Nahostkonflikt Allerletzte Chance für Verhandlungen

In den letzten Tagen ist schon viel kaputtgegangen, aber noch ist es nicht zu spät, einen Krieg zu verhindern.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Ein Krieg um den Gazastreifen erscheint so nah wie lange nicht mehr. Noch aber kann verhandelt werden. Das ist auch deshalb möglich, weil sich Benjamin Netanjahu bislang besonnen verhält.

Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

In Gaza könnte ein neuer Krieg ausbrechen. Israel trifft schon Vorbereitungen, seine Orte entlang des Gazastreifens zu evakuieren. Verantwortlich für die jüngste Eskalation ist die in der Küstenenklave regierende radikalislamische Hamas. Die Massivität des Raketenhagels und der Zeitpunkt waren überraschend: Eigentlich schienen die von Ägypten und den UN gesteuerten Verhandlungen über eine langfristige Waffenruhe auf einem guten Wege zu sein.

Über die Motivation der Hamas kann nur spekuliert werden: Rache für die Tötung zweier ihrer Kämpfer am Dienstag? Vergeltung für die andauernden Auseinandersetzungen an der Grenze und die vereinzelten Luftschläge der Israelis? Es ging der Hamas jedenfalls um eine Demonstration ihrer - angeblichen - Stärke. Und das bedeutet im Nahen Osten: Waffengewalt. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Der Druck, der nun auf Israels Premierminister Benjamin Netanjahu lastet, ist enorm. Selbst Oppositionsparteien verlangen von ihm, endlich zuzuschlagen. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman ist schon seit Längerem für eine Militäroperation; Kulturministerin Miri Regev fordert sogar die Ermordung der Hamas-Führer.

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Die Menschen auf der israelischen Seite des Gazastreifens leben mit dem ständigen Gefühl, der nächste Raketenbeschuss könnte bald losgehen. Sie wollen nicht mehr alle paar Tage wieder in den Bunker. Dass sich unter solchen Bedingungen ein normales Leben führen lässt, ist kaum vorstellbar. Rufe nach Rache und Vergeltung sind verständlich, eigentlich aber wollen alle nur eines: Ruhe. Genauso geht es den Menschen auf der anderen Seite der Grenze, die israelischen Luftangriffen ausgesetzt sind. Auch sie leiden. Es ist Netanjahu zu verdanken, dass es nach der erneuten Provokation der Hamas nicht zu einem Krieg gekommen ist - noch nicht. Über seine Motive kann man rätseln: Verhält er sich besonnen, weil er die Bedrohung durch Iran in Syrien für derzeit größer hält und keine Kräfte verschleißen will? Oder weil der permanent schwelende Konflikt dazu führt, dass sich die Bevölkerung hinter ihm versammelt? Die vom Sicherheitskabinett veröffentlichte dürre Ein-Satz-Meldung, dass die Armee angewiesen wurde, weiter hart vorzugehen, lässt alle Optionen offen. Aber: Das ist keine Kriegserklärung, sondern es bietet eine allerletzte Chance für Verhandlungen.

Beide Seiten haben Warnungen abgegeben: Die Hamas wollte mit dem Raketenabschuss ins 40 Kilometer entfernte Beersheba demonstrieren, dass sie auch Gebiete im Landesinneren Israels oder in Tel Aviv treffen könnte. Und Israel hat mit dem Bombardement eines Hamas-Zentrums mitten in Gaza-Stadt gezeigt: Wir könnten die Führung direkt ins Visier nehmen.

Nun aber, nach der militärischen Demonstration, können sich beide Parteien wieder auf die Verhandlungen konzentrieren. Die von Ägypten und den UN vorgelegten Pläne sehen nicht nur einen Waffenstillstand vor, sondern auch eine Aufhebung der Blockade des Gazastreifens und einen Wiederaufbau der Infrastruktur. Das ist der richtige Weg. Nur so kann die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen abgewendet und eine weitere Radikalisierung vermieden werden. Bomben- und Raketenabwürfe sind keine nachhaltige Lösung. Gelingt nicht rasch eine Verständigung, wird es Krieg geben.

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