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Türkei:Erdoğans viele Krisenherde

Proteste gegen französischen Staatschef Macron

Der Schuh als Zeichen der Verachtung: Ein junger Mann in Istanbul hält ein Foto von Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, in die Kamera.

(Foto: Emrah Gurel/dpa)

Der türkische Präsident liegt jetzt im Clinch mit Frankreichs Staatschef Macron. Dabei mischt er ohnehin in vielen Konflikten der Welt mit.

Von Tomas Avenarius, Istanbul, und Dunja Ramadan

Boykottaufrufe scheinen gerade Konjunktur zu haben. Und sie verlaufen nicht immer an scheinbar ausgemachten Konfliktlinien, etwa zwischen der westlichen und der islamischen Welt. Anfang der Woche rief der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seine Landsleute dazu auf, auf französische Produkte zu verzichten.

In den Tagen zuvor hatte Erdoğan Frankreichs Präsident Emmanuel Macron scharf angegriffen, nachdem dieser bei der Trauerfeier des getöteten Lehrers Samuel Paty angekündigt hatte, auch weiterhin Mohammed-Karikaturen zu zeigen.

Dabei, so könnte man meinen, mischt Erdoğan bereits in genügend Krisenherden mit. Parallel zum Boykott französischer Waren läuft derzeit eine inoffizielle Kampagne gegen türkische Produkte, die angesichts der türkischen Lira-Krise denkbar ungünstig erscheint.

Ajlan bin Abdulaziz Al-Ajlan, der Vorsitzende des Rates der saudischen Handelskammern, hatte bereits Anfang Oktober dazu aufgerufen, "alles Türkische" zu boykottieren, sei es auf der Ebene des Imports, der Investitionen oder des Tourismus. Es liege in der Verantwortung jedes saudischen Händlers und Verbrauchers als Reaktion auf die anhaltende Feindseligkeit der türkischen Regierung gegenüber unserer Führung, ließ Al-Ajlan verlauten. Am vergangenen Montag wiederholte er den Boykottaufruf, denn "unsere Führung und unser Land sind eine rote Linie".

Aggressive Außenpolitik, um von der Wirtschaftsmisere abzulenken

Ideologisch stehen die beiden Nationen weit auseinander: Während Ankara nach dem Arabischen Frühling 2011 die Bewegungen des politischen Islam, allen voran die Muslimbrüder in Ägypten, unterstützte, finanzierte Riad die Konterrevolution der arabischen Autokraten.

Seitdem stehen sich die beiden Rivalen immer wieder gegenüber, ob im libyschen Bürgerkrieg oder in der Katarkrise. Beide beanspruchen für sich eine Führungsrolle in der islamischen Welt. Wenn Erdoğan sich also der arabischen Boykott-Kampagne gegen Frankreich anschließt, dann vor allem, um jene Führungsrolle für sich zu reklamieren.

Dabei betreibt Erdoğan seine aggressive und in Teilen militarisierte Außenpolitik vor allem, um die Türken von der ökonomischen Misere und seiner sich deswegen verschlechternden eigenen innenpolitischen Position abzulenken. Er will der Türkei aber auch eine neue Rolle als starke Regionalmacht im Mittelmeer, im Kaukasus und am Schwarzen Meer verschaffen und dabei auch die Energiesicherheit seines Landes gewährleisten.

Die Türkei ist derzeit in gleich vier Kriege verwickelt und liefert sich zugleich mit Griechenland, Zypern und der EU eine fortgesetzte Serie militärischer Drohgesten bei der Suche nach den Erdgasvorkommen im Mittelmeer. Vor allem seine Mittelmeerpolitik bringt Erdoğan in einen immer schärferen Konflikt mit der EU; in einigen EU-Staaten wird bereits ein Ende der Zollunion mit der Türkei gefordert.

Beim Engagement in Libyen geht es um Öl und Gas im Mittelmeer

Als Nato-Staat ist die Türkei zudem mit dem westlichen Bündnis aneinandergeraten: Ankara hat gegen den Willen der Allianz das moderne russische Luftabwehrsystem S-400 gekauft.

Der Türkei wurde von den USA deswegen bereits der Kauf und die Koproduktion des hochmodernen Kampfjets F-35 verboten; wegen der jüngst erfolgten Aktivierung der S-400 drohen weitere US-Sanktionen.

Während Ankara bei den Kriegen in Syrien und im Irak noch auf seine traditionelle Politik verweisen kann, wegen der eigenen kurdischen Minderheit an den östlichen Landesgrenzen keine staatsähnlichen Gebilde etwa der in Syrien ansässigen Kurden zuzulassen, lässt sich das Engagement in Libyen nur noch mit einer Ausweitung der türkischen Regionalrolle erklären: Es geht um Öl und Gas im Mittelmeer, um Militärbasen in Nordafrika und um eine Art Führungsrolle in Teilen der islamischen Welt, die früher zum Osmanischen Reich gehört hatten.

Seine Ambitionen werden von anderen Regionalmächten wie Saudi-Arabien genau beobachtet.

Es droht eine Konfrontation mit Russland

Auch im Südkaukasus-Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien mischt die Türkei mit: Die militärischen Erfolge Aserbaidschans erklären sich zum Teil mit der Lieferung türkischer Waffen, angeblich setzt Ankara im Krieg um Bergkarabach ähnlich wie in Libyen auch syrische Söldner ein und berät Baku.

Die Kriege in Syrien, Libyen und nun im Kaukasus bringen Erdoğan aber in die Gefahr einer Konfrontation mit Russland. In Libyen kämpfen russische Söldner der Privatarmee "Wagner", in Syrien fliegen russische Jets Angriffe für das Assad-Regime - die in der Grenzprovinz Idlib zusammengedrängten Rebellen können sich nur Dank der Türken halten.

Auch die international anerkannte Regierung Libyens konnte im Bürgerkrieg nur mit türkischer Hilfe ihre Niederlage verhindern und ein Vordringen der von Russland gestützten Kräfte stoppen.

So muss Erdoğan innenpolitisch Stärke demonstrieren, gleichzeitig aber eine Vielzahl von bereitwillig eingegangenen Konflikten ausbalancieren. Er hat zwar sowohl in Syrien als auch in Libyen eine funktionierende Arbeitsbeziehung mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin; Grundlage ist der gegenseitige Interessenausgleich der beiden Mächte. Aber im Falle der Ausweitung der Kämpfe kann es schnell zu einer Konfrontation zwischen Ankara und Moskau kommen. Ähnliches gilt für Libyen.

Noch deutlicher ist dies im Kaukasus, der Russlands traditioneller Hinterhof ist. Moskau hat jüngst betont, dass "die Türkei kein strategischer Partner ist" und klargestellt, dass es sich den Machtambitionen Erdoğans bei Bedarf auf einem oder mehreren Feldern entgegenstellen wird.

© SZ/odg
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