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Giftgas im Ersten Weltkrieg:"Perversion der Wissenschaft"

Nach dem Krieg befürchtete Fritz Haber, von den alliierten Siegermächten als Kriegsverbrecher gesucht zu werden. Er reiste deshalb in die Schweiz und bemühte sich, die Staatsangehörigkeit der Eidgenossenschaft zu erlangen. Doch ein Auslieferungsgesuch der Alliierten kam nicht. Dafür erfuhr Haber, dass das Preiskomitee der Stockholmer Akademie entschied hatte, ihm trotz seiner Rolle im Gaskrieg für die Ammoniaksynthese mit dem Nobelpreis für Chemie für das Jahr 1918 auszuzeichnen.

Während sein Einsatz für die Chemiewaffen Haber in keinen Gewissenskonflikt getrieben hatte, wirkte sich seine Arbeit auf seine Frau Clara tragisch aus. Die einst selbst erfolgreiche Wissenschaftlerin - sie war die erste Deutsche mit einem Doktortitel in Chemie - war nach ihrer Heirat von Haber gedrängt worden, sich gegen ihren Willen auf eine Rolle als Ehefrau und Mutter zu beschränken.

Auschwitz-Monowitz IG Farben

Die IG-Farben-Gesellschaft Degesch produzierte im Konzentrationslager Auschwitz III/Monowitz auch das Gift Zyklon-B für die Vernichtungs-Gaskammern. In dem KZ kamen zwischen 20 000 und 30 000 Zwangsarbeiter ums Leben.

(Foto: dpa)

Unerträglich war für Clara, geborene Immerwahr, die Arbeit ihres Mannes mit dem Giftgas, die sie als "Perversion der Wissenschaft" kritisierte. Am 1. Mai, wenige Tage nach dem Gasangriff bei Ypern, veranstaltete Haber in seiner Villa eine Siegesfeier. In dieser Nacht tötete sich Clara mit Habers Dienstwaffe.

Haber blieb zumindest nach außen hin davon unbeeindruckt, und widmete sich weiter intensiv der Weiterentwicklung der chemischen Waffen. Kritikern des Gaskrieges antwortete er, der Tod durch Gas sei nicht qualvoller als durch konventionelle Geschosse.

Daneben arbeitete er an der Entwicklung von Schädlingsbekämpfungsmitteln mit. So wurde er Leiter des 1917 gegründeten "Technischen Ausschusses für Schädlingsbekämpfung" (Tasch), in dem Wissenschaftler vom KWI und des Unternehmens Degussa arbeiteten. Bereits 1917 testete der Tasch den Einsatz von Blausäure. 1919 stieß Haber die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) als gemeinnütziges Wirtschaftsunternehmen an und übernehm bis 1920 deren Leitung.

Menschen im Krieg

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(Foto: SZ)

Auf der Grundlage der Arbeiten, die noch unter Haber stattgefunden hatten, entwickelte die Degesch 1922 das Gift "Zyklon B" - jener Stoff, mit dem in den Gaskammern deutscher Konzentrationslager von 1941 an insbesondere Juden systematisch ermordet wurden. Zu den Millionen Opfern gehörten auch enge Verwandte des Chemikers

Nach Hitlers Machtergreifung verließ Haber seine Heimat

Dem konvertierten Juden Fritz Haber blieb es erspart, das zu erleben. 1933 übernahmen die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler die Macht und sorgten mit dem sogenannten Arierparagraphen dafür, dass am KWI alle jüdischen Mitarbeiter entlassen wurden. Haber, der als Veteran des Ersten Weltkriegs - noch - nicht betroffen war, gab seinen Posten freiwillig auf. Er verließ das Vaterland, für das sich einzusetzen ihm so wichtig gewesen war.

Er reiste nach Cambridge, Großbritannien, wo die Universität ihm die Gelegenheit geben wollte, weiter zu forschen - allerdings unbezahlt. Dann erhielt er das Angebot des Chemikers Chaim Weizmann, an dessen neu gegründetes Daniel-Sieff-Forschungsinstitut (das heutige Weizmann-Institut) im heute israelischen Rehovot zu kommen. Auf der Reise dorthin starb Haber im Januar 1934 in der Schweiz.

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