Bearbeitete Geschichte Weltkriegsjubler Hitler

Hitler bei Ausbruch des 1. Weltkrieges in München, 1914: Bei der Bekanntgabe der deutschen Mobilmachung soll in der jubelnden Menge auf dem Odeonsplatz vor der Feldherrnhalle in München auch Adolf Hitler (kleiner Kreis) inmitten der den Kriegsausbruch bejubelnden Menge zu sehen sein. Im Hintergrund die Theatinerkirche, 1914

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Endlich, endlich ist der Krieg da! Ein Foto scheint zu belegen, dass Adolf Hitler den Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf dem Münchner Odeonsplatz feierte. Doch war er überhaupt dort?

Von Willi Winkler

Was für ein Festtag muss es gewesen sein, ein Jubelsommer, denn endlich, endlich war der Krieg da! Der junge Schriftsteller durfte den Kriegsausbruch in seinem geliebten München erleben. "Denn es stand bei mir von der ersten Stunde an fest, dass ich im Falle eines Krieges - der mir unausbleiblich schien - so oder so die Bücher sofort verlassen würde. Ebenso aber wusste ich auch, dass mein Platz dann dort sein musste, wo mich die innere Stimme nun einmal hinwies."

Vaterländische Gefühle übermannten ihn. "Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, dass ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, dass er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen."

Euphorie zu Beginn des Ersten Weltkriegs

Wie Europa 1914 den Kriegsausbruch feierte

Zum Glück und allzeit bereit für ein ZDF-History-Special war ein Fotograf bei diesem großen patriotischen Moment am 2. August 1914 dabei. Heinrich Hoffmann hatte sich an der Feldherrnhalle am Münchner Odeonsplatz postiert, um die begeisterte Menge für die Nachwelt festzuhalten.

Einer sticht heraus unter den sommerhuttragenden Männern: makellos ist der Kragen, der Schnurrbart und vor allem die Begeisterung verraten es - da steht Adolf Hitler, der den äußeren Ausdruck für seine innere Stimme gefunden hat.

Ein Original ist nicht zu finden

Ob es echt ist oder nicht: So ist das Bild überliefert, so wanderte es in die Schulbücher und so erscheint es bis heute in Ausstellungen. Wer hätte auch zweifeln mögen? Zur Volksaufklärung und damit auch jeder merkte, dass sich hier die große Stunde und der kommende große Mann begegnen, wurde der Jubler bereits in den Zwanzigern herausvergrößert und eingekreist. So wird das Foto noch heute vielfach als authentisches Dokument präsentiert.

Es gibt aber kein Original des Bildes von 1914, es gibt nur die bearbeitete Form, bei der Hitler am Rand des Bilds auch noch vergrößert gezeigt wird. Schon länger äußern einige Historiker den Verdacht, dass es sich um eine nachträgliche Montage handelt. Zwar lässt sich nicht beweisen, dass es sich bei dem Hitler in der Menge um eine Fälschung handelt.

Aber dass Hitler tatsächlich dort war, verbürgen nur zwei Männer: der Fotograf und sein Objekt; das Negativ zur Aufnahme fehlt. Im Münchner Stadtarchiv finden sich mehrere Aufnahmen von jenem Tag am Odeonsplatz, doch zeigt keine den endlich von seinem Schreibtisch erlösten Hitler.

Die Mitarbeiterin Elisabeth Angermair weiß von keinem Foto mit Hitler; die Authentizität "fußt ausschließlich auf der Aussage Hitlers". Das Bundesarchiv verfügt außerdem über einen Film von den Jublern, doch auch da lässt sich der später so berühmte Schnurrbart nicht entdecken.

Seltsamerweise erzählt Hitler in seinem Bekenntnisbuch Mein Kampf nichts davon, dass er an jenem 2. August überhaupt auf dem Odeonsplatz war. Erst am folgenden Tag richtete er ein "Immediatgesuch" an König Ludwig III. "mit der Bitte, in ein bayerisches Regiment eintreten zu dürfen".

Am Ende dieses Krieges, so endet Mein Kampf, beschließt er, "Politiker zu werden". Eine konsequente Laufbahn, die offenbar auf dem Odeonsplatz und auf einem Foto begann. Die Geschichte ist vielleicht nur ein kleines bisschen zu perfekt.

Hoffmann war ein Marketing-Genie; seit 1920 hatte er exklusiven Zugang zum Führer. Der im Bild überlieferte Hitler ist deshalb vor allem ein Werk seines "Leibfotografen".

Wo Stalin seine Gegner nicht bloß ermorden, sondern nachträglich aus Fotos herausretuschieren ließ, fertigte der Künstler Hoffmann ein gestochen scharfes Porträt Hitlers und wies damit seinem berühmtesten Kunden den Platz zu, der ihn zum Retter der geschlagenen Deutschen prädestinierte.

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