geht mit 160 Unterstützern aus der Fraktion in das Rennen, Hunt nur mit 77. Johnson ist der eindeutige Favorit der Parteibasis, das haben Umfragen ergeben. Kommentatoren britischer Medien raten Hunt daher nun, zu Beginn der Vorstellungstour durch das Land, mit Blick auf seinen Konkurrenten laut und deutlich die Charakterfrage zu stellen. Er müsse betonen, heißt es, dass er der verlässlichere, der seriösere, der erfolgreichere Kandidat sei, der zudem als amtierender Außenminister in Brüssel einen deutlich besseren Ruf hat als Johnson. Der gilt in der EU als Großmaul und Opportunist.

Das allerdings ist eine schwierige Rolle. Denn in der Partei, die den nächsten Premier wählt, könnte es schlecht ankommen, wenn der populärere Kandidat vom Gegner miesgemacht wird. Hunt wird also auf sein Verhandlungstalent abstellen, das er, wie er regelmäßig betont, als Unternehmer bewiesen habe, und auf seinen Ruf als solider Arbeiter, der auch Wähler anderer Parteien erreichen kann. Ansonsten unterscheidet die zwei Männer recht wenig. Hunt kommt als Sohn eines Admirals, wie Johnson, aus einer angesehenen Familie, er ist auf eine angesehene Privatschule gegangen, hat in Oxford studiert. Beide sind, wie Kritiker des Verfahrens sagen, ältere, weiße, wohlhabende, konservative Männer - Elite, die sich einer im Durchschnitt älteren, weißen, wohlhabenden, konservativen Parteibasis stellt.

Aber für Zweifel an der demokratischen Legitimation ist es jetzt ohnehin zu spät. Jeremy Hunt wird darum kämpfen, sich vom "Underdog", als den er sich bezeichnet, zum Bewerber mit Erfolgschancen hochzuarbeiten. Das ist allerdings noch ein weiter Weg. Derzeit geht das ganze Land davon aus, dass in vier Wochen Boris Johnson zum Sieger der Urwahl ausgerufen wird.

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