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Gewalt in den USA:Wer steht hinter #BlueLivesMatter?

Mit Blumen und Kerzen bekunden Menschen ihr Mitgefühl vor dem Hauptquartier der Polizei in Dallas.

(Foto: AFP)
  • Nach den Polizistenmorden von Dallas solidarisieren sich bundesweit Amerikaner mit den getöteten Polizisten und ihren Kollegen.
  • "Blue Lives Matter" ist das Gegenstück zu "Black Lives Matter".
  • Doch an sozialem Frieden ist der Pro-Polizei-Bewegung nicht gelegen.

Der vergangene Donnerstag war der tödlichste Tag für die US-amerikanische Polizei seit dem 11. September 2001. In der texanischen Metropole Dallas erschießt der 25 Jahre alte Afghanistan-Veteran Micah Xavier Johnson am Abend des 7. Juli aus dem Hinterhalt fünf weiße Polizisten und verletzt sieben weitere. Die Tat gilt als Reaktion auf die jüngsten Fälle rassistischer Polizeigewalt in den USA: Der Tod von Alton Sterling aus Baton Rouge, Louisiana und Philando Castile aus Falcon Heigths, Minnesota.

Bundesweit signalisieren Amerikaner ihre Solidarität mit den getöteten Polizisten und ihren Kollegen, die in ihren Augen täglich im Dienst ihr Leben für die Sicherheit der Bürger riskieren. Auf Twitter laufen die Bekundungen unter #bluelivesmatter und nehmen teils bizarre Formen an:

"Wenn du denkst, es sei eine gute Idee, einem Polizisten aufzulauern, denk daran: Es gibt genug bewaffnete amerikanische Patrioten, die mit Freuden den Gangster niederschießen, der versucht, einen Cop zu töten." Als Reflex auf die Bilder des Attentats in Dallas mag solch eine Reaktion halbwegs verständlich sein - mit friedlicher Solidaritätsbekundung hat eine solche Aussage nichts zu tun.

Uniform gegen Hautfarbe

Die "Blue Lives Matter"-Bewegung formierte sich vor zwei Jahren als Gegengewicht zu "Black Lives Matter". Der derzeitige Sprecher der bundesweiten Pro-Polizei-Bewegung ist der pensionierte Polizist Randy Sutton, der seinen Staatsdienst unter anderem 24 Jahre lang in Las Vegas verrichtete. Der 59-Jährige sieht sich als Sprachrohr von Zigtausenden Polizisten im Land. Er sagt, dass der Name seiner Organisation nicht nur eine Anspielung sondern ein bewusster Angriff auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung Black Lives Matter ist. "Blaue" Leben gegen "schwarze". Polizeiuniform gegen Hautfarbe.

Die Protest-Geschichte von Black Lives Matter reicht drei Jahre zurück. Ihr Beginn fällt mit dem Urteil im Prozess gegen den Nachbarschafts-Wächter George Zimmerman zusammen. Dieser musste sich für die Tötung des Schwarzen Trayvon Martin in Sanford, Florida, verantworten und wurde freigesprochen. Die Bewegung begann in sozialen Medien, mit #blacklivesmatter. Als ein Jahr später in Ferguson der Polizist Darren Wilson den unbewaffneten Schwarzen Michael Brown erschoss, demonstrierten bundesweit Tausende gegen unrechtmäßige Polizeigewalt und tief in der Gesellschaft verankerten Rassismus. Die Bürgerrechtler, die dezentral organisiert und keine offiziellen Sprecher haben, wurden landesweit bekannt.

Polizisten und Ex-Polizisten fühlen sich falsch dargestellt

Daraufhin gründeten Polizisten und Polizeibeamte im Ruhestand die Gegenbewegung Blue Lives Matter; um - wie es auf ihrer Webseite heißt - "den glatten Lügen und Verzerrungen der Wahrheit" etwas entgegenzusetzen, "die Aufrührer über den Polizeibeamten Wilson und alle Polizeibeamten" nach dem Tod von Brown verbreiteten. Sie rufen auf zum Schutz von Männern und Frauen in Uniform. Ihre Rufe wurden lauter als ein halbes Jahr nach dem Tod von Brown zwei Polizisten in New York in ihrem Streifenwagen erschossen werden. Der Schütze soll vor seiner Tat in sozialen Medien seine Wut über die Ereignisse in Ferguson kundgetan haben.

Auf der Totenwache für ihre beiden in New York erschossenen Kollegen fanden sich einige Polizisten zu Blue Lives Matter zusammen. In ihrem Profil steht, dass sie als Medienunternehmen organisiert sind, um der Berichterstattung über Fälle von Polizeigewalt ihre eigenen Versionen entgegen zu können. Medien berichten in ihren Augen eher polizei-feindlich und stehen auf der Seite der Bürgerrechtler. Der Todesschütze Darren Wilson ist in ihren Augen schlicht ein pflichtbewusster Polizist, der Brown erschießen musste, um sein eigenes Leben zu verteidigen. Den einzigen Zweck von Black Lives Matter sehen die Köpfe von Blue Lives Matter darin, Polizeivollzugsbeamte zu schmähen und zu verunglimpfen.

"Sie werden erschossen, erstochen, geschlagen. (...) Niemand redet darüber", so schildert Organisations-Sprecher Sutton das tägliche Schicksal seiner Kollegen, die noch nicht wie er im Ruhestand sind. Auf Facebook haben die Polizei-Unterstützer rund 900 000 Likes - und damit fast genauso viele, wie es Polizisten in den USA gibt.

"Rolling Stone": Es ist nicht nötig anzumerken, dass auch blaue Leben zählen

Einige Afro-Amerikaner fühlen sich von der Pro-Polizei-Bewegung verraten. Black Lives Matter-Sympathisantin Tiffany Mitchell etwa sagt, dass diese vom eigentlichen Problem, dem strukturellen Rassimus und der Polizeigewalt ablenke. "Es ist, als ob sie Huckepack reiten und genau dasselbe machen wollen", sagt die 31-Jährige.

"Es ist mir herzlich egal, ob Black Lives Matter verärgert ist", sagt Sutton. Er sieht sich als Sprachrohr Zigtausender Polizisten im Land. "Wenn niemand die Seite des Polizeibeamten erzählt, wirst Du nur die Propaganda hören", sagt der Ex-Polizist.

Während Sutton sich darum bemüht, dass die Fronten zwischen den beiden Bewegungen sich nicht verschieben und eine Aussöhnung weit entfernt bleibt, sagt Mitchell: "Wir wissen, dass alle Leben zählen".

So sieht das auch US-Präsident Barack Obama, der sich nach den Polizistenmorden von Dallas an die amerikanische Bevölkerung wandte: "Wenn Menschen sagen, dass schwarze Leben zählen, heißt das nicht, dass blaue Leben nichts zählen. Es bedeutet einfach nur, dass alle Leben wichtig sind." Doch die Statistik zeige, dass Schwarze eher Opfer von Polizeigewalt werde als Menschen mit einer anderen Hautfarbe. "Doch wir wollen nicht den Werte verschiedener Leben gegeneinander aufwiegen."

Eine Autorin des Rolling Stone schreibt, dass es nicht nötig sei zu bemerken, dass auch "blaue" Leben etwas zählen. Blue Lives Matter liegt ihr zufolge eine falsche Logik zu Grunde. Eine Uniform mit einer Hautfarbe gleichzusetzen, funktioniere nicht, schreibt Natasha Lennard. Eine Uniform könne man ablegen, eine Haut dagegen nicht. Zudem assoziierten die Menschen in den USA die Dienstkleidung eines Polizisten mit Autorität, Straflosigkeit und Macht - während schwarze Hautfarbe gegenteilige Gedanken hervorrufe.

(Mit Material von dpa)

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