Süddeutsche Zeitung

Corona-Pandemie:13 Millionen Menschen, einfach übersehen

  • Knapp 13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung leben laut dem aktuellen Teilhabebericht der Bundesregierung in Deutschland.
  • Von der Corona-Krisenpolitik wurden sie bisher offenbar übersehen.
  • Während etwa für Altenheime Schutzkonzepte entstanden sind, werden Behinderteneinrichtungen im Moment überwiegend sich selbst überlassen.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

In einem Heim im Kölner Stadtteil Chorweiler leben 24 Menschen. 14 von ihnen sind mit dem Coronavirus infiziert, mehrere Mitarbeiter erkrankt. Eine Bewohnerin starb bereits an der Lungenkrankheit, und auch die anderen Patienten sind besonders gefährdet, dass Covid-19 bei ihnen schwer verläuft, denn sie alle gehören zur Risikogruppe.

In dieser Einrichtung leben keine alten Leute, hier wohnen Menschen mit Behinderungen. Und weil das so ist, stehen ihre Betreuer jetzt vor außergewöhnlich großen Problemen. Während für Altenheime in den vergangenen Wochen Schutzkonzepte entstanden sind und Pflegekräfte auf Atemschutzmasken vom Staat hoffen können, sind Behinderteneinrichtungen im Moment überwiegend sich selbst überlassen.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Als Corona in dem Kölner Heim des Vereins Lebenshilfe ausbrach, musste dessen Landesverband über soziale Medien nach Tipps für Schutzmasken fahnden. "Gegen Bezahlung oder Spende - wir holen auch ab!", so lautete der Hilferuf auf Facebook. Ein Mann empfahl, "die Pegasus-Apotheke in Köln Chorweiler hatte gestern Masken vorrätig" - "Leider schon wieder ausverkauft", antwortete die Lebenshilfe. Auch "Scheidings Lagerverkauf Dortmund" konnte nicht helfen. Schließlich kamen "zumindest ein paar Dutzend zusammen", schrieb der Verband. Man habe die Masken jedoch mit horrenden Preisaufschlägen einkaufen müssen, sagt Lebenshilfe-Sprecher Philipp Peters.

Das Schutzmaterial sei in allen Einrichtungen ein Engpass, obwohl die Mitarbeiter gerade hier besonders vorsichtig sein müssten. "Die Politik sollte Menschen mit Behinderungen als Risikogruppe in den Fokus nehmen", sagt Peters. Knapp 13 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung leben laut dem aktuellen Teilhabebericht der Bundesregierung in Deutschland, das sind mehr als 15 Prozent der Bevölkerung. Von der Corona-Krisenpolitik wurden sie bisher offenbar trotzdem übersehen.

Eine Umarmung zum Trost

Maria del Pilar Andrino ist Ärztin, sie leitet in Essen ein Gesundheitszentrum für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Sie sagt, dass nicht nur die Menschen, die körperlich behindert sind und Probleme mit ihrem Herzen oder ihrer Lunge haben, besonders von dem Coronavirus bedroht sind, sondern auch etwa diejenigen mit Trisomie 21. Sie hätten schon in normalen Zeiten eine höhere Wahrscheinlichkeit, "intensiver" an Infekten zu erkranken und in die Klinik zu müssen, wenn sie sich ein Virus eingefangen haben, sagt sie: "Wenn ich das auf Covid-19 übertrage, muss ich davon ausgehen, dass Menschen mit bestimmten Syndromen und kognitiven Einschränkungen ein höheres Risiko haben."

Zugleich ist es schwer, Menschen mit einer geistigen Behinderung rechtzeitig zu helfen, wenn sie sich infiziert haben. Ihnen fehlen schließlich oft die Worte, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich krank fühlen. Vorsichtsmaßnahmen sind für sie eine besondere Herausforderung.

