Fall Khashoggi Erdoğan greift das saudische Königshaus nicht direkt an

Türkische Medien haben Bilder des Mannes gezeigt, das Double trug Turnschuhe, Khashoggi Halbschuhe. Der fragliche Mann im Jackett des Journalisten nahm sich ein Taxi und fuhr zur berühmten Sultan-Ahmed-Moschee. Dort, im Touristengewühl, betrat er eine öffentlichen Toilette und zog sich wieder um. Auch das haben Sicherheitskameras festgehalten.

Besonders interessant an Erdoğans Auftritt ist aber, was er nicht sagt: Mit keinem Wort erwähnt er die angeblich existierenden Ton- oder sogar Videoaufnahmen von der Ermordung Khashoggis. Türkische Medien haben unter Berufung auf anonyme Polizeiquellen in den letzten Tagen viel über diese "Beweismittel" berichtet. Auf den Bändern soll auch zu hören sein, wie der Generalkonsul von den Geheimdienstlern zum Schweigen verdonnert wird, wenn ihm sein Leben lieb sei. Dieser Mann, der ein wichtiger Zeuge wäre, ist inzwischen nach Riad zurückgekehrt.

Die Aufnahmen, sofern sie existieren, könnten ein Beleg dafür sein, dass die diplomatische Vertretung illegal abgehört wurde. Illegale Lauschangriffe sind in der Türkei zwar nicht unüblich, aber zuzugeben, dass in einem Konsulat mitgeschnitten wurde, ist doch politisch peinlich. So verbreiten türkische Medien inzwischen auch die Version, im Konsulat sei ein "Informant", ein Spitzel, am Werk gewesen.

Seltsames Schauspiel

Was Erdoğan noch vermeidet? Das saudische Königshaus direkt zu beschuldigen. "Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit von König Salman", sagt er und fragt, "auf wessen Befehl" die Tat geschehen sei. Die Sympathien Erdoğans für den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz MBS genannt, dürften begrenzt sein. Schließlich gilt dieser als besonderer Feind der Muslimbrüder, als deren Schutzherr sich wiederum Erdoğan sieht.

Die regierungsnahe Zeitung Yeni Şafak hat MBS bereits direkt ins Visier genommen. Sie hat berichtet, aus dem Konsulat habe der Leibwächter des Kronprinzen, Maher Abdulaziz Mutrib, am 2. Oktober vier Mal mit dem Vorzimmer des Kronprinzen telefoniert.

Erdoğan verlangt, die Verantwortlichen für den "brutalen Mord" vor Gericht zu stellen, und zwar in Istanbul. Dazu müsste Riad die 18 inzwischen Festgenommenen aber ausliefern. Nach 20 Minuten wechselt der Präsident wieder das Thema. Er spricht jetzt über die zerplatzte Allianz mit dem rechten Partner. "Sollen sie doch ihren Weg alleine gehen", schimpft er, die AKP werde die Kommunalwahlen im März auch so gewinnen. Beifall. Eine Diskussion gibt es nicht, die Sitzung ist zu Ende, das Fernsehen schaltet ab.

Die türkischen Kommentatoren sind nach dem mit großem Trommelwirbel angekündigten Auftritt Erdoğans gespalten. Die regierungskritische Kolumnistin Aslı Aydıntaşbaş sieht sich als Zeugin eines "seltsamen Schachspiels", über das Schicksal von MBS werde aber Donald Trump entscheiden, nicht Erdoğan, twittert sie. Ibrahim Karagül, Chefredakteur der sehr Erdoğan-nahen Yeni Şafak, twittert: "Man erlebt ein Erdbeben im saudischen Palast. Es könnte aus sein mit dem Sohn Salman." MBS habe "viele Bosheiten gegenüber der Türkei" zu verantworten.

Das Verhältnis der beiden Länder ist wirklich schon länger nicht das beste. Vor drei Tagen hatte derselbe Autor geschrieben: "Wenn die Tonaufnahmen bekannt werden, kann Salman niemand retten." Dieses angebliche Beweisstück aber hat Erdoğan am Dienstag gar nicht erst erwähnt.

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