Fachkräftemangel:"Eine existenzielle Frage"

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Fachkräftemangel: Ob Pflegeheim, Schule, Handwerk oder Industrie: Gute Kräfte sind gesucht. Die Regierung rechnet für 2026 mit 240 000 leeren Stellen.

Ob Pflegeheim, Schule, Handwerk oder Industrie: Gute Kräfte sind gesucht. Die Regierung rechnet für 2026 mit 240 000 leeren Stellen.

(Foto: Ute Grabowsky/Imago)

Der große Mangel an Fachkräften bedroht den Wohlstand, die Bundesregierung will mit einer Fünf-Punkte-Strategie gegensteuern. Darin geht es nicht nur um Einwanderung.

Von Roland Preuß, Berlin

Man kann sich die Welt des Fachkräftemangels vielleicht so vorstellen: Morgens steht man vor einem verschlossenen Kindergarten, weil niemand für zwei erkrankte Erzieherinnen einspringen kann. Zugleich bleibt die kaputte Heizung erstmal kaputt, weil die Installateurin mangels Kollegen völlig überlastet ist - und so sitzt man also mit Kind in der kalten Wohnung und wartet auf ein Paket, das aber nicht kommt, weil es auch an Zustellern fehlt. Womöglich ruft dann noch die Schwester an und sagt, sie habe immer noch keinen Heimplatz für den Vater gefunden, weil es, natürlich, in Deutschland auch zu wenige Pflegekräfte gibt.

Schon jetzt ist der Mangel an Fachkräften in Deutschland in einigen Branchen sehr deutlich zu spüren, doch es ist absehbar, dass das Problem in wenigen Jahren eine noch größere Wucht entfalten wird. Die Bundesregierung legte deshalb am Mittwoch eine Fachkräftestrategie vor, in der sie auf 41 Seiten ausführt, wie sie die absehbaren Lücken in den Belegschaften zu füllen gedenkt, und diskutierte die Pläne mit Vertretern von Unternehmen und Gewerkschaften.

"Das Angstwort in vielen Branchen ist heute nicht mehr 'arbeitslos', sondern 'arbeiterlos'", sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nach dem Treffen. Für viele Betriebe sei die Suche nach Fachkräften schon heute "eine existenzielle Frage". Der Handlungsdruck sei hoch, erklärte auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). "Wir müssen uns deutlich stärker für Einwanderung öffnen."

Die Koalition setzt an fünf Punkten an: Für Berufe, in denen es absehbar eng wird, soll gezielt geworben werden, etwa für eine Ausbildung zum Heizungsinstallateur oder zur Lehrerin. Wer einen Beruf hat, sich aber verändern will oder muss, soll dazu durch Teilzeitangebote und Geld in die Lage versetzt werden. Für Frauen und Ältere soll es attraktiver werden, mehr oder länger zu arbeiten. Die "Arbeitsqualität" soll sich verbessern, das heißt unter anderem, der Job soll nicht krank machen, weil dies in vielen Fällen zur Berufsunfähigkeit führt. Und schließlich soll die Einwanderung weiter forciert werden, Hunderttausende Migranten sollen helfen, freie Stellen zu besetzen.

Die Ursachen heißen Demografie, Digitalisierung, Dekarbonisierung

Hintergrund des großen Mangels sind drei große Trends, die auch in der Fachkräftestrategie genannt werden: Demografie, Digitalisierung und Dekarbonisierung. Das heißt, die Menschen werden im Schnitt immer älter, weniger Einwohner arbeiten, mehr sind in Rente. Die Digitalisierung macht einerseits Stellen überflüssig, etwa bei Banken und Versicherungen, andererseits benötigt man für all die automatisierten Abläufe mehr IT-Fachleute. Und die Dekarbonisierung, also die Abkehr von fossilen Energiequellen, wird ebenfalls Menschen den Job kosten, etwa bei Motorenbauern, während anderswo Stellen entstehen wie im Batteriebau.

Für das Jahr 2026 rechnet die Bundesregierung mit einer Lücke von etwa 240 000 Stellen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) war vergangenen Herbst zu dem Ergebnis gekommen, dass es bis 2035 voraussichtlich rund fünf Millionen Menschen im Erwerbsalter von 18 bis 67 Jahren weniger geben wird als derzeit. IW-Direktor Michael Hüther warnt deshalb vor erheblichen Wohlstandsverlusten, wenn die Politik nicht energisch gegensteuere.

Der Fachkräftegipfel und das Strategiepapier soll nun den Einsatz der Bundesregierung dokumentieren. Aufgeführt ist eine Reihe von Maßnahmen, bemerkenswert ist etwa, dass es nun mehr kostenlose Ausbildungen geben und eine Ausbildungsvergütung gezahlt werden soll. Das könnte zum Beispiel angehende Physiotherapeuten betreffen, die in manchen Einrichtungen immer noch Schulgeld zahlen müssen, obwohl schon jetzt Fachkräfte in dem Bereich fehlen. Eine Bildungsteilzeit für Beschäftigte und ein Qualifizierungsgeld für Unternehmen soll Weiterbildung befördern. Die Möglichkeiten zur Kinderbetreuung würden weiter ausgebaut, verspricht die Regierung.

Auch für ältere Beschäftigte könnte sich etwas tun, die Bundesregierung will den Wunsch vieler Älterer, auch jenseits des Renteneintrittsalters zu arbeiten, unterstützen. "Dabei könnte unter anderem das Thema fixer Altersgrenzen in Arbeitsverträgen, Tarifverträgen und die bereits bestehenden Möglichkeiten in staatlichen Regeln diskutiert werden", heißt es vorsichtig, denn dies ist von den Tarifpartnern zu regeln.

Jede zweite Arbeitskraft aus dem Ausland verlässt Deutschland wieder

Die viel diskutierte stärkere Zuwanderung nach Deutschland führt die Bundesregierung erst am Ende ihres Strategiepapiers auf: Eine Einbürgerung soll wie bereits vereinbart künftig schon nach fünf und in Ausnahmefällen nach drei Jahren möglich sein. Den Einwanderern will man den Marathon durch deutsche Ämter erleichtern, auch Partnern und Kindern der Fachkräfte ein Angebot machen, ihre Qualifikation schneller anerkennen.

Bisher arbeiten viele Einwanderer in Deutschland unter ihrer Qualifikation, ihre Partner dürfen manchmal gar nicht arbeiten, manche Schulen sind immer noch schlecht gerüstet für Zuwandererkinder. All das sieht die Regierung als eine Ursache für einen weiteren Befund: Etwa jede zweite Arbeitskraft aus dem Ausland verlässt Deutschland wieder. Bald sollen mehr von ihnen bleiben.

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