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Ex-Bundespräsident Walter Scheel gestorben:Walter Scheel, Mann der Härte und der Heiterkeit

Walter Scheel, 1999; Walter Scheel

Walter Scheel verstarb im Alter von 97 Jahren.

(Foto: SZ Photo)

Der Altbundespräsident war einer, dessen Lachen ansteckte. Und er war ein unglaublich selbstbeherrschter Politiker, der seinen Weg mit eiserner Kraft ging. Erinnerungen.

Es war dies sein letzter öffentlicher Auftritt auf der Bühne der Hauptstadt: Er steht da wie ein römischer Senator; seine Zeit als Feldherr liegt schon Jahrzehnte zurück. Er ist hochbejahrt, aber gar nicht greisenhaft; hochelegant, aber nicht geckenhaft; ein sehr hellgrauer Anzug. Der Kranz von weißen Locken sitzt auf seinem Kopf wie ein Lorbeerkranz.

Das war vor neun Jahren; da war er fast 88, sah aber aus wie frisch gestählt. Aus dem zerfältelten und trotzdem straffen Gesicht strahlten die blauen Augen; neugierig tasteten sie den Raum ab; ein Leuchten schien auf, wenn ein anderes Augenpaar dem seinen begegnete. Mit federnden Schritten, er überspielte damit seine leichte Wackeligkeit, eilte er auf andere Gäste zu, wartete nicht, bis sie zu ihm kamen, eröffnete locker das Parlando und beherrschte dabei sämtliche Töne: die leisen wie die lauten, die heiteren wie die ernsten, die bescheidenen wie die selbstbewussten.

Der amtierende Bundespräsident Horst Köhler, also einer seiner Nachfolger, hatte eingeladen ins Schloss Bellevue, in den Berliner Amtssitz, es war ein schöner Maitag im Jahr 2007. Man feierte den 85. Geburtstag von Egon Bahr. Drei Bundespräsidenten waren da: Scheel, der von 1974 bis 1979 deutscher Bundespräsident und seitdem Ehrenvorsitzender der FDP war; der 87-jährige Richard von Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994; und, 64-jährig, der amtierende Präsident Horst Köhler. Walter Scheel genoss es, beim Festessen nicht im Mittelpunkt zu stehen, andererseits aber von allen als das Oberhaupt der illustren Tafelrunde anerkannt zu werden.

Und so lehnte er sich erst einmal zurück, er lauschte, teils schmunzelnd, teils in sich gekehrt, wie Präsident Köhler seine ehrende Rede auf Bahr hielt und danach andere das Wort ergriffen, um ihre Begegnungen mit dem Jubilar zu schildern; dann meldete auch Scheel sich zu Wort - und schier sprudelte es nun aus ihm heraus.

Scheel war ein glänzender Unterhalter. Aber das war nur die eine Seite

Er reckte sich in die Höhe, die Jahre schienen von ihm abzufallen. Er hatte diebisches Vergnügen dabei, sich selbst als gefährlichen Umstürzler zu bezeichnen - als einen, der mehrere Bundesregierungen zu Fall gebracht, der Franz Josef Strauß vom Ministersessel gestoßen, der 1966 die schwarz-gelbe Koalition unter Ludwig Erhard beendet und dann der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt den Weg bereitet hat - dies alles, um, wie er sagt, eine andere Politik in Deutschland Platz greifen zu lassen, eine Politik mit frischem liberalen Wind, eine Politik der Entspannung, eine Politik zur Überwindung der Gräben zwischen Ost und West, eine Politik der Friedfertigkeit und Annäherung als Antwort auf den Kalten Krieg.

Mit ansteckender Begeisterung und so detailreich, als wäre es erst gestern gewesen, erzählte er von den Gesprächen mit Willy Brandt, und wie man sich unterhakte, als man dem Sturm der Entrüstung gegen die neue Ostpolitik trotzen musste. Scheel berichtet von den politischen Schachzügen, die Egon Bahr damals ersann und die er als Außenminister zu vertreten hatte; und man hörte Scheels Genugtuung darüber, dass diese sozialliberale Politik "mit der Wiedervereinigung gekrönt" wurde.

Diese intime Geburtstagsfeier im Schloss Bellevue war der letzte große Auftritt Walter Scheels. Man hat ihm sein hohes Alter sehr lange nicht angesehen, so wie man ihm in aktiven Zeiten auch seine Krankheiten nie angesehen hat. Scheel hat es geschafft, unbeschwert zu wirken, auch wenn er beschwert war; er litt - an den Nachwirkungen des Flecktyphus, den er sich im Winterfeldzug 1942/43 geholt hatte, ihn plagten Rückenschmerzen, Folge eines schwer vereiterten Rückgrat-Geschwürs, das man ihm damals herausgeschnitten hatte; fast sein ganzes Politikerleben lang hatte er Nieren- und Herzbeschwerden.