Griechenland:"Es war eine Einbahnstraße, wir mussten zustimmen"

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Griechenland: Pensionäre in Athen diskutieren. Sie betrifft eine der wichtigen Reformen, zu denen sich Premier Tsipras verpflichtet hat.

Pensionäre in Athen diskutieren. Sie betrifft eine der wichtigen Reformen, zu denen sich Premier Tsipras verpflichtet hat.

(Foto: Emilio Morenatti/AP)

Die Griechen sind erleichtert, dass der Brüsseler Deal den Grexit verhindert. Sie spekulieren über Neuwahlen und eine Syriza-Spaltung - doch Premier Tsipras ist unangefochten.

Von Matthias Kolb, Athen

Vicky Skopelity ist enttäuscht. "Das Land hat Nein zu mehr Sparmaßnahmen gesagt und Tsipras schließt einen Deal, der noch mehr Austerität bringt", klagt sie. Für die 30-Jährige steht fest, dass der griechische Premier sein Volk nicht mehr vertrete. Die Details der Einigung, die der Euro-Gipfel nach 17 Stunden Verhandlung in Brüssel erreicht hat, verbreiten sich schnell im Zentrum von Athen. Die Menschen diskutieren erhitzt - und kommen zu unterschiedlichen Schlüssen.

Herkules Votanos ist erleichtert, dass eine Lösung gefunden wurde: "Ja, die Maßnahmen sind sehr hart, aber es gibt keine Alternative." Der Rentner trinkt seinen morgendlichen Espresso in einem Café in Kolonaki und hofft, dass sich nun alles zum Besseren wendet. "Bisher hatten die Selbständigen und die Angestellten der Firmen die größte Last zu tragen, nun müssen auch die Beamten ihren Teil leisten", sagt der ehemalige Speditionsunternehmer. Er hat beim Referendum mit Ja votiert.

Er erwartet, dass der Premier bis zum Mittwoch eine Mehrheit im Parlament bekommen werde - aber nur dank der Opposition. "Tsipras wird die linken Störenfriede rauswerfen, danach wird vieles leichter werden", sagt Votanos. Beobachter in Athen rechnen damit, dass eine Kabinettsumbildung unmittelbar bevorsteht: Sicher sind sich die meisten, dass Energieminister Panagiotis Lafasanis und der Vizeminister für Soziales, Dimitris Stratoulis, entlassen werden. Beide gehören zur Führungsriege der "Radikalen Linken" innerhalb Syrizas und haben am Freitag im Parlament gegen das Mandat gestimmt. Sie könnten womöglich eine eigene Partei gründen.

Ähnliches erwartet auch der Apotheker Jannis Sakellaris, doch er hält auch Neuwahlen im Herbst für möglich. Tsipras sei zu unerfahren und ihm fehle das nötige Fachwissen: "Allein schafft er das nicht." In seinen Augen sei Syriza keine Partei, sondern eine "Ansammlung von verschiedensten Leuten, inklusive Steinzeit-Kommunisten. Wir brauchen übergangsweise eine Regierung aus allen proeuropäischen Kräften", sagt der 76-Jährige. Nur so lasse sich das Schlimmste verhindern.

Furcht vor Rezession und noch weniger Konsumbereitschaft

Sakellaris ist nicht wirklich zufrieden mit der Brüsseler Einigung, doch er habe mit harten Maßnahmen gerechnet: "Es war eine Einbahnstraße, wir mussten dem Deal zustimmen." Ihn stört, dass die Anreize für Wachstum und Investitionen fehlen - erneut würden Steuern erhöht, wodurch der Konsum weiter zurückgehen werde.

