Gauck in Griechenland Gauck versucht vergebens, Tränen niederzukämpfen

Und jetzt steht Gauck also hier in Lingiades. Er, der es als erster Bundespräsident für nötig hält, eine Bitte um Vergebung auszusprechen für die Wehrmachtsverbrechen in Griechenland. In Deutschland gehören sie zu den eher unbekannten Kapiteln der Weltkriegsgeschichte. Gauck will das ändern, nicht nur einen Kranz niederlegen, die richtigen Worte finden. Er tut es, und weil Gauck eben Gauck ist, wird ihm die Stimme rau dabei und er versucht Tränen niederzukämpfen. Vergebens.

Eine lange Liste von Namen wird dann verlesen. Es sind die Toten, von denen viele den gleichen Nachnamen tragen. Manche Familien wurden hier nahezu ausgelöscht, in vielen überlebte nur ein einziger Mensch. Auch Panagiotis Babousikas ist so einer, er hat als Baby das Massaker überlebt, lebendig begraben unter den Leichen in einem Keller. Als man ihn damals findet, hängt er noch an der Brust seiner toten Mutter. Babousikas lebt nicht mehr in Lingiades, aber er ist für die Rede des deutschen Präsidenten angereist. Jetzt steht er hier, ein alter Herr, der ein wenig verlegen von einem Bein aufs andere tritt.

"Was hier in Lingiades und an vielen anderen Orten Griechenlands in den Jahren zwischen 1941 und 1944 geschah, verstört mich und meine Landsleute bis heute", sagt Gauck dann. "Ich wünschte, längst hätte einer gesagt, der damals Befehle gegeben und ausgeführt hat: Ich bitte um Entschuldigung." Es hat sich aber keiner entschuldigen wollen, was nach den eigentlichen Verbrechen eine "zweite Schuld" sei: die des Nicht-Wissen-Wollens. Man hat die Opfer, sagt Gauck, "sogar noch aus der Erinnerung verbannen" wollen.

Während er spricht, steht ein paar Meter weiter ein kleiner Herr mit schütterem Haar. Es ist Karolos Papoulias, der griechische Präsident, der Gauck nach Lingiades begleitet hat. Papoulias hat in dieser Region als junger Partisan die Deutschen bekämpft. Jetzt hört er sich den Deutschen an, sieht wie er kämpft, mit sich, mit den Emotionen. Papoulias verzieht keine Miene. Als Gauck dann am Ende seiner Rede angekommen ist, streckt Papoulias ihm die Hand hin - und wird sogleich umarmt. So lange, bis der Grieche sich vorsichtig aus den Armen des Deutschen befreit.

Es ist, wie gesagt, keine ganz unkomplizierte Begegnung: Dabei hatte Gauck eigentlich vorgehabt, seinem Besuch auch eine optimistische Wendung zu geben. Er trifft Existenzgründer, Auszubildende, Intellektuelle. Steht gerührt auf der Akropolis und lässt die Welt das wissen. Gauck will nicht der hässliche Deutsche sein, schon gar nicht der Zerberus der Wirtschaftsgroßmacht Deutschland.

Von Tag zwei des Staatsbesuchs an aber mögen sich die Gastgeber nicht mehr zufriedengeben mit netten Worten. Der Bundespräsident trifft den griechischen Oppositionsführer Alexis Tsipras. Es sei ja schön, findet der, dass ein Bundespräsident jetzt die deutsche Kriegsschuld in Griechenland anerkennen wolle.

Für die Bundesregierung ist die Reparationsfrage erledigt

Aber es gebe da eben auch eine materielle Dimension. Auch der ehemalige Widerstandskämpfer Manolis Glezos meldet sich zu Wort, ein Herr von 91 Jahren und großem Charisma. Glezos hat dem deutschen Präsidenten einen offenen Brief geschrieben, in dem er Deutschland auffordert, für die Verheerungen des Krieges Reparationen zu zahlen. Es sei Zeit, dass Deutschland "endlich die Mauer der Gleichgültigkeit und Härte" durchbreche.

So etwas sitzt bei Gauck, der im Laufe der Reise immer schlechter verbergen kann, wie unwohl er sich in seiner Rolle fühlt. Die Bundesregierung hält die Reparationsfrage für erledigt, und Gauck darf da keine andere Linie vertreten. Manches in seiner Haltung lässt erkennen, dass er beim Thema Wiedergutmachung für die Griechen doch wenigstens ein paar Überlegungen anstoßen möchte in Deutschland.

Geschichte Lyngiades - ausgelöscht von deutschen Gebirgsjägern Bilder
Zweiter Weltkrieg in Griechenland

Lyngiades - ausgelöscht von deutschen Gebirgsjägern

Die Wehrmacht hat 1943 in dem griechischen Dorf 82 Frauen, Greise und Kinder massakriert. Ein Gespräch mit dem Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus, der das bestialische Verbrechen dokumentierte.   Von Oliver Das Gupta

Als der deutsche Präsident den Dorfplatz in Lingiades verlässt, da liegt für eine Sekunde Schweigen über dem Ort. Dann rollen fünf Männer ein Transparent aus und halten es hoch. "Wiedergutmachung" steht darauf. "Gerechtigkeit!", rufen die Männer. Es ist ein Chor, der immer lauter anschwillt. Gauck sieht ihn nicht mehr. Aber er hört ihn.