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Gauck:Präsident für die Freiheit

Er wollte dieses Amt, doch es schien ihm so fern. Nun soll Joachim Gauck Bundespräsident werden - und er hat alle Chancen, ein besserer zu werden als seine beiden Vorgänger. Er besitzt Glaubwürdigkeit. Und das Wort, seine einzige Waffe, beherrscht Gauck wie kaum jemand sonst.

Joachim Gauck sitzt im Bundeskanzleramt. Er sagt, es sei ein besonderer Tag für ihn. Und man merkt ihm an, dass er aufgewühlt ist. Es ist 21.30 Uhr an diesem Sonntag. Die Kanzlerin und die Parteivorsitzenden von SPD, Bündnisgrünen, FDP und CSU haben ihn gewürdigt. Jetzt spricht er, langsam, getragen, nach Worten suchend, er, der eine Macht über das gesprochene Wort besitzt wie kaum ein Zweiter. Am meisten bewege ihn, sagt er, "dass ein Mensch, der im finsteren, dunklen Krieg geboren ist und 50 Jahre Diktatur erlebt hat, dass ein solcher Mensch jetzt an die Spitze des Staates berufen wird."

Gauck war in Wien. Noch am Morgen, während einer Veranstaltung, hatte er auf die Frage, ob er denn vielleicht Bundespräsident werde, fast ein bisschen gereizt geantwortet, man möge doch die Bundeskanzlerin anrufen und fragen. Am Abend ist es dann genau umgekehrt: Als Gauck nach seinem Heimflug in Berlin im Taxi sitzt, ruft ihn die Bundeskanzlerin an. Das Taxi fährt ihn ins Kanzleramt. Er wolle jetzt "in der Verwirrung meiner Gefühle" keine Grundsatzrede halten, sagt er. Er sei ja "noch nicht einmal gewaschen". Aber eigentlich sei es doch auch ganz gut, wenn man ihn hier "verwirrt und überwältigt" sehe.

Jetzt ist also eingetreten, was er sich so dringlich gewünscht hat, bis zuletzt, und doch keinesfalls hat hoffen dürfen. Joachim Gauck soll Bundespräsident werden, und er hat, so viel lässt sich jetzt schon sagen, alle Chancen, ein besserer zu werden als seine beiden Vorgänger. Das Wort jedenfalls, diese einzige Waffe, die einem Bundespräsidenten zusteht, wie jetzt so oft gesagt wurde, beherrscht dieser ehemalige Pfarrer aus Rostock wie kaum jemand sonst. Auch an persönlicher Glaubwürdigkeit fehlt es nicht. Und der Rest? Die Professionalität im politischen Alltagsgetriebe? Die fehlt ihm ganz und gar, aber die wird dann schon kommen, sagen Leute, die ihn lange kennen. Schließlich war das bisher auch nie anders.

Joachim Gauck, das ist einer, der erst richtig gut wird, wenn er handfeste Aufgaben hat - und Gegner. Das war schon früher so, in der DDR, wo er es vom Dorfpfarrer und Familienvater zum rundum bespitzelten Staatsfeind brachte. Aber auch in der Gegenwart gehört Gauck zu jenen, denen die Rolle des Politpensionärs und Buchautors immer eine Nummer zu klein geblieben ist.

Gauck ist die Eitelkeit nicht fremd

Sicher, Gauck ist einer, dem Eitelkeit nicht fremd ist. Es hat ihm gefallen, dass die Menschen in den letzten Monaten, seit Christian Wulff seinem Rücktritt entgegenschlidderte, wieder aufstanden bei seinen Lesungen, Gauck mit stehenden Ovationen ihre Zuneigung bekundeten. Natürlich war damit immer seltener sein Buch und immer öfter die mögliche Präsidentschaft gemeint. Aber er hat zumindest versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Er wusste, dass es der Respekt gebietet, nicht über die Nachfolge für einen Bundespräsidenten zu spekulieren, der noch nicht einmal zurückgetreten war, der um sein politisches Überleben kämpfte. Und dann, ganz plötzlich, ging es doch um die Nachfolge. Um die Präsidentschaft.

Die traut Gauck sich zu, auch mit 72 Jahren, keine Frage. Eine zweite Niederlage aber wie damals, im Rennen gegen Wulff, wollte er sich keinesfalls noch einmal zumuten. Gauck hat das Ausscheiden im dritten Wahlgang damals auch als Kränkung empfunden. Auch wenn er das nie zugeben wollte. Ohne Rückhalt von Angela Merkel, so viel stand fest, würde er nicht erneut ins Rennen gehen. Nun hat ihm die Kanzlerin ihren Segen gegeben, weshalb es an Gauck ist, sich zu überlegen, was für ein Präsident er eigentlich werden will.

Ins Bild des jungen Modernisierers, das sein Amtsvorgänger für sich in Anspruch nahm, passt Joachim Gauck nicht. Gesellschaftliche Vielfalt, Multikulti, unkonventionelle Lebensentwürfe? Nicht wirklich Gaucks Ding. Er ist bei gesellschaftlichen Themen ja durchaus ein Konservativer, das sagt er selbst von sich. Auch soziale Gerechtigkeit ist nicht sein Lieblingsthema. Und für den Ruf nach staatlicher Rundum-Fürsorge für solche, die es nicht schaffen, hat er noch weniger übrig.

Gaucks Botschaft, das ist eine andere, und sie lautet: Jeder kann sich befreien aus ängstlicher Unmüdigkeit, wenn er denn nur will. Das mag zunächst arrogant klingen und ganz so, als sei jeder, der scheitert, selbst daran schuld. Gauck aber meint es anders. Die Freiheit, die er so oft beschwört, hat er sich selbst erst in mühevollen Kämpfen erarbeiten müssen. Gauck, Sohn eines Kapitäns, der meistens unterwegs war, war in seiner Kindheit kein Privilegierter. Sein Vater war als Zwangsarbeiter nach Sibirien verschleppt worden, einfach abgeholt worden. Für Joachim Gauck war das ein Schlüsselerlebnis, es hat seine Einstellung zum Staatssozialismus und zur Diktatur nachhaltig geprägt.

Dabei war er in der DDR-Opposition zunächst ein leiser, ein eher vorsichtiger Mann. Seine Mitstreiter machten sich darüber lustig, dass er mit Schlips und Anzug herumlief, statt im Parka. Noch im November 1989 riet Gauck den friedlichen Revolutionären eher zur Vorsicht. In seiner Haltung aber blieb er aufrecht, politisch unverbiegbar. Auch als Gründer der Stasi-Akten-Behörde, die dann seinen Namen trug, wo er seine größten Kämpfe mit den ehemaligen Kadern der DDR, aber auch mit den Konservativen aus dem Westen ausfocht, ging er entschieden, aber auch behutsam vor.

Nun soll er nicht mehr nur eine Kirchengemeinde führen oder eine Behörde, nein, jetzt wartet das ganze Land auf das, was er anzubieten hat. Es habe ihn besonders gefreut, dass sich die Parteien verständigt hätten, sagt Gauck am Abend im Kanzleramt. Eine allerdings sitzt wieder nicht am Tisch, jene Partei, die ihn schon vor zwei Jahren nicht wollte als Bundespräsidenten. Die Linkspartei. Man darf annehmen, dass Gauck wieder versuchen wird, auf die Linke zuzugehen. Der Erfolg ist ungewiss. Aber gewiss ist, dass er sich nicht anbiedern wird, um sein absehbar gutes Ergebnis noch zu verbessern. Sein Resultat wird überzeugend genug sein.

Joachim Gaucks Karriere in Bildern

Versöhner mit neuer Aufgabe