Giftgas im Ersten Weltkrieg Falsche Hoffnungen auf ein schnelles Kriegsende

Deutsche Soldaten während eines Gasangriffs in den flandrischen Dünen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Haber hing demnach offenbar ähnlichen - falschen - Vorstellungen an wie vor ihm schon Alfred Nobel. Der schwedische Industrielle hatte gehofft, dass besonders starke Vernichtungswaffen abschreckende Wirkung haben würden.

Stattdessen gruben die alliierte und deutsche Artillerie mit gigantischen Mengen hochexplosiver Sprengstoffe innerhalb von vier Jahren ganze Landstriche immer wieder komplett um.

Auch auf Hahns Hinweis, es handele sich um einen Verstoß gegen die Haager Konvention, sagte Haber, es wären doch die Franzosen gewesen, die mit gasgefüllter Gewehrmunition "den Anfang hierzu gemacht" hätten. Tatsächlich hatte Frankreich nach Kriegsbeginn den Einsatz von Tränengas-Patronen getestet, die aber kaum Wirkung gezeigt hatten.

Erster Weltkrieg

Wahnsinn Westfront

Preußens Kriegsminister und Chef des Großen Generalstabs, General Erich von Falkenhayn, ließ sich vom Potenzial chemischer Waffen überzeugen und drängte die Generäle nun, entsprechende Versuche an der Front vorzunehmen. General Berthold von Deimling, Kommandeur des XV. Korps bei Ypern, berichtete später über die Vorbereitungen:

Der Krieg ist Notwehr und kennt kein Gebot

"Falkenhayn eröffnete uns, das ein neues Kampfmittel, das Giftgas, zur Anwendung kommen sollte, und mein Korpsbezirk sei für den ersten Versuch in Aussicht genommen. Das Giftgas würde in Stahlflaschen geliefert werden, die in die Schützengräben einzubauen und bei günstigem Wind abzublasen seien. Ich muss gestehen, dass die Aufgabe, die Feinde vergiften zu sollen wie Ratten, mir innerlich gegen den Strich ging, wie es wohl jedem anständig fühlenden Soldaten so gehen wird. Aber durch das Giftgas konnte vielleicht Ypern zu Fall gebracht werden [...] Also los! Helf' was helfen mag! Der Krieg ist Notwehr und kennt kein Gebot." Diese Haltung setzte sich in der Armee durch.

Die meisten Naturwissenschaftler dagegen brauchten gar nicht erst überzeugt zu werden. Nur wenige Ausnahmen gab es, wie etwa die Physiker Max Born ("Ich hatte eine starke Abneigung gegen die chemische Kriegsführung, lehnte alle Angebote, daran teilzunehmen, ab"). Auch Richard Willstätter, Chemiker, Nobelpreisträger und stellvertretender Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin hatte sich Hahn zufolge "dazu nicht hergegeben". Tatsächlich beteiligte sich Willstätter auf Habers Drängen immerhin an der Entwicklung von Gasmasken.

Fritz Haber 1931 an seinem Schreibtisch

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Im Frühjahr 1915 konnte Fritz Haber an der Front in Flandern sein Giftgas ausprobieren. Als der Wind am 22. April 1915 an einem Frontabschnitt bei Ypern in Richtung Gegner blies, öffneten seine Leute die Stahlflaschen mit Chlor und eine Wolke Giftgas - sechs Kilometer breit und bis zu 900 Meter tief - wurde in die französischen Stellungen geweht. Die Franzosen hatten zwar von den Vorbereitungen Kenntnis gehabt, das Hauptquartier aber hatte aber die Möglichkeit eines Gasangriffs offenbar nicht ernst genommen.

Einige Tausend französische Soldaten starben, Tausende weitere wurden verletzt. Die Deutschen aber, von ihrem eigenen Erfolg überrascht, schickten zwar Soldaten in die Lücke, die mit speziell präparierten Mullkissen geschützt waren. Sie konnten die Gelegenheit aber nicht zum Durchbruch nutzen. Durch Gegenangriffe der Alliierten wurde die Front bald wieder stabilisiert.

Unter dem nun zum Hauptmann beförderten Haber entwickelten die Experten der Chemischen Abteilung im Preußischen Kriegsministerium danach immer tödlichere Giftgase, die dann mit Granaten verschossen wurden. Chlorgas, ursprünglich als Tränengas gedacht, wurde zunehmend mit Phosgen versetzt (Grünkreuz), auch Senfgas (Lost, Gelbkreuz) wurde eingesetzt. Außerdem wurden zum Schutz der eigenen Soldaten immer bessere Gasmasken entwickelt.

Britische Soldaten 1918, die in Flandern durch deutsches Gas geblendet wurden, warten auf ihre Behandlung.

(Foto: gemeinfrei)

Gas wurde nicht nur an der Westfront eingesetzt, sondern auch im Osten. In seiner Autobiografie schrieb Hahn 1968 über seine Erfahrungen dort: "Ich war damals tief beschämt und innerlich sehr erregt, denn schließlich hatte ich doch selbst diese Tragödie mit ausgelöst. Erst haben wir die russischen Soldaten mit unserem Gas angegriffen, und als wir dann die armen Kerle liegen sahen, haben wir ihnen mit unseren Selbstrettern (frühe Atemschutzgeräte aus dem Bergbau; Anm. d. Red.) das Atmen erleichtert. Da wurde uns die ganze Unsinnigkeit des Krieges bewusst. [...] Doch retten konnten wir die armen Menschen nicht mehr."

Auch die Alliierten setzten nach Ypern auf chemische Kampfstoffe. Dieter Martinetz von der Akademie der Wissenschaften in Leipzig schätzt, dass während des Ersten Weltkriegs mehr als eine Million Menschen durch chemische Waffen verletzt wurden. Bis zu 90 000 von ihnen kamen ums Leben.