Nord Stream 2:Alle streiten über die Pipeline

Nord Stream prüft Ausbau der Ostseepipeline

Die Castoro 10, das Schiff, von dem aus die Pipeline verlegt wird.

(Foto: Stefan Sauer/dpa)
  • Europäer und die USA streiten über die Gas-Pipeline Nord Stream 2, die voraussichtlich bis Ende 2019 fertig gestellt sein soll.
  • Geostrategisch dreht sich die Diskussion um die Frage, ob Europa wirklich weitere 55 Milliarden Kubikmeter Gas aus zwei weiteren Riesenröhren aus Russland braucht.
  • Die Berliner Zentrale des Naturschutzbundes hatte versucht, Nord Stream 2 zu stoppen, zuletzt mit einem Eilantrag in Karlsruhe.

Von Peter Burghardt, Lubmin

Am Nachmittag fährt Eckhard Heitmann hinaus in den Greifswalder Bodden, wo jetzt diese weltweit umkämpfte Gasleitung Nord Stream 2 verlegt wird. Der Ausflug beginnt zwischen den Yachten des Hafens von Lubmin, ein paar Hundert Meter weiter hinten stehen die Reste des Atomkraftwerks. Da hat man die große Wende der Gemeinde stets im Blick.

Die Sonne scheint auf die Bucht, gegenüber schimmert die Insel Rügen. Der Kapitän Heitmann war früher Fischer und sein heutiges Motorboot, die Nadir , fuhr Patrouille für die Grenzpolizei der DDR. Er erzählt von den Heringsschwärmen, gewärmt vom Wasser aus dem Ablaufkanal des Meilers, längst Zufahrt für den Industriehafen. Er persönlich hatte vor der Kernkraft keine Angst, für ihn waren das Arbeitsplätze, Strom - und auch Fische.

Jetzt ist er im Auftrag der Firma Nord Stream unterwegs, steuert Besucher durch dieses aufgewühlte Naturschutzgebiet und kümmert sich um die Fischer, damit ihre Kutter und Netze den Bauarbeiten für die Gas-Pipeline nicht in die Quere kommen.

Im Mai war es hier in Mecklenburg-Vorpommern wieder losgegangen, trotz der Proteste von Umweltschützern und von Donald Trump. Seit Ende Juli sind mehr als 40 Spezialschiffe im Einsatz. Heitmann steuert über sanfte Wellen zur Castoro 10 aus Italien, Flagge der Bahamas, das Monstrum liegt an vier mächtigen Ankerketten. Aus ihrem Heck werden je zwölf Meter lange Gasrohre in eine Grube im Meer geschoben, aneinander geschweißt. Je zwölf Meter lang und mit Beton ummantelt je 24 Tonnen schwer.

"Unser großes Glück", sagt Axel Vogt, der Bürgermeister

Badegäste am Strand oder Stand-up-Paddler können aus der Halbdistanz zusehen. Wobei nicht jeder Sommerurlauber weiß, was all die Schiffe mit ihren seltsamen Aufbauten da mitten im warmen Flachwasser gerade so machen.

200 000 Röhren werden es auf der gesamten Strecke sein, paarweise, sie kommen mit Frachtern aus Mukran auf Rügen. Daraus wird bis voraussichtlich Ende 2019 die Gas-Pipeline Nord Stream 2, über die Europäer und die USA streiten. 1224 Kilometer von Wyborg in Russland durch die Ostsee bis hierher nach Lubmin, Nordostdeutschland. Die neue Anlande-Station für dieses russische Erdgas wächst gleich neben dem halb zerlegten Kernreaktor, ungefähr 9,5 Milliarden Euro wird das alles kosten. Nord Stream, Teil zwei.

An Bord geführt hat Steffen Ebert, Sprecher dieses schwer umstrittenen Werks. Er und auch der Bootsführer Heitmann waren bereits beim ersten Teil dabei. Im November 2011 hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige russische Präsident Dmitrij Medwedjew am Rande des Kiefernwaldes von Lubmin Nord Stream 1 eröffnet, gleiche Länge, gleiche Route. Aber das waren andere Zeiten, weil es vor sieben Jahren noch keine von Moskau annektierte Krim gab, keinen Krieg im Osten der Ukraine, keine rechtsnationale Regierung in Polen und keinen US-Präsidenten Trump. Mitten in der weltpolitischen Debatte über Macht und Geld liegt das kleine Lubmin, 2225 Einwohner, jährlich 55 000 Übernachtungen.

Das Seebad mit seinen Wäldern, seinem Strand und seiner Seebrücke ist ein Hotspot der internationalen Energiepolitik; dabei schien mit dem Mauerfall mehr oder weniger Feierabend zu sein. Das marode Kernkraftwerk, die größere der beiden Anlagen in der DDR, wurde 1990 abgeschaltet und von 1995 an stillgelegt. Die sechs Blöcke werden abgerissen oder sind schon verschwunden, graue Klötze hinter Schrott mit verblasster kyrillischer Schrift und Zäunen mit der Aufschrift "Vorsicht Abbrucharbeiten!" Das Gelände gehört den Entsorgungswerken für Nuklearanlagen, im Zwischenlager nebenan liegen Castoren mit radioaktivem Abfall.

Trump wettert gegen Nord Stream 2

Dann kamen Nord Stream und das Gas aus Russland, das in Lubmin anlandet und ins europäische Netz verteilt wird. Dann kam unter anderem auch ein Betreiber eines Offshore-Windparks. "Unser großes Glück", sagt Axel Vogt, 51, der Bürgermeister von der CDU, im Hauptberuf Rechtsanwalt, im Ehrenamt auch Rettungsschwimmer. Er macht gerade Ferien, er schwärmt am Handy von Gewerbesteuern, sanierten Straßen und gesunder Haushaltslage dank der Unternehmen. Und zumindest während der Bauphase von Nord Stream 2 werden auch örtliche Handwerker gebraucht und Hotels, im Betrieb wird die automatisierte Nord Stream 2 in Lubmin nur wenige Spezialisten brauchen.

Jobs sind in Vorpommern jenseits des Fremdenverkehrs ja eher rar, andere Seebäder der Region hängen praktisch ausschließlich am Tourismus. Das Projekt Nord Stream 2 sei in Lubmin akzeptiert, glaubt der Bürgermeister Vogt, "wir sehen das positiv." Wobei: "