Christchurch-Video Die Plattformen kommen mit dem Löschen nicht hinterher

Ein Like-Button von Facebook spiegelt sich im Auge des Betrachters.

(Foto: dpa)
  • 4000 Mal soll das Original-Video des mutmaßlichen Christchurch-Attentäters auf Facebook angeschaut worden sein. Das teilt der Konzern in einer Pressemitteilung mit.
  • Der Konzern steht unter Druck, da Millionen Kopien des Videos über die sozialen Medien verbreitet wurden.
  • Politiker in Neuseeland und Australien fordern jetzt Konsequenzen.
Von Jannis Brühl und Anna Ernst

Nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag im neuseeländischen Christchurch reagiert Facebook auf internationale Kritik. In dem sozialen Netzwerk war ein Video des Täters zu sehen gewesen, der seine Tat unter anderem mit einer Helmkamera filmte und live übertrug. Wie Facebook jetzt in einer Pressemitteilung schreibt, wurde das ursprüngliche Video nur rund 4000 Mal angeschaut, bevor es aus dem sozialen Medium entfernt wurde. In Kopien wurde es aber millionenfach weiterverbreitet.

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern übte bei einer Rede im Parlament harsche Kritik an Facebook: Man könne sich "nicht einfach zurücklehnen und akzeptieren, dass diese Plattformen existieren", sagte Ardern. Sie sieht die sozialen Medien in der Verantwortung: "Sie sind der Herausgeber und nicht nur der Briefträger." Einen Fall des "kompletten Profits ohne Verantwortung" könne es nicht geben, sagte sie.

Auch Australiens Premierminister Scott Morrison hatte Konsequenzen für soziale Medien gefordert. Es müsse ein gemeinsames Abkommen über die Folgen für Medien geben, die terroristische Angriffe übertragen, forderte Morrison in einem Schreiben an den japanischen Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der G-20-Gruppe, Shinzo Abe.

Von 200 auf Millionen in wenigen Stunden

In seiner Stellungnahme beteuert Facebook, rund um die Uhr daran zu arbeiten, dass solche Inhalte von der Seite verschwinden. Sowohl Personal als auch entsprechende Technik würden dafür eingesetzt. Wie der Konzern erklärt, sollen 200 Nutzer das Video des mutmaßlichen Attentäters Brenton T. bereits während der 17-minütigen Live-Übertragung angeschaut haben. Keiner dieser Nutzer fand den Inhalt beanstandungswürdig. Erst zwölf Minuten nach Ende des Live-Streams sei das Video bei Facebook zum ersten Mal gemeldet worden.

Noch bevor Facebook von dem Video erfuhr, verbreitete sich der Inhalt außerhalb der Plattform. Ein Nutzer des Forums 8chan, wo der Attentäter mutmaßlich auch sein Manifest hochgeladen hat, lud den Clip bei einer Sharing-Plattform hoch, und teilte den Link wiederum bei 8chan. Von dort aus verbreiteten andere Nutzer das Video in alle Winkel des Netzes: auf Twitter, Facebook, Youtube.

Wann genau Facebook das Original-Video aus dem Netz nahm, teilt das Unternehmen nicht mit. Es räumt aber ein, dass es auch von der neuseeländischen Polizei auf den Inhalt aufmerksam gemacht worden sei. Minuten später habe man dann das Video gelöscht, heißt es in der Stellungnahme. Der persönliche Facebook- sowie Instagram-Account des mutmaßlichen Täters sei entfernt worden.

Youtube nutzt Filter, um Masse an Videos zu löschen

Zudem habe Facebook mit technischen Möglichkeiten versucht, Videos mit gleichem Inhalt aufzuspüren und zu löschen. Mehr als 1,5 Millionen Kopien der Aufnahme seien innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Anschlag gelöscht worden. Bei weiteren 1,2 Millionen Kopien habe man bereits das Hochladen verhindern können.

Nicht nur Facebook hatte Probleme, die Verbreitung des Videos einzudämmen. Youtube teilte der SZ mit, das Video sei in der Hochphase jede Sekunde einmal hochgeladen worden. Die Menge habe das Unternehmen zu einem ungewöhnlichen Schritt veranlasst. Das Sicherheitsteam entmachtete die menschlichen Kontrolleure, die Inhaltserkennung und -löschung wurde komplett auf Algorithmen übertragen, um der Masse an Uploads Herr zu werden.

Normalerweise schlagen die Algorithmen an, überlassen dann aber die Lösch-Entscheidung den Menschen. Im Fall des Christchurch-Videos kamen sie als automatische Löschfilter zum Einsatz. Zusätzlich setzte Youtube Upload-Filter ein. Dabei werden Dateien, auf die ein im System hinterlegter digitaler Fingerabdruck passt, erst gar nicht zum Upload zugelassen.

Die Notfall-Löschroutine für das Christchurch-Video arbeitet laut Youtube alles andere als perfekt. Das Unternehmen räumte ein, dass im Rahmen dieser Automatisierung nach dem Anschlag auch viele harmlose Videos fälschlicherweise gesperrt wurden.

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