Dass die beschlossenen Maßnahmen Griechenland weiter in die Rezession treiben könnten, gibt auch Premier Tsipras zu. Er betont aber nach dem stundenlangen Treffen : "Wir haben vermieden, dass wir finanziell erdrosselt werden und unser Banksystem kollabiert." Der Syriza-Chef hebt die Restrukturierung der Schulden hervor, die nun erreicht wurde - und über die vor dem Referendum nicht geredet werden sollte. Seine Erklärung enthält auch folgende Sätze: "Der Grexit gehört der Vergangenheit an und wir brauchen radikale Reformen."

Auch wenn einige Griechen wie Vicky Skopelity nun Tsipras' gebrochene Versprechen kritisieren: Er hat umgesetzt, was sich die Mehrheit der Griechen wünscht. In einer Umfrage vom Wochenende, die von der Zeitung Parapolitika in Auftrag gegeben wurde, wünschten sich 75 Prozent der Befragten eine Einigung - und 84 Prozent wollen Athen weiterhin in der Euro-Zone sehen. Nach vorgezogenen Wahlen würde der neue Premier wieder Alexis Tsipras heißen: Syriza kommt auf etwa 40 Prozent und lässt die konservative Nea Dimokratia (etwa 19 Prozent) und die eher linksliberale To Potami (etwa fünf Prozent) weiter hinter sich.

"Merkel und Schäuble wollen unsere Regierung umbilden"

Zu Tsipras gibt es für viele Griechen keine Alternative, er genießt ihr Vertrauen. Das zeigt sich etwa in einem Kleidungsgeschäfts im Zentrum Athens. "Ich habe im Januar für ihn gestimmt und ich werde ihn wieder wählen", sagt der Verkäufer John Avdelos. Natürlich sei er etwas enttäuscht, weil die beschlossenen Maßnahmen sehr hart seien, doch Avdelos schätzt es, dass Tsipras es als Erster versucht hat, sich der Sparpolitik entgegenzustellen.

Es werde mindestens fünf Jahre dauern, bis Griechenland aus der Krise komme, vermutet er. Sein Chef, der seinen Namen nicht nennen will, ergänzt: "Meine Familie führt diesen Laden und niemals lief das Geschäft so schlecht. Dieser Deal verbessert nichts." Beide sagen, dass sie empört waren, als sie das erste Mal von "50-Milliarden-Fonds" gehört hätten, auf denen Deutschland bestanden habe (Details hier). Sie vermuten hinter dem Handeln der deutschen Regierung, sie wolle das griechische Kabinett umbilden oder gar die Regierung zu stürzen.

"Immerhin eine Einigung"

Die griechischen Nachrichtenseiten halten sich mit Kommentierung noch zurück. Ta Nea, die beliebteste Zeitung des Landes, titelt: "Schwierige Einigung, aber immerhin eine Einigung". Die liberal-konservative Kathimerini bilanziert noch nüchterner: "Einstimmiges Ergebnis nach 17 Stunden Verhandlungen". Und auch die Syriza nahestehende Efsyn schreibt: "Das Resultat eines dramatischen Kurses" - und betont, dass Tsipras keine andere Wahl gehabt habe.

Auch Spoletis, die enttäuschte Nein-Wählerin, gibt zu, dass sie anderen Politikern und Parteien noch weniger als Tsipras vertraue. "Ich wünsche mir einfach, dass wir Griechen als ganz normale Menschen behandelt werden. Ich kenne so viele, die hart arbeiten und etwas ändern wollen", sagt sie. Eine herablassende Haltung habe ihr Volk nicht verdient - die Griechen würden bestraft, weil ihre Politiker so schlecht und unzuverlässig seien.

Die griechischen Abgeordneten haben nun zwei Tage Zeit, um ihren Ruf zu verbessern und Vertrauen zu schaffen: Bis Mittwochabend müssen sie dem Paket zustimmen, damit das dritte Kreditprogramm auf den Weg gebracht werden und auch der Bundestag darüber abstimmen kann. Da wird sich zeigen, ob Spoletis' Wunsch in Erfüllung geht - oder ob vor allem die Abgeordneten von CSU und CSU weiter auf die Hellenen schimpfen werden.

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