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Finanzminister Schäuble:Schäuble galt auch in Deutschland als Hardliner

Schäuble nimmt in Kauf, dass er als Nationalist wahrgenommen wird - zumindest außerhalb Deutschlands. Es gab eine Zeit, da galt er auch in Deutschland als Hardliner, als Deutschnationaler fast. Schäuble war einer, der die Bundeswehr als Notpolizei bei "Gefährdung der inneren Sicherheit" einsetzen wollte; einer, der gar nicht genug von "nationaler Identität" reden konnte; einer, der als Oppositionsführer im Jahr 1999 wilde Kampagnen gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ritt.

Derselbe Schäuble hat schon 1994 die Grüne Antje Vollmer - gegen die SPD - zur Bundestagsvizepräsidentin gemacht und erste schwarz-grüne Optionen im Herzen bewegt. Er hat Parteitagsreden gehalten, die grüner kaum hätten sein können - und die Ökologie zum Kernthema der CDU ausgerufen. Als er 2005, in den Zeiten des islamistischen Terrors, zum zweiten Mal Innenminister geworden war, verirrte er sich in Überlegungen, ob man Terroristen nicht umbringen sollte. Er war kein Innenminister mehr, er war Angstmach-Minister. Gleichzeitig rief er aber auch die Islamkonferenz ins Leben, um die Integration der Muslime in Deutschland zu verbessern.

Machtwesen Schäuble

Schäuble ist eines der Sphinx-Wesen, die die Macht verkörpern und sich selbst als Rätsel geben. In der deutschen Sprache kommt das schön zum Ausdruck: Nicht einmal das Lexikon weiß, welchen Artikel das Wesen denn nun führen soll: "der" Sphinx, oder "die" Sphinx. In der deutschen Politik trägt das Macht-Wesen jedenfalls den Namen Wolfgang Schäuble. Sphinxe waren im Altertum häufig Wächterfiguren. Der Name basiert auf der Legende der griechischen Sphinx, die vorbeikommende Reisende erwürgte, wenn sie das von ihr gestellte Rätsel nicht lösen konnten. Europa im Würgegriff der badischen Sphinx?

Er ist ein Machtmensch, der sein Machtmenschentum fast immer gut zu verbergen verstand. Er selbst hat einmal als eine seiner Stärken die Bereitschaft beschrieben, "Führung zu ertragen". Er hat in der Tat viel ertragen - Enttäuschungen und Katastrophen. Er hat es ertragen müssen, dass er nicht Kanzler werden konnte, weil Helmut Kohl ihn zwar zum Kronprinzen machte, ihn aber wieder fallen ließ. Er hat es ertragen müssen, dass Angela Merkel nicht ihn zum Präsidenten machte, sondern den völlig unbekannten Horst Köhler.

Er hat es ertragen müssen, dass seine Partei, als er in Berlin Bürgermeister werden wollte, einen Herrn namens Frank Steffel nominierte, der dann nach einem jämmerlichen Wahlkampf ein jämmerliches Ergebnis erzielte. Ziemlich genau zehn Jahre vorher hatte Wolfgang Schäuble mit einer großartigen Rede vom 20. Juni 1991 im Bundestag die Hauptstadtdebatte für Berlin und gegen Bonn entschieden. Es war seine erste Rede nach dem Attentat, seitdem er im Rollstuhl sitzt.

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