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Geschichte Europas:Deutschlands demografischer Fundamentalwandel begann mit dem Bau der Mauer

Künftige Wirklichkeiten durchaus realistisch einschätzend entflohen sie entweder dem erwarteten wirtschaftlichen Elend oder internen blutigen Abrechnungen. Nach der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans im Jahr 1947 strömten zahlreiche Muslime ins einst wenig geliebte und nicht selten bekämpfte britische "Mutterland".

Ähnlich verlief der allmähliche bevölkerungspolitische Wandel Frankreichs. 1956 wurden Marokko und Tunesien souverän, 1960 folgten 18 Staaten Afrikas, 1962 Algerien.

Als Quasi-Völkerwanderung kommt seitdem der mehrheitlich muslimische Orient millionenfach aus Nah- sowie Mittelost, Nordafrika und sogar der Sub-Sahara ins postchristliche Abendland.

Man denke an die vielen Kongolesen gleich welcher Religion, die nach 1960 nach Belgien kamen, oder an die Angolaner sowie Mosambikaner, die nach 1975 ihre Heimat verließen, um sich im nachkolonialen Portugal niederzulassen. In die Niederlande kamen Muslime zuerst aus Indonesien, das 1949 seine Unabhängigkeit erkämpft hatte.

Deutschlands demografischer Fundamentalwandel begann anders. Von 1961 an, nach der Errichtung von Mauer und Stacheldraht, fehlten Arbeitskräfte aus der DDR. Bonn suchte und fand - Türken. Sie wurden als "Gastarbeiter" wie Waren importiert, das hat nicht nur ihre erste Generation frustriert.

Heute wird uns von ihren Kindern und Kindeskindern die Rechnung dafür präsentiert. So mancher reagiert darauf wie in Schillers Fiesco: "Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen." Anstand sieht anders aus.

Der Begriff "demografische Revolution" ist keine Dramatisierung. Die meisten muslimischen Neu-Abendländler wollten entweder ein wirtschaftlich besseres Leben oder auch nur einfach überleben, weil und wenn in ihrer Heimat Kriege und Bürgerkriege tobten.

Ergo: Lange vor der angeblichen Merkel-Migrations-Misere des Jahres 2015 begann die Einwanderung aus dem erweiterten Morgenland ins längst nicht mehr gar so christliche Abendland.

Das bedeutet: Durch die demografische Revolution durchlebt das Abendland seit Jahrzehnten zugleich eine soziologische, religiöse beziehungsweise theologische und kulturelle Revolution. Das Abendland wird zwar nicht morgenländisch, aber im Abendland sind mehr denn je Morgenland und Islam.

Mehr Morgenland und mehr Muslime bedeuten mehr Religion; mehr Islam und noch weniger Christentum, denn Christen verlassen scharenweise die Kirche, die außerdem immer mehr Politik und weniger Religion bietet. Doch Politik beherrschen Politiker immer noch besser als Kirchenleute.

Die Folge: Die Kirchen werden noch leerer. Soll, kann man von einer selbstverschuldeten Entchristlichung des christlichen Abendlandes sprechen?

Die Entchristlichung des Abendlands ist eine Tatsache

Selbstverschuldet oder nicht, die Entchristlichung des Abendlands ist eine Tatsache. Und trotzdem (oder sogar deshalb?) beklagen Abendländer den (wievielten?) Untergang des Abendlands durch dessen "Islamisierung".

Bevor über die "Islamisierung" gejammert wird, sollten sich erstens die Kirchen im jesuanischen Sinne verchristlichen. Zweitens sollten Christen ihr Christentum nicht unbedingt praktizieren, doch zumindest kennen.

Wer nicht einmal weiß, weswegen Christen Weihnachten, Ostern oder Pfingsten feiern, ist unfähig, mit Angehörigen anderer Religionen den überlebenswichtigen Dialog zu führen.

Vielleicht wird das weitgehend entkirchlichte Abendland irgendwann jesuanisch-christlich und der Islam in Europa ein europäischer Islam? Wer weiß?

© SZ vom 31.03.2018/odg
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