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Östliches Mittelmeer:Worum es im Streit zwischen Griechenland und der Türkei geht

Streit um Erdgas im östlichen Mittelmeer

Das türkische Forschungsschiff Oruç Reis im Juli vor der Küste Antalyas im Mittelmeer.

(Foto: Ibrahim Laleli/dpa)

Im Konflikt um Seegrenzen und Erdgas wollen Athen und Ankara immerhin wieder miteinander reden. Doch die Lage bleibt fragil.

Von Tomas Avenarius, Istanbul, und Tobias Zick

Das mächtige rot-weiße Schiff gehört längst zum politischen Inventar - wo immer die Oruç Reis auftaucht, macht sie Politik. Am vorletzten Wochenende fuhr das türkische Forschungsschiff wieder in seinen Heimathafen Antalya zurück, und kurz darauf beruhigte sich die politische Großwetterlage über dem östlichen Mittelmeer: Die Rückkehr der Oruç Reis sei ein "positiver erster Schritt", sagte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis: Er sei grundsätzlich bereit, am Verhandlungstisch über den Verlauf von Seegrenzen zu sprechen.

In den Wochen zuvor hatte die Oruç Reis Unruhe und Streit geschürt. Begleitet von türkischen Fregatten und Korvetten war das Schiff mit seinen seismischen Forschungseinrichtungen auf der Suche nach Erdgas durch Seegebiete im östlichen Mittelmeer gefahren. Diese werden von Griechenland und Zypern als Teile ihrer Außerordentlichen Wirtschaftszonen beansprucht. Doch die Türkei betrachtet diese Gebiete als Teil ihres eigenen Festlandssockels und will dort möglicherweise lagernde Rohstoffe selbst ausbeuten. Immer wieder treffen türkische und griechische Kriegsschiffe aufeinander. Frankreich stärkt dem EU-Partner Griechenland mit einem ins Mittelmeer entsandten Flugzeugträger den Rücken, schickt zwei Kampfflugzeuge nach Zypern, das ebenfalls EU-Mitglied ist.

Dabei wären Ankaras Drohgebärden nicht nötig. Vor einem Schiedsgericht hätte es gute Chancen, einen Teil seiner Ansprüche auf die Erdgasvorkommen im Mittelmeer durchzusetzen, sagte jüngst die Seerechtsexpertin der Universität Kiel, Nele Matz-Lück, der SZ. Aber eben mit Sicherheit nicht alle Ansprüche.

Die Türkei hat eine lange Küste, Griechenland viele Inselchen - wer hat also Anspruch auf das Meer davor?

So verhärtet wie in jüngster Zeit waren die Fronten nicht immer. Seit 1999 gab es immer wieder Sondierungsgespräche zwischen Athen und Ankara. Seit 2016 der damalige griechische Premier Alexis Tsipras die Verhandlungen abbrach, liegt der Dialog auf Eis. Doch jetzt sollen die bilateralen Gespräche wieder aufgenommen werden: Man habe sich darauf geeinigt, "in naher Zukunft" in Istanbul die 61. Runde der Sondierungen abzuhalten, teilte das griechische Außenministerium am Dienstagabend mit. Kurz zuvor hatte der türkische Präsidentenberater İbrahim Kalın in Ankara vor Journalisten gesagt, die türkische Seite sei ja "nie vom Verhandlungstisch aufgestanden".

Kern des Konflikts ist die Frage, wie weit der türkische Festlandssockel im östlichen Mittelmeer reicht. Der Festlandssockel ist die Verlängerung der Landmasse eines Staates. In diesem Meeresgebiet von mindestens 200 Seemeilen darf ein Land exklusiv Rohstoffe abbauen. Die Reichweite des türkischen Festlandssockels ist aber unklar: Die Ägäis und andere Teile des östlichen Mittelmeers sind übersät mit Inseln, die fast alle griechisch sind. Nach dem UN-Seerechtsabkommen UNCLOS, das die meisten Staaten 1982 unterzeichnet haben, dürfen Staaten "Ausschließliche Wirtschaftszonen" (AWZ) rund um ihre Meeresterritorien ausrufen. Die AWZ-Regelung gilt auch für Inseln, egal ob sie eigene Staaten bilden wie Zypern - oder zu Festlandstaaten gehören, wie die griechischen Ägäis-Inseln.

Das östliche Mittelmeer mitsamt seiner Rohstoffe wird so quasi zum exklusiv griechischen Gewässer, obwohl die Türkei selbst eine sehr lange Mittelmeerküste hat und damit theoretisch einen breiten Festlandssockel. Dies erklärt, weshalb der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu immer wieder erzürnt an die kleine griechische Insel Kastellorizo erinnert. "Kastellorizo ist nicht einmal drei Kilometer vom türkischen Festland entfernt, bis zum griechischen Festland sind es von der Insel aus aber mehrere Hundert Kilometer." Dennoch, und das zu betonen wird er nicht müde, beansprucht Athen allein für Kastellorizo eine AWZ, die ein "Vielhundertfaches der Fläche" der kleinen Insel hat.

Für die Griechen ist Kastellorizo allerdings weit mehr als irgendein winziges Eiland im fernen Osten seines Staatsgebiets. Just am vorletzten Samstag, dem Tag, an dem die Oruç Reis wieder in Antalya anlegte, besuchte Griechenlands Präsidentin Katerina Sakellaropoulou die Insel und legte einen Kranz am dortigen Soldatenfriedhof nieder. Es war der 77. Jahrestag der Befreiung von Kastellorizo von der Besatzung durch italienische Truppen. Der türkische Präsident kritisierte den Gedenk-Besuch als "Machtdemonstration".

Beide Seiten vertrauen nicht allein auf diplomatische Lösungen

Ankara ist dem UN-Seerechtsabkommen im Gegensatz zu Griechenland und Zypern nie beigetreten. Es sieht sich an den griechischen Anspruch auf "Ausschließliche Wirtschaftszonen", die den türkischen Festlandssockel beschneiden, nicht gebunden. Stattdessen beruft sich die Türkei auf den Friedensvertrag von Lausanne, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Untergang des Osmanischen Reichs 1923 die Grenzziehung zwischen der gerade erst gegründeten türkischen Republik und Griechenland festlegte. Andererseits aber beruft sich Ankara auf das UNCLOS, wenn es ihm passt: etwa bei seinem umstrittenen Seerechtsabkommen mit Libyen; die 2019 geschlossene Vereinbarung markiert riesige AWZ dieser beiden nicht direkt benachbarten Staaten und das auf Kosten Griechenlands.

Wenn jetzt tatsächlich, auch dank intensiver Vermittlungen aus Berlin und Brüssel, der Dialog zwischen Athen und Ankara wieder aufgenommen wird, könnte das zumindest eine Basis für mittelfristige Entspannung in der Region schaffen. Zugleich zeigen beide Seiten, dass sie nicht allein auf diplomatische Lösungen vertrauen wollen. Griechenlands Premier Mitsotakis hat kürzlich bekannt gegeben, unter anderem 18 französische Rafale-Jets, vier neue Fregatten und vier Kampfhubschrauber anzuschaffen.

Am Dienstag besuchte Zivilschutzminister Michalis Chrysochoidis die Region am Grenzfluss Evros, um mit lokalen Behörden über die Pläne für einen neuen Grenzzaun und verstärkte Patrouillen zu sprechen. Am Evros hatten sich im Frühjahr bürgerkriegsähnliche Szenen abgespielt, nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan verkündet hatte, er werde Migranten auf dem Weg in Richtung EU nicht mehr aufhalten - und griechische Sicherheitskräfte Tränengas auf die herandrängenden Menschen schossen.

Wie fragil die Verhältnisse im östlichen Mittelmeer bleiben, zeigte wenige Tage nach der Rückkehr der Oruç Reis die Reiseroute eines anderen türkischen Forschungsschiffes: Die Regierung verlängerte die Sucharbeiten der Barbaros Hayreddin Paşa. Sie soll nun bis Mitte Oktober in den Gewässern südöstlich von Zypern nach Erdgas suchen - in einem Seegebiet, das die Republik Zypern beansprucht.

© SZ vom 23.09.2020
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