Eskalation im Gazastreifen Israels Verteidigungsminister fordert weitreichende Militäraktion

Die israelische Luftwaffe reagierte mit einem Angriff an der Küste des Gazastreifens.

(Foto: REUTERS)
  • Zwei Raketen werden aus dem Gazastreifen in Richtung Israel abgefeuert, eine davon trifft ein Haus.
  • Israel reagiert mit Luftschlägen gegen Ziele im Gazastreifen.
  • Dies könnte der Beginn einer größeren Militäraktion gegen die Hamas sein, die unter anderem der Verteidigungsminister fordert.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

In der Nacht zum Mittwoch wurden zwei Raketen aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert. Nicht nur der Zeitpunkt dürfte von der regierenden radikalislamischen Hamas - oder wer nun hinter dem Anschlag steckt - bewusst gewählt worden sein, sondern auch das Ziel: Die 40 Kilometer entfernte Stadt Beersheba. Eine Rakete traf der israelischen Armee zufolge ein Wohnhaus und richtete Sachschaden an. Fünf Menschen mussten wegen eines Schocks behandelt werden. In den vergangenen Monaten hatte die Hamas - oder andere Gruppen aus dem Gazastreifen - Dutzende Raketen und Mörsergranaten Richtung Israel geschickt, aber nur einmal wurde das weit entfernte Beersheba ins Visier genommen. Damit verbunden ist das Signal, dass Gruppen im Gazastreifen auch über weit reichende Raketen verfügen und nicht nur Gebiete entlang der Küstenenklave attackieren können. Eine zweite Rakete landete im Meer.

Als Vergeltung für die Raketenangriffe, die vom Abwehrsystem "Iron Dome" nicht abgefangen wurden, bombardierte die israelische Armee am Mittwochmorgen insgesamt 20 Ziele im Gazastreifen. Darunter einen Tunnel nach Israel und Militärbasen. Dabei gab es palästinensischen Angaben zufolge mindestens einen Toten und drei Verletzte. Es wurde entschieden, Schulen in israelischen Gemeinden in Beersheba sowie entlang des Gazastreifens nicht zu öffnen. Auch die Grenzübergänge in den Gazastreifen bleiben zu. Das israelische Militär untersucht, warum Iron Dome nicht aktiviert wurde. Der Chef der israelischen Streitkräfte, Gadi Eisenkot, brach seinen USA-Besuch vorzeitig ab.

Nach Angaben des israelischen Militärs gab es am Mittwochmorgen erneut Versuche, eine Rakete aus dem Norden des Gazastreifens auf Israel abzufeuern. Aus der Luft wurde eine Gruppe bombardiert, die die Rakete abschießen wollte, Sirenenalarm war in israelischen Gemeinden entlang des Gazastreifen zu hören. Nach Einschätzung des israelischen Militärs verfügen nur Hamas und der Islamischer Dschihad über derart weit reichende Raketen. Damit werde der Kreis eingeschränkt, sagte Sprecher Jonathan Conricus. Offiziell wird die im Gazastreifen regierende Hamas verantwortlich gemacht. Conricus kündigte an, die israelische Armee sei für jedes Szenario vorbereitet.

Die Hamas und der Islamische Dschihad veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung und wiesen die Verantwortung für die Raketenangriffe zurück. Es ist möglich, dass andere, im Gazastreifen aktive Gruppen die Verhandlungen mit Israel, der Vereinten Nationen und Ägypten torpedieren wollen.

Da sich am Vortag Verteidigungsminister Avigdor Lieberman öffentlich für eine militärische Aktion im Gazastreifen ausgesprochen hatte und das israelische Sicherheitskabinett an diesem Mittwoch tagt, wird der Raketenbeschuss als Reaktion auf Liebermans Drohungen gewertet. Auch Premierminister Benjamin Netanjahu hatte am Sonntag mit einem harten Schlag gedroht, das Sicherheitskabinett hatte dann aber am Nachmittag keine Entscheidung getroffen. Ein weiterer Termin für Beratungen wurde für Mittwoch angesetzt.

Angespannte humanitäre Lage im Gazastreifen

In den vergangenen Wochen hatten die Proteste an der Grenze zum Gazastreifen wieder zugenommen und waren nicht nur auf Freitage beschränkt. Seit 30. März sind laut Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums 155 Palästinenser von israelischen Soldaten erschossen worden, rund 19.000 wurden verletzt. Die Proteste starteten als "Marsch der Rückkehr", mit dem die Palästinenser rund um den 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels auf ihre Vertreibung aufmerksam machen wollten. Unter den Toten sind Dutzende Hamas-Mitglieder, aber auch Jugendliche, die mit den Grenzprotesten auf die prekäre humanitäre Lage im Gazastreifen aufmerksam machen wollen.

Die jüngste Eskalation mit massivem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen war am 9. August. Der Verteidigungsminister hatte damals schon für einen Kriegseinsatz plädiert, wofür ein Beschluss des aus zehn Mitgliedern bestehenden Sicherheitskabinetts notwendig ist. Die Debatte über eine Militäraktion wird durch die Ereignisse der Nacht intensiviert werden. Lieberman hatte die Mitglieder des Gremiums öffentlich aufgerufen, einer weitreichenden Militäraktion zuzustimmen. Danach werde wieder "vier bis fünf Jahre Ruhe" an der Grenze zum Gazastreifen einkehren, prognostizierte Lieberman. Es werde aber eine schwierige Auseinandersetzung, da die Hamas über bessere Waffen verfüge.

Der letzte Gazakrieg war 2014. Zuletzt hatte es unter Vermittlung der UN Verhandlungen zwischen Israel und der im Gazstreifen regierenden Hamas gegeben, bei der der mit den Herrschern im Gazastreifen verfeindete palästinensische Präsident Mahmoud Abbas ausgebremst worden ist. Israel, das wie Ägypten den Küstenstreifen abriegelt, ließ von Katar finanzierte Treibstofflieferungen zu, die zur Verbesserung der Stromversorgung beitragen sollen. Nachdem die USA Gelder für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNWRA gestrichen hat, ist die humanitäre Lage für die rund zwei Millionen Bewohner in der abgeschotteten Küstenenklave noch angespannter, denn die Nahrungsmittelhilfe sowie der Betrieb von Schulen und Gesundheitszentren sind nur bis Jahresende gesichert.

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