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Früherer NPD-Funktionär Ralf W. verhaftet:Netzwerker mit Hang zur Gewalt

Der Generalbundesanwalt verdächtigt den früheren NPD-Funktionär Ralf W., die Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" mit einer Schusswaffe versorgt zu haben. Sollte sich dies bestätigen, wäre eine enge personelle Verbindung zwischen der Zwickauer Terrorzelle und der NPD bewiesen.

Am vergangenen Donnerstag hatten die Ermittler Ralf W.s Wohnung in Jena durchsucht - da ging er noch davon aus, dass man ihn nicht verhaften würde. Die Ermittler dürften nicht genug Material gegen ihn in der Hand haben, sagte er damals.

Doch es kam anders: Die Bundesanwaltschaft hat ihn am Dienstag im Morgengrauen festnehmen lassen. Die Vorwürfe sind massiv: W steht im Verdacht, Beihilfe zu sechs vollendeten Morden und einem versuchten Mord der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) geleistet zu haben. Angeblich unterstützte W. das Trio beim Untertauchen, half mit Geld und Kontakten - und besorgte eine Schusswaffe.

Sollten sich die Vermutungen bestätigen, dass der 36-Jährige die NSU derart unterstützt hat, so wäre er ein Beispiel für eine enge personelle Verbindung zwischen der Zwickauer Terrorzelle und der NPD. Offiziell distanziert sich die rechtsextreme Partei von den Verbrechen des Trios - doch wie groß ist die Distanz, wenn ein über lange Jahre führender thüringischer NPD-Funktionär untergetauchten Bombenbastlern eine Schusswaffe zukommen ließ?

Der Fall Ralf W. liefert den Befürwortern eines NPD-Verbotsverfahrens schlagkräftige Argumente, denn der Neonazi machte in der Partei eine beachtliche Karriere: Bereits 1998 tritt er der NPD bei, er gehört zu den Gründern des NPD-Kreisverbandes Jena und hat dort bis 2010 das Amt des Vorsitzenden inne. Die Parteiführung fördert W.: 1999 nimmt ihn der Thüringer Landesvorstand als Mitglied auf, von 2002 bis 2008 übt er das Amt des stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden aus, zugleich fungiert er als Pressesprecher.

Mit wem man es zu tun hat, ist für die Partei von Beginn an kein Geheimnis: Ralf W. mischte in den neunziger Jahren in der "Kameradschaft Jena" mit. Die verschworene Truppe bestand nur aus sechs Leuten: Neben Ralf W. zählten auch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe dazu - die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds.

Darüber hinaus gehörte W. zu den führenden Köpfen der "Anti-Antifa-Ostthüringen", die vor allem durch Gewalttaten gegen Migranten und Linke in Erscheinung trat. Aus der rechtsextremen Gruppe entstand später der "Thüringer Heimatschutz" (THS). Auch der als Unterstützer der NSU verdächtigte Holger G. und der bekannte Neonazi André K. gehörten zu der braunen Truppe. Aufsehen erregten W. und seine Kumpane 1996 mit Neonazi-Demonstrationen während des Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder. Doch solche Protestaktionen reichten dem jungen Mann nicht.

W. entwickelte sich zu einem wichtigen Strategen in der NPD: 2002 veranstaltete er den ersten "Thüringentag der nationalen Jugend" - ein Rechtsrock-Konzert, auf dem auch Redner der NPD und der sogenannten freien Kameradschaften auftraten. Seitdem findet die Veranstaltung jährlich in einer anderen Stadt Thüringens statt. Das Ziel lautet: Jugendliche für die rechtsextreme Ideologie zu gewinnen.

2005 folgte das "Fest der Völker", das sich in der Folgezeit als internationales Neonazi-Treffen in Jena etablierte und an dem auch Neonazis und Neofaschisten aus anderen europäischen Ländern teilnahmen.

W. griff dabei auf die bewährte Taktik zurück, ein Rechtsrock-Konzert als politische Veranstaltung zu tarnen. Die Bands und Redner stammten fast alle aus dem Umkreis des internationalen und in Deutschland verbotenen Musiknetzwerks Blood & Honour. "Fest der Völker" - so heißt auch der erste Teil von Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm "Olympia".