Geschichte von Haiti:"Ach Gottchen, denken Sie nur - Nigger, die Französisch sprechen."

Doch nicht nur die Kolonialmächte grenzten die erste Nation freier Schwarzer aus. Lateinamerikas gefeierter Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar weigerte sich als Präsident von Großkolumbien, diplomatische Beziehungen zu seinen ehemaligen Verbündeten aufzunehmen, Haiti "brüte Rassenkonflikte aus".

Die USA verweigerten die Anerkennung bis 1862, als Abraham Lincoln glaubte, das Land könne als Auffangbecken für befreite Sklaven dienen. Die rassistische Haltung der Weltgemeinschaft hielt sich. Als Präsident Woodrow Wilson die Invasion Haitis vorbereitete, die von 1915 bis 1934 dauern sollte, bemerkte sein Außenminister William Jennings Bryan: "Ach Gottchen, denken Sie nur - Nigger, die Französisch sprechen."

Die jüngere Geschichte Haitis war eine Abfolge gescheiterter Versuche, das Land zu entwickeln und in eine wahre Unabhängigkeit zu führen. Die benachbarten USA unterstützten nur, wer ihre Interessen wahrte. Die Diktatur der Duvaliers zum Beispiel, auch wenn diese Haiti tief in die Schulden trieben.

Plantagenwirtschaft und Erdrutsche

Auch der erste demokratisch gewählte und nach einem Staatsstreich von amerikanischen Truppen wieder eingesetzte Präsident Jean-Bertrand Aristide schaffte es nicht, sein Land auf einen demokratischen und wirtschaftlich hoffnungsvollen Weg zu bringen.

Das schwerste Erbe seiner Geschichte trug aber nicht die Bevölkerung, sondern das Land Haiti. Als Kolumbus die Insel 1492 erreichte, bewunderte er ihre dichten, majestätischen Wälder. Heute stehen auf der haitianischen Seite nur noch zwei Prozent des ursprünglichen Baumbestandes.

Die Plantagenwirtschaft der Kolonialherren hatte die Wälder dezimiert. Später zwang die Armut die Menschen, die Wälder als Brennholz zu roden. Das hat zu schweren Erdrutschen geführt. Bei jedem Regen blockieren Erde und Schlamm die Flüsse und Bäche und verhindern so, dass der Grundwasserspiegel wieder steigen kann.

Zwei Ansätze zur Krisenbewältigung

Der Wassermangel führte aber nicht nur zu Krankheit und Tod. Er zwang auch viele Bewohner der Armenviertel, Zement und Beton mit Salzwasser anzurühren. Weil es aber kaum noch Holz gab auf der Insel, mussten ihre Bewohner mit Beton und Betonziegeln bauen. Und das auf einem porösen Boden.

Schon jetzt gibt es zwei Ansätze, die Krise nach dem Erdbeben in Haiti anzugehen. Optimisten wie der Architekt Cameron Sinclair oder die Journalistin Amy Wilentz sehen in der Katastrophe einen Funken Hoffnung für Haiti, einen Teil der historischen Last abzuwerfen und mit Hilfe der Welt neu zu beginnen.

Pessimisten wie Reihan Salam vom konservativen Thinktank New America Foundation glauben, Haiti sei nicht zu retten. Nur ein kontrollierter Exodus könnte den Bewohnern helfen. Der Wirtschaftswissenschaftler an der New York University Tunku Varadarajan glaubt dagegen, ein Anfang sei getan, wenn Frankreich endlich die 22 Milliarden US-Dollar zurückzahle.

© SZ vom 19.01.2010/lmne/odg
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