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Terror in Frankreich:Tödliche Reise

Messerattacke in Nizza

Trauer in Nizza: Blick auf die Kirche Notre-Dame.

(Foto: Daniel Cole/dpa)

Von Tunesien über Lampedusa nach Frankreich: Wie der 21-jährige Attentäter Brahim A. nach Nizza gelangte.

Von Moritz Baumstieger, Oliver Meiler, Rom, und Nadia Pantel, Paris

Die Überwachungskameras des Bahnhofs von Nizza haben aufgezeichnet, dass Brahim A. um 6.47 Uhr morgens in der Stadt angekommen ist. Um 8.29 Uhr steht er vor der Kathedrale Notre-Dame. Der Kirchenmitarbeiter Vincent Loquès hat schon die Tür geöffnet und die ersten Gläubigen eingelassen. Am nächsten Tag wäre Loquès 55 Jahre alt geworden. Doch an diesem Donnerstag wird er von Brahim A. getötet. In der Kirche trennt Brahim A. zwei weiteren Opfern die Kehle durch, einer 44-jährigen und einer 54-jährigen Frau. Um kurz vor neun treffen vier Polizisten ein. Die Beamten sagen später aus, Brahim A., habe sie mit einem Messer bedroht und "Allahu akbar" gerufen. Sie schießen auf Brahim A.

Am Freitag kann Brahim A. zu seinen Motiven nicht befragt werden, er liegt schwer verletzt und nicht ansprechbar im Krankenhaus. Doch die Identität des 21-jährigen Tunesiers konnte ermittelt werden. In seiner Heimatstadt haben die Fernsehteams seine Familie gefunden.

Die letzte Foto-Nachricht, die er von seinem Bruder bekommen habe, zeigte Brahim A. vor der Kathedrale Notre-Dame in Nizza. "Am Tag vor dem Angriff schickte er mir ein Bild von sich auf den Stufen der Kirche", erzählt A.s Bruder dem tunesischen Fernsehsender al-Hadath, "und er teilte mir mit, dass er dort übernachten werde.

Brahim A., der aus der Kleinstadt Thyna stammt, kam am 20. September in Lampedusa an. Mit einem der 26 kleinen Schiffe, die an jenem Wochenende aus Tunesien die Insel erreichten, je zehn bis zwanzig Passagiere an Bord. Der Hotspot von Lampedusa war schon voll: Platz gebe es eigentlich nur für 190 Migranten, nun sind es 1300. Totò Martello, der Bürgermeister von Lampedusa, rief Rom zur Hilfe. Der Hotspot müsse dringend entlastet werden, sagte er. Das Innenministerium schickt die Rhapsody, ein vom Staat angemietetes Fährschiff. Darauf sollten Hunderte Migranten ihre Corona-Quarantäne absitzen.

Am 25. September wird Brahim A. auf die Rhapsody gebracht, seine Daten werden ein erstes Mal registriert. Zwei Wochen verbringt er auf dem Schiff und telefoniert ständig mit seinem Handy, wie der Corriere della Sera berichtet. Mit wem er wohl spricht? Brahim A. wiederholt immer wieder, er habe Verwandte in Frankreich, da wolle er hin.

Als der tunesische Fernsehsender am Abend nach dem Attentat die Familie von A. in ihrem Haus ausfindig macht, erzählt seine Mutter anderes: Als sich Brahim bei ihr gemeldet habe und sagte, er sei nun in Frankreich, habe sie ihn ausgeschimpft. "Er kennt dort niemand, er spricht die Sprache nicht", sagt Kmar A. Die Bilder aus Tunesien lassen vermuten, dass Brahim A. aus einfachen Verhältnissen stammt. Durchgängig arbeitslos, wie viele andere junge Menschen im unter einer Dauerwirtschaftskrise leidenden Tunesien, sei Brahim aber nicht gewesen, sagt der Bruder. Er habe erst als Mechaniker, dann an einer Tankstelle gearbeitet.

Viele Attentäter stammen aus Tunesien

Am 8. Oktober läuft die Rhapsody mit 405 Passagieren im Hafen von Bari ein. Nun werden zum zweiten Mal seine Personaldaten aufgenommen: Name, Vorname, Geburtsdatum, Herkunft, zwei Fotos, Fingerabdrücke. Sein Name löst beim Scan wieder keinen Alarm aus: Er steht also in keinem der einschlägigen Verzeichnisse der italienischen Polizei und der tunesischen Behörden. Auch die italienischen Geheimdienste haben offenbar nie von Brahim A. gehört - von anderen Ankommenden jedoch schon.

Nachdem sich Tunesien in den chaotischen Jahren nach der Revolution 2011 zunächst zu einer Exportnation für Extremisten entwickelt hatte - das kleine Land mit seinen gerade mal elf Millionen Einwohnern stellte mit mehr als 5500 Dschihadisten die größte Gruppe an Ausländern in der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak - haben die Behörden viel getan, um das Problem in den Griff zu bekommen. Islamistische Vereine wurden verboten, die Überwachung von Moscheen verstärkt, die Ausgaben für innere Sicherheit massiv erhöht - bereits 2016 lagen sie doppelt so hoch wie in den Zeiten von Diktator Ben Ali. Und dennoch waren es immer wieder Tunesier, die in Europa als Terroristen auffielen oder im Inland Attentate verübten. Der Wissenschaftler Aaron Zelin, der sich lange mit der islamistischen Szene Tunesiens befasst hat, zählt allein für die Zeit von Mitte 2014 bis Ende 2019 zwölf terroristische Vorkommnisse in Europa mit insgesamt 18 Tätern, die aus Tunesien stammten. Anschlags-Plots, die von Sicherheitsbehörden verhindert wurden, sind hier nicht mitgezählt.

Als die Rhapsody in Bari ankommt, werden 104 Migranten in Lager für eine möglichst schnelle Repatriierung in ihre Heimat gebracht, weil sie es entweder schon einmal versucht haben, illegal nach Italien einzureisen, oder weil sie als gefährlich gelten. Die Pandemie verzögert die Rückführungen, es ist ein guter Moment, um die Flucht nach Europa zu versuchen. Weitere 177 Passagiere der Rhapsody kommen in Aufnahmelager, wo sie auf den Bescheid ihres Asylgesuchs warten müssen - unter ihnen sind viele Minderjährige. Übrig bleiben 122 Migranten, sie haben weder Aussicht auf Aufnahme noch einen Strafregistereintrag. Ihnen drückt man ein sogenanntes Foglio di via in die Hand, ein Ausweisungsblatt, unterzeichnet vom Polizeichef von Bari. Theoretisch müssen sie das Land binnen sieben Tagen verlassen, ebenfalls theoretisch droht ihnen ein Verfahren wegen illegaler Einwanderung.

In der Praxis aber tauchen die Migranten einfach unter. Manche bleiben in Italien und arbeiten schwarz. Zahlreicher sind jene, die weiterreisen: nach Frankreich, Deutschland, Großbritannien. Brahim A. gehört zu dieser letzten Kategorie.

In Tunesien rätselt die Familie derzeit, wann sich Brahim A. radikalisiert haben könnte: "Wir stehen hier alle unter Schock." In terroristischen Kreisen habe Brahim nie verkehrt. Vielleicht zeigt sich an seinem Beispiel, wie lange die Saat nachwirkt, die Terrororganisationen wie al-Qaida und der IS in den vergangenen Jahren legten. Schon lange setzen die Dschihadisten weniger auf logistisch aufwendige Kommando-Operationen, sondern eher darauf, dass sich "einsame Wölfe" - junge Menschen, die sich quasi im Alleingang und durch das Internet radikalisiert haben - zu Taten mit einfachsten Mitteln entschließen. In den vergangenen Wochen - und verstärkt nach dem Mord an dem französischen Lehrer Samuel Paty - haben IS-nahe Medienkanäle Hass gegen Frankreich geschürt und zu Taten aufgerufen. Nach Brahims Mord an drei Menschen in Nizza veröffentliche eine IS-nahe Seite einen Artikel, dessen Tenor war, dass Attacken effektiver seien als jeder Boykottaufruf. Einen direkten Verweis auf die Tat in Nizza enthielt der Text nicht, wohl aber ein Foto der Kathedrale Notre-Dame.

Rechtsextreme demonstrieren vor der Kathedrale

Dort entzündeten am Donnerstagabend Menschen Kerzen und trauerten. Doch gegen 20 Uhr mischte sich Hass in die Trauer: Anhänger der rechtsextremen "Génération Identitaire" sammelten sich vor der Kathedrale. Journalisten von Libération und Nice Matin berichten, dass die Gruppe "Muslime raus aus Europa" skandierte.

Zur Génération Identitaire führte am Donnerstag noch eine weitere Spur. Am Nachmittag war von zwei weiteren verhinderten Attentaten berichtet worden. In der Innenstadt von Lyon stoppte und verhaftete die Polizei einen Mann, der mit einem Messer Passanten bedrohte. Bei Avignon wurde ein 33-jähriger Franzose von der Polizei erschossen, nachdem er eine Schusswaffe zunächst auf einen Autofahrer, dann auf die herbeigerufenen Beamten gerichtet hatte. Laut Staatsanwaltschaft trug der Mann eine Jacke mit dem Logo "Defend Europe", ein Slogan der Génération Identitaire. Ein Sprecher der Gruppe sagte am Donnerstag, man kenne den Mann nicht. Laut Ermittlern war er in psychiatrischer Behandlung.

Génération Identitaire machte in den vergangenen Jahren durch fremdenfeindliche Proteste auf sich aufmerksam. Im Frühjahr 2018 versperrten Mitglieder der Gruppe eine Schlucht in den Alpen, auf der Geflüchtete die Grenze zwischen Italien und Frankreich passieren. Im Oktober 2018 stürmten die Rechtsextremen das Büro der Flüchtlingshilfsorganisation SOS Méditérrannée in Marseille.

Zu direkter Gewalt gegen Menschen hatte sich Génération Identitaire bislang nicht bekannt. Am 28. Oktober jährte sich jedoch der islam-feindliche Anschlag auf die Moschee von Bayonne. Ein Mann, der zur rechtsextremen Szene zählt und lange Mitglied des Rassemblement National war, versuchte, das Gebäude in Brand zu setzen und verletzte zwei Gläubige.

© SZ
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