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Erich Honecker:"Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf"

Honecker stand mehr als 18 Jahre an der Spitze der DDR, vor genau 30 Jahren trat er zurück. Den Bezug zur Realität schien er da schon verloren zu haben. Sein Leben in Bildern.

Von Philipp Saul

12 Bilder

Erich Honecker

Quelle: dpa

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"Gibt es noch Vorschläge zur Tagesordnung?", fragt Erich Honecker am 17. Oktober 1989 zu Beginn einer Sitzung des SED-Politbüros in die Runde - und die Antwort dürfte ihn überrascht haben. Sie bedeutet das Ende der politischen Karriere des damaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR und Generalsekretärs der SED. Willi Stoph, einer der engsten Weggefährten Honeckers, meldet sich und schlägt als ersten Punkt der Tagesordnung vor: "Entbindung des Genossen Erich Honecker von einer Funktion als Generalsekretär und Wahl von Egon Krenz als Generalsekretär."

Honecker erstarrt kurz, sagt dann aber: "Gut, dann eröffne ich die Aussprache." In der anschließenden Diskussion spricht sich kein einziges Mitglied des Politbüros für Honecker aus. Am Ende stimmen alle anwesenden Politbüromitglieder, Honecker eingeschlossen, für dessen Ablösung.

Einen Tag später, am 18. Oktober, kommt das Zentralkomitee der SED zusammen und Honecker verliest seine Rücktrittserklärung. Er trete aus gesundheitlichen Gründen zurück, so die offizielle Version. Als Nachfolger schlage er Egon Krenz vor.

Erich Honecker as a prisoner between 1935 and 1945 Honnecker 1912 âÄ" 1994 was a German communist

Quelle: imago images / United Archives I

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Kurz vor dem Fall der Mauer endet damit für Honecker die Zeit an der Spitze. Etwas mehr als 18 Jahre war er Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. In der kommunistischen Bewegung ist der 1912 in Neunkirchen (Saar) geborene Honecker insgesamt mehr als 60 Jahre aktiv.

1928 tritt Honecker, gelernter Dachdecker, dem Kommunistischen Jugendverband Deutschland bei und wird später auch Mitglied der KPD. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 setzt sich Honecker zunächst vergeblich gegen den Anschluss des Saargebietes an das Deutsche Reich ein. Daraufhin flieht er nach Frankreich und reist im August 1935 nach Berlin, um dort im Widerstand zu arbeiten. Noch im selben Jahr wird er verhaftet (siehe Bild) und verbringt bis 1945 von einer kurzen Flucht abgesehen fast zehn Jahre im Zuchthaus.

Walter Ulbricht und Erich Honecker 1971

Quelle: dpa

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Kurz nach Kriegsende lernt er Walter Ulbricht kennen, den starken Mann in der 1949 gegründeten DDR. Ulbricht betraut ihn später mit dem Vorsitz der FDJ, der Jugendorganisation der SED. In der DDR macht Honecker schnell Karriere. 1950 wurde er erst Kandidat und 1958 als Sekretär für Sicherheitsfragen im ZK der SED Vollmitglied des Politbüros.

Lange hat Honecker die Unterstützung Ulbrichts. In den Sechzigerjahren allerdings wandelt sich der Hardliner vom Kronprinzen zu Ulbrichts Gegenspieler. Mit der Hilfe Moskaus stürzt er ihn 1971 und verbreitet nach einem Überraschungsbesuch in Ulbrichts Wohnung Bilder, die diesen als kränklichen Mann in Morgenmantel, Trainingshose und Pantoffeln zeigen.

Graffiti auf der Berliner Mauer

Quelle: Roland Arhelger / CC-BY-SA 4.0

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An der Berliner Mauer, deren Bau 1961 maßgeblich von Honecker geprägt wird, kommen insgesamt mindestens 140 Menschen als sogenannte "Maueropfer" ums Leben. Dazu beigetragen hat auch der 1974 von Honecker präzisierte "Schießbefehl". Bei einer Sitzung des Nationalen Verteidigungsrats erklärt er: "Nach wie vor muss bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen."

Im Bild zu sehen ist ein Abschnitt der Mauer mit Graffiti im Jahr 1988 vom Stadtteil Kreuzberg in Westberlin aus betrachtet.

Themenpaket Willy Brandt

Quelle: dpa

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Zu Honeckers größten außenpolitischen Erfolgen zählt die Anerkennung der DDR als vollwertiges Mitglied der Vereinten Nationen im Jahr 1973 - für das sozialistische Land ein großer Prestigegewinn. Die westdeutsche Bundesrepublik wird zur gleichen Zeit ebenfalls vollwertiges Mitglied.

Die Basis für diesen Schritt ist der 1972 zwischen BRD und DDR unterzeichnete "Grundlagenvertrag", in dem sich die beiden deutschen Staaten gegenseitig als eigenständig anerkennen. Eine bedeutende Rolle spielt in diesem Zusammenhang der damalige Bundeskanzler Willy Brandt, der mit seiner Politik von "Wandel durch Annäherung" auf die DDR zugeht.

Im Bild zu sehen sind Brandt und Honecker 1985 bei einem Besuch des damaligen SPD-Vorsitzenden in Ost-Berlin.

Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker auf der Berliner Mauer

Quelle: Getty Images

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Honecker ist in der DDR zwar als Generalselretär des ZK und Staatsratsvorsitzender der mächtigste Mann im Staat, doch bei wichtigen Entscheidungen hat ein anderer die Fäden in der Hand: der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew. In der 1968 verkündeten Breschnew-Doktrin wird den sozialistischen Ländern des Ostens lediglich eine "beschränkte Souveränität" zugestanden. Diese ende dort, wo die Interessen des Warschauer Pakts bedroht seien.

Eines der berühmtesten Bilder von Honecker und Breschnew wird im Jahr 1979 aufgenommen. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 30. Geburtstag der DDR begrüßen sich die beiden mit dem sozialistischen Bruderkuss. Die Szene wird Jahre später auf Reste der Berliner Mauer der berühmten East Side Gallery gemalt.

Witze-Buch zum Honecker-Jahrestag

Quelle: dpa

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Im Jahr 1981 besucht der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) die DDR, deren wirtschaftliche Lage schwierig ist. Lange nach der Wiedervereinigung schreibt Schmidt über das Treffen: "Er glaubte in vollem Ernst, die DDR habe wirtschaftlich 'Weltklasseniveau' erreicht und gehöre zu den bedeutendsten Industrienationen der Welt." Zwar sei Honecker ein freundlicher Gastgeber gewesen, doch habe er im Gespräch oft "vorgeprägte Redensarten" benutzt. "Er ist mir als ein Mann von beschränkter Urteilskraft erschienen."

Helmut Kohl ist tot

Quelle: dpa

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Die internationale Anerkennung und schrittweise Öffnung der DDR werden ihm schließlich zum Verhängnis, schreibt der Historiker Martin Sabrow. Honecker habe das Land einer wachsenden Konkurrenz der Güter und der Geister ausgesetzt. "Nur als geschlossene Sinnwelt hatte das sozialistische Projekt seine politische Legitimation und Handlungsmacht bewahren können. Die immer weitere Öffnung der DDR ließ in den Achtzigerjahren nicht nur die Bevölkerung immer stärker ihre Bedürfnisse einklagen, sondern lähmte auch die Faust des Regimes, das sich lieber friedlich aufgab, als seine Macht mit Gewalt zu sichern."

Im Bild zu sehen ist Honecker bei seinem Staatsbesuch 1987 in der Bundesrepublik zusammen mit dem damaligen Kanzler Helmut Kohl (CDU) in Bonn.

40 Jahre DDR

Quelle: dpa

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Der 7. Oktober 1989 ist ein Tag mit viel Pomp. Mit einer riesigen Militärparade feiert Honecker in Anwesenheit des sowjetischen Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow und vieler DDR-Größen den 40. Jahrestag der Gründung der DDR. Während die Menschen im Land Woche für Woche bei Massenprotesten auf die Straße gehen und gegen das Regime demonstrieren, gelten die Feierlichkeiten als Symbol für die Entrücktheit der politischen Elite. Honecker scheint Beobachtern zufolge den Bezug zur Wirklichkeit verloren zu haben.

Wenige Wochen zuvor überreichen Mitarbeiter des Erfurter Kombinats Mikroelektronik dem DDR-Staatschef ein Muster des ersten DDR-32-Bit-Mikroprozessors. Honecker ist so begeistert, dass er einen alten Spruch der Arbeiterbewegung zitiert: "Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf."

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Quelle: ASSOCIATED PRESS

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In der Sitzung des Politbüros am 17. Oktober 1989, in der seine Absetzung beschlossen wird, soll sich der inzwischen 77 Jahre alte Honecker "nicht als geschlagenen Mann" bezeichnet haben, "sondern als Genossen, der bei voller Gesundheit ist". Zu einer Vertrauten sagt er aber angeblich, er sei eigentlich froh. Diese Last habe er nicht mehr tragen können.

Tatsächlich ist er zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank. Wegen Problemen mit der Galle wird er im Sommer 1989 operiert und kann seine Aufgaben als Staatschef einige Zeit nicht wahrnehmen. Anfang 1990 erfährt Honecker, dass er auch an Nierenkrebs leidet.

Das Pfarrhaus Lobetal, 1990; Mauerfall Wiedervereinigung

Quelle: Regina Schmeken; Regina Schmeken

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Die letzten Wochen bis zum 9. November erlebt Honecker im Ruhestand. Mit dem Mauerfall schwindet jedoch seine Unterstützung durch die DDR-Führung. Er verliert seine Wohnung und findet zwischenzeitlich mit seiner Frau Margot eine Bleibe im Pfarrhaus Lobetal (im Bild). Der Staat sieht keine Möglichkeit, ihm eine Wohnung zu bieten, in der er vor möglicher Lynchjustiz durch aufgebrachte Bürger geschützt ist. Ausgerechnet der Atheist Honecker kommt deshalb Anfang 1990 für einige Zeit in einer kirchlichen Einrichtung unter.

Ende November 1990 wird gegen Honecker Haftbefehl wegen des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze erlassen, er befindet sich wegen seines Gesundheitszustands jedoch bereits im sowjetischen Militärhospital in Beelitz und wird im März 1991 nach Moskau ausgeflogen. Weil sich die Verhältnisse aber auch dort nach dem gescheiterten Augustputsch verändern, verliert er den russischen Rückhalt und flieht Ende 1991 in die chilenische Botschaft. Aber auch dieses Asyl als zusammen mit seiner Frau Margot "letzte Botschaftsflüchtlinge der DDR" verliert er und wird im Juli 1992 an die Bundesrepublik ausgeliefert. Ein Strafverfahren gegen ihn wird aber Anfang 1993 wegen seiner schweren Krankheit eingestellt.

Erich Honecker und Margot Honecker auf dem Flughafen in Chile, 1993

Quelle: DPA

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1993 fliegt Honecker zu seiner Frau Margot und der gemeinsamen Tochter Sonja ins Exil nach Chile, wo er am 29. Mai 1994 im Alter von 81 Jahren stirbt. Margot Honecker lebt noch bis zu ihrem Tod 2016 in Chile. Sie war von 1963 bis 1989 Ministerin für Volksbildung in der DDR und galt als die mächtigste Frau im Land. Den Sozialismus und die Stasi verteidigte sie fast bis zum Schluss. "Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern, um diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen", sagte sie.

© SZ.de/cck/cat
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