Gehälter:New York will Unternehmen zur Lohntransparenz zwingen

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Gehälter: In New York City soll noch in diesem Jahr ein Gesetz gelten, das Arbeitgeber verpflichtet, in Stellenanzeigen Gehaltsspannen aufzunehmen.

In New York City soll noch in diesem Jahr ein Gesetz gelten, das Arbeitgeber verpflichtet, in Stellenanzeigen Gehaltsspannen aufzunehmen.

(Foto: John Angelillo/imago images/UPI Photo)

In Job-Inseraten sollen Arbeitgeber künftig den niedrigsten und höchsten Lohn angeben, den sie Mitarbeitern in der jeweiligen Position zahlen. Arbeitgeber fürchten Neiddebatten.

Von Bernd Kramer

Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, hätten Angestellte in New York dieser Tage mit einem aufschlussreichen Studium der Stellenanzeigen beginnen können. Nicht unbedingt, weil die neuen Jobs plötzlich so spektakulär wären, eher wegen spektakulärer Enthüllungen über die bestehenden. Die Stadt will Unternehmen zwingen, in den Inseraten den kleinsten und den höchsten Lohn anzugeben, den sie Mitarbeitern in der Position zahlen. Über einen kleinen Umweg wäre für den Angestellten so das wohl bestgehütete Geheimnis der Menschheit gelüftet worden: das Gehalt der Kollegen. Jedenfalls grob.

Aber, wen wundert's, die Arbeitgeber wüteten. Kurz vor dem geplanten Inkrafttreten des Lohntransparenzgesetzes Mitte Mai wussten sie gegen das Vorhaben eine Reihe interessanter Argumente vorzubringen. Etwa dass die Transparenz die politisch gewünschte Rekrutierung neuer Mitarbeiter aus benachteiligten Gruppen erschwere - denn denen würde man ja gern viel mehr zahlen als den Leuten, die man schon hat. Und selbstverständlich kam auch diese Intervention nicht aus, ohne den gallengelben Teufel an die Wand zu malen: den Neid, den die Offenlegung hervorrufe. Früher oder später geistert der Neid ja als Totschlagargument durch jede Debatte, in der es um die Verteilung von Geld geht. Beschwört man ihn, ist die Sache schon vom Tisch - oder wie in New York erst mal auf November verschoben.

Immerhin rückt eine Studie, die im Journal of Organizational Behavior veröffentlicht wurde, den Kollegenneid in ein überraschend neues Licht. Ein Forscherteam untersucht darin den Fall eines deutschen Kommunikationstechnologie-Unternehmens, das alle Gehälter offenlegte. Kurz vor diesem Schritt fragten die Forschenden gut 100 Angestellte, wo sie ihr eigenes Gehalt vermuten würden: über dem vergleichbarer Kolleginnen und Kollegen oder eher darunter? Die Spanne der Unterschiede war im Unternehmen mit bis zu 40 000 Euro reichlich weit, und als sich die Forschenden nach ein paar Monaten wieder bei den Befragten meldeten, rechneten sie daher mit großen Neidgefühlen - gerade bei denjenigen, die ihre eigene Position im Gehaltsgefüge zuvor optimistisch überschätzt hatten. Bloß: So einfach war es nicht. Die schlechter Bezahlten reagierten überraschenderweise nämlich nur dann mit Neid, wenn sie sonst eher nicht dazu neigten, sich selbst als Opfer zu betrachten. Ein paradoxes Ergebnis: Die Transparenz der Gehälter bringt also gerade diejenigen zum Grummeln, die gemeinhin gut gelaunt und ohne jeden Argwohn zur Arbeit gehen?

Die Forscher vermuten, dass der Blick auf die Wirklichkeit gerade dieser eigentlich wohlgesinnten Gruppe einen regelrechten Schreck verpasst hat. Menschen mit einem großen Ungerechtigkeitsempfinden sind dagegen wohl schon durch die schiere Tatsache alarmiert, dass ein Unternehmen um die Bezahlung ein Geheimnis macht. Ihr Misstrauen ist im Vorfeld groß genug, dass sie die Missgunst anschließend getrost absagen können.

Das britische Frauenministerium hat kürzlich ebenfalls ein Pilotprojekt gestartet, bei dem teilnehmende Unternehmen in Stellenanzeigen Gehaltsspannen nennen. Ob Transparenz nun Neid oder deren Abwesenheit Misstrauen schürt - dort verspricht man sich vor allem eines: eine fairere Bezahlung.

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