Pandemiepolitik:Diskussion um Aufhebung der Corona-Maßnahmen

Kassenärzte-Chef Gassen will das Ende aller Beschränkungen am 30. Oktober - und erntet eine Menge Widerspruch.

Von Angelika Slavik, Berlin

Um die weitere Strategie im Umgang mit der Corona-Pandemie ist eine Debatte entbrannt. Auslöser war die Forderung des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, nach einem "Freedom Day" - also einem "Tag der Freiheit", an dem alle Corona-Beschränkungen aufgehoben werden. Nach Gassens Vorstellung solle das am 30. Oktober passieren, sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung. "Nach den Erfahrungen aus Großbritannien sollten wir auch den Mut haben zu machen, was auf der Insel geklappt hat", so Gassen. In Großbritannien waren Mitte Juli alle Corona-Beschränkungen gefallen. Seit Kurzem steigen die Infektionszahlen dort wieder. Ob die Entwicklung in Deutschland ähnlich wäre, ist umstritten - in Großbritannien gab es viel mehr Infektionen und Todesfälle, nun gibt es aber auch eine höhere Zahl an Menschen mit Antikörpern. Gassen argumentiert, ein fixes Ende der Maßnahmen könnte Menschen zum Impfen motivieren, weil sie dem Coronavirus nicht ohne Schutz ausgeliefert sein wollten.

Gassens Vorstoß erntete ein Menge Kritik - auch bei Patientenvertretern. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, "solche flotten Sprüche" kämen nicht an, Gassen solle sich lieber dafür einsetzen, dass die Vorschläge im medizinisch-pflegerischen Bereich ankommen - eine Anspielung auf teils ungeimpftes Personal in diesen Branchen. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach nannte den Vorschlag "nicht ethisch vertretbar". Die Pandemiewelle, die dann zu erwarten sei, sei zu groß. Besser wäre eine Öffnung bei einer Impfquote von 85 Prozent. Bis dahin solle die 2-G-Regel angewendet werden. Auch die Grünen zeigten sich skeptisch; die FDP hielt den Vorstoß für "zu früh". Zustimmung für Gassens Idee gab es von der AfD.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte derweil Sorge um ungeimpfte Ältere. Immer noch seien vier Millionen der insgesamt 24 Millionen Menschen über 60 Jahre nicht geimpft. Würde sich ein Großteil dieser Gruppe binnen weniger Wochen infizieren, "würden unsere Intensivstationen sehr unter Stress kommen", sagte Spahn. Dessen Ministerium hatte gerade erst eine "Impfaktionswoche" ausgerufen. Niedrigschwellige Angebote sollten die Impfquote nach oben bringen. Spahn sagte, man habe etwa 500 000 Erstimpfungen geschafft, etwa die Hälfte davon ginge auf die Aktionswoche zurück.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB