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Fünf erschossene Polizisten:Wie Dallas um Haltung ringt

Trauer in Dallas

Schock in Dallas: Viele Bürger zeigen vor dem Polizeihauptquartier in der texanischen Stadt ihre Solidarität mit der Polizei.

(Foto: AP)

Nach der Hinrichtung von fünf Polizisten beschwört die Stadt mit #DallasStrong die eigene Stärke. Der Bürgermeister wirft seiner Generation vor, beim Kampf gegen Rassismus versagt zu haben.

Reportage von Matthias Kolb, Dallas

Die Sonne brennt erbarmungslos hinunter, doch den Menschen vor dem Polizeihauptquartier in Dallas ist das egal. Zwei Streifenwagen stehen auf dem Platz an der Ecke South Lamar und Belleview Street und sie sind überhäuft mit Blumen, Luftballons, Stofftieren und handgeschriebenen Briefen. "Back the Blue" steht auf vielen Zetteln, denn um Unterstützung für die Männer und Frauen in den dunkelblauen Uniformen geht es vielen Bürgern.

Sie umarmen die Beamten, posieren für Fotos und bringen Essen vorbei. "Es ist einfach überwältigend. Drei Zimmer sind voll mit Geschenken", sagt Detective Albert Sanchez und deutet nach hinten auf das Gebäude. Er arbeitet seit sieben Jahren als Polizist, doch am Vorabend, als der mutmaßliche Einzeltäter Micah Xavier Johnson aus dem Hinterhalt fünf Cops erschoss, hatte er frei. Wie der Rest der Welt erfuhr Sanchez aus den Medien von dem Anschlag.

Seine Kollegin S. McGee war hingegen im Dienst und beschreibt die Anti-Rassismus-Demo als "völlig friedlich". Plötzlich seien Schüsse gefallen ("ich wusste sofort, dass es kein Feuerwerk war") und sie sei mit anderen Polizisten in Richtung des El Centro College gelaufen. "Wirklich verarbeitet habe ich noch immer nicht, was passiert ist", sagt McGee. Ihre Schicht habe morgens um 5.20 Uhr begonnen. Die Sympathie der Bürger sei eine willkommene Ablenkung von den furchtbaren Ereignissen.

Erinnerung an Kennedy-Ermordung 1963

Eine Meile entfernt, deutlich näher zum abgesperrten Tatort, sitzt eine Psychologin in der kühlen Zentralbibliothek. Im Auftrag der Stadt bietet sie den kommunalen Angestellten und allen Bürgern kostenlose Beratung an. Bisher seien jedoch nur wenige gekommen, sagt sie: "Alle stehen unter Schock. Bis gestern waren die Innenstadt und der Weg zur Arbeit sicher, aber dieses Gefühl ist nun weg. Es dauert meist Tage oder Wochen, bis die Leute sich öffnen."

Oftmals führe ein solches Ereignis auch dazu, dass alte Traumata wieder hervorträten, sagt die Psychologin, die ihren Namen nicht nennen will. Sie ist Anfang 60 und hat ihr ganzes Leben in der Millionenstadt Dallas verbracht. Das Attentat weckt bei ihr schlimme Erinnerungen. "Ich bin alt genug, um mich an die Ermordung von John F. Kennedy zu erinnern. Nun ist es wieder passiert: Wer den Namen Dallas hört, der hat schreckliche Assoziationen."

Diesen Eindruck beschreibt auch Jacquielynn Floyd von der Dallas Morning News in ihrer Kolumne: "Wieder einmal wird Dallas berühmt - aus genau den falschen Gründen." Ihr Text geht online, als der Heckenschütze noch nicht von einem Roboter getötet worden ist und endet mit den Worten: "Terrorismus kann uns verletzen, aber er gewinnt nicht. Das ist unsere Stadt und wir lassen das nicht zu."

"Wir lassen uns nicht unterkriegen"

Dies ist auch die Botschaft von Mike Rawlings, dem Bürgermeister von Dallas. Am Nachmittag steht der Demokrat im Rathaus neben dem texanischen Gouverneur Greg Abbott, einem Republikaner. Beide beschwören die Einheit der Stadt. Abbott lobt die Ausdauer und Zähigkeit der Texaner. "Wir lassen uns nicht unterkriegen und werden zusammenarbeiten", so lautet das Credo. Viele Rathausmitarbeiter tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Unite Dallas" und das kämpferische #DallasStrong ist nicht nur in den sozialen Netzwerken dauerpräsent.

Die bemerkenswerteste Rede hatte Rawlings, der vor seiner Polit-Karriere Chef von Pizza Hut war, zu diesem Zeitpunkt schon gehalten. Bei einem überparteilichen Gottesdienst fordert der 61-Jährige am Mittag ein Umdenken. "Wir dürfen nicht vor der Tatsache zurückschrecken, dass wir als Stadt, als Staat und als Land mit Rassismus zu kämpfen haben", ruft Rawlings.

So wie die Debatte rund um das Tabuwort race geführt werde, spalte sie die Gesellschaft. "Ja, das Thema ist kompliziert, doch Amerika muss lernen, Nuancen wahrzunehmen", so Rawlings. Alles andere wäre feige.

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