Die Leiterin der betroffenen Einrichtung in Köln-Chorweiler, Ruth Muckle, beschrieb im Lokalfernsehen, wie schwer die Situation für die Bewohner jetzt ist: "Viele haben nicht das Verständnis dafür, wie das geht mit dem Händewaschen oder wie man das jetzt aushalten soll, in seinem Zimmer zu bleiben". Auch der Corona-Tod ihrer Mitbewohnerin habe die Menschen schwer getroffen. Eine Umarmung zum Trost sei aber gerade unmöglich. Für ihre Mitarbeiter sei dies alles ein "Riesenkraftakt, viele sind die ganze Zeit über ihre Grenzen gegangen", sagt Muckle.

Ohne Geld vom Staat droht manchen Einrichtungen der Konkurs

Hinzu kommt: In den Wohneinrichtungen arbeiten keine Pflegefachkräfte, sondern hauptsächlich Pädagogen, sagt der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel. Dieser Umstand habe schon vor der Krise zu Missverständnissen geführt, etwa, weil Krankenhäuser die Menschen für medizinisch gut betreut halten und sich deshalb weigern, sie aufzunehmen. Dieser Missstand könnte jetzt besonders fatale Konsequenzen haben. "Die Coronakrise verschärft bestehende Problemlagen für viele Menschen mit Behinderungen leider deutlich", sagt Dusel.

Schutz für Heime

Die rasante Ausbreitung des Corona-Virus bringt immer mehr Menschen in deutschen Pflege- und Altenheimen in Lebensgefahr. 15 Tote in einem Wolfsburger, 13 Tote in einem Würzburger Pflegeheim, mehr als 20 Infizierte in einer Seniorenresidenz im ostthüringischen Triptis. Auch in anderen Einrichtungen steigt die Zahl der Ansteckungen - bei Bewohnern und Pflegekräften. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert deshalb angepasste Schutzkonzepte für Alten- und Pflegeheime. Beim Auftreten von grippeähnlichen Symptomen bei Bewohnern oder Mitarbeitern sollten sofort alle im Heim getestet werden und bei positivem Befund das örtliche Gesundheitsamt sofort das medizinische Management übernehmen. Ärztliche Taskforces vor Ort sollten Isolierungsmaßnahmen überwachen. SZ

Die Bundesregierung hat zwar vergangene Woche ein Sozialschutzpaket auf den Weg gebracht, das auch soziale Einrichtungen wie etwa Behindertenwerkstätten unterstützen soll. Diese müssen schließlich wegen der Infektionsgefahr geschlossen bleiben, ohne Geld vom Staat droht ihnen der Konkurs.

Doch die Wohneinrichtungen stehen derzeit nicht unter diesem Schutzschirm. "Wir stellen aber fest, dass hier das Personal in dieser besonderen Situation nicht ausreicht", sagt Dusel. Denn die Mitarbeiter müssen jetzt nicht nur mit dem Coronavirus fertig werden, sondern zusätzlich Menschen betreuen, die sonst den Tag in der Werkstatt verbringen. Wie überall steigen zudem die Kosten für Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. "Für diese Finanzierungslücke muss jetzt schnell eine Lösung gefunden werden", sagt Dusel.

Schulung für den Einsatz im Heimalltag nötig

Vom zuständigen Bundessozialministerium heißt es, "soweit möglich" solle nun "das frei werdende Personal der Werkstätten" in den Wohneinrichtungen eingesetzt werden. Doch ganz so einfach ist das in der Praxis nicht.

In den Werkstätten arbeiten schließlich Mechanikerinnen oder Köche, die zwar eine pädagogische Weiterbildung bekommen haben, doch für den Einsatz im Heimalltag erst geschult werden müssen, sagt die Geschäftsführerin der Caritas Behindertenhilfe, Janina Bessenich. Zumal damit an all die Menschen, die heute allein oder in Kleingruppen leben, noch gar nicht gedacht ist.

Vom Sozialministerium heißt es zwar, die ambulante Betreuung der Menschen werde "regelmäßig fortgeführt" und durch "telefonische Kontakte und Kommunikation über die sozialen Medien" ergänzt. Ärztin Andrino, die viele dieser Menschen und auch sozial schwache Familien betreut, die ein Kind mit Behinderung haben, macht sich dennoch Sorgen. Sie fürchtet jetzt zunehmend "Kindeswohlgefährdung" in den Familien - unter dem Druck der Isolation.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4860711
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 30.03.2020/dit
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.