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Großbritannien blockiert neue EU-Verträge:"So egoistisch wie widersprüchlich"

In der Hauptstadt ist die Stimmung besonders gereizt. Der Gedanke, die EU könne den Londoner Finanzmarkt durch striktere Kontrollen benachteiligen, verschärfte die allgemeine Angst vor einer Rezession. Und das kurz vor dem Weihnachtsfest. Das Boulevardblatt Daily Mail präsentierte unlängst 50 Geschenke für weniger als 50 Pfund - "glanzvolle Ideen für Geschenke, die das Bankkonto nicht sprengen".

Cameron hatte im Parlament angekündigt, mit der "Mentalität einer Bulldogge" in Brüssel für den Finanzmarkt kämpfen zu wollen. Einem Bericht des Guardian zufolge forderte er ein Vetorecht für alle Fälle, in denen finanzpolitische Kompetenzen von der nationalen auf die europäische Ebene übergehen sollten. Und den Verbleib der Europäischen Bankaufsichtsbehörde in London, deren Zusammenführung mit der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde in Paris diskutiert wurde.

Nachdem Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Forderungen als "inakzeptabel" bezeichnete, ließ Cameron die Verhandlungen platzen. Die Bulldoggen-Attitüde behielt er in einer frühen Pressekonferenz gleich auf.

"Cameron ist ein Feigling"

Zwar wünschte Cameron den Ländern der Euro-Zone "alles Gute, weil wir wollen, dass sie ihre Probleme lösen". Dann fuhr er jedoch fort: "Die Institutionen der Europäischen Union gehören der Europäischen Union, den 27" - eine unverhohlene Drohung, der geplanten Fiskalunion die Nutzung der EU-Institutionen zu verweigern. Cameron sagte auch, er sei "glücklich", nicht der Euro-Zone anzugehören. Großbritannien werde ihr niemals beitreten und seine Souveränität nicht aufgeben.

Es folgten nicht minder scharfe Reaktionen: "Cameron ist ein Feigling", sagte Daniel Cohn-Bendit, der Ko-Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europaparlament, zu Spiegel Online. "Jetzt müssen wir die Briten treiben und sie über eine starke Finanzmarktregulierung dazu bringen, sich zu entscheiden: Wollen wir raus aus der EU oder wollen wir drinbleiben."

Der Vorsitzende der CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, Markus Ferber, bezeichnete die Haltung Großbritanniens als "so egoistisch wie widersprüchlich". In einer Mitteilung erklärte Ferber zudem: "Großbritannien muss sich entscheiden, ob es weiterhin als 27. Mitgliedstaat der Europäischen Union seine Zukunft selbst gestalten, oder lieber als 51. Bundesstaat der USA Befehle aus Washington empfangen will."

"Er ist noch weniger beliebt als ich"

Auch von seinem eigenen Koalitionspartner dürfte Cameron deutliche Worte zu hören bekommen. Die Liberal Democrats sind Europa freundlich gesinnt, ihr Vorsitzender Nick Clegg hatte vor dem Gipfel vor einem "Klub innerhalb des Klubs" gewarnt. Nun zeigte er sich enttäuscht, lobte jedoch die "bescheidenen Forderungen", die Cameron formuliert habe.

Zu denken geben dürfte dem Premier auch, dass nicht einmal die Euroskeptiker mit dem Ergebnis völlig zufrieden waren. "Es ist reizvoll zu glauben, dass Cameron einen großen Erfolg errungen hat", schrieb der UKIP-Vorsitzende Farage bei Facebook. "Aber das Versprechen, (den Finanzmarkt) City of London zu schützen, wurde nicht eingehalten."

Bei Twitter legte er schadenfroh nach: "Das Mittagessen der Staats- und Regierungschefs der EU ist abgesagt. Cameron ist in Europa noch weniger beliebt als ich."

Mit Material von dpa und Reuters