Corona-Pandemie:Ohne Geld vom Staat droht manchen Einrichtungen der Konkurs

Hinzu kommt: In den Wohneinrichtungen arbeiten keine Pflegefachkräfte, sondern hauptsächlich Pädagogen, sagt der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel. Dieser Umstand habe schon vor der Krise zu Missverständnissen geführt, etwa, weil Krankenhäuser die Menschen für medizinisch gut betreut halten und sich deshalb weigern, sie aufzunehmen. Dieser Missstand könnte jetzt besonders fatale Konsequenzen haben. "Die Coronakrise verschärft bestehende Problemlagen für viele Menschen mit Behinderungen leider deutlich", sagt Dusel.

Schutz für Heime

Die rasante Ausbreitung des Corona-Virus bringt immer mehr Menschen in deutschen Pflege- und Altenheimen in Lebensgefahr. 15 Tote in einem Wolfsburger, 13 Tote in einem Würzburger Pflegeheim, mehr als 20 Infizierte in einer Seniorenresidenz im ostthüringischen Triptis. Auch in anderen Einrichtungen steigt die Zahl der Ansteckungen - bei Bewohnern und Pflegekräften. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert deshalb angepasste Schutzkonzepte für Alten- und Pflegeheime. Beim Auftreten von grippeähnlichen Symptomen bei Bewohnern oder Mitarbeitern sollten sofort alle im Heim getestet werden und bei positivem Befund das örtliche Gesundheitsamt sofort das medizinische Management übernehmen. Ärztliche Taskforces vor Ort sollten Isolierungsmaßnahmen überwachen. SZ

Die Bundesregierung hat zwar vergangene Woche ein Sozialschutzpaket auf den Weg gebracht, das auch soziale Einrichtungen wie etwa Behindertenwerkstätten unterstützen soll. Diese müssen schließlich wegen der Infektionsgefahr geschlossen bleiben, ohne Geld vom Staat droht ihnen der Konkurs.

Doch die Wohneinrichtungen stehen derzeit nicht unter diesem Schutzschirm. "Wir stellen aber fest, dass hier das Personal in dieser besonderen Situation nicht ausreicht", sagt Dusel. Denn die Mitarbeiter müssen jetzt nicht nur mit dem Coronavirus fertig werden, sondern zusätzlich Menschen betreuen, die sonst den Tag in der Werkstatt verbringen. Wie überall steigen zudem die Kosten für Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. "Für diese Finanzierungslücke muss jetzt schnell eine Lösung gefunden werden", sagt Dusel.

Schulung für den Einsatz im Heimalltag nötig

Vom zuständigen Bundessozialministerium heißt es, "soweit möglich" solle nun "das frei werdende Personal der Werkstätten" in den Wohneinrichtungen eingesetzt werden. Doch ganz so einfach ist das in der Praxis nicht.

In den Werkstätten arbeiten schließlich Mechanikerinnen oder Köche, die zwar eine pädagogische Weiterbildung bekommen haben, doch für den Einsatz im Heimalltag erst geschult werden müssen, sagt die Geschäftsführerin der Caritas Behindertenhilfe, Janina Bessenich. Zumal damit an all die Menschen, die heute allein oder in Kleingruppen leben, noch gar nicht gedacht ist.

Vom Sozialministerium heißt es zwar, die ambulante Betreuung der Menschen werde "regelmäßig fortgeführt" und durch "telefonische Kontakte und Kommunikation über die sozialen Medien" ergänzt. Ärztin Andrino, die viele dieser Menschen und auch sozial schwache Familien betreut, die ein Kind mit Behinderung haben, macht sich dennoch Sorgen. Sie fürchtet jetzt zunehmend "Kindeswohlgefährdung" in den Familien - unter dem Druck der Isolation.

Zur SZ-Startseite
Erfahrungen bayerischer Kliniken mit neuen Pflegeuntergrenzen

ExklusivLohngerechtigkeit
:Tausende Pflegekräfte und Verkäufer müssen aufstocken

Kassiererinnen, Pflegekräfte, Krankenhauspersonal: Viele, auf die es in der Corona-Krise ankommt, müssen Sozialleistungen in Anspruch nehmen, weil ihr Gehalt zum Leben nicht reicht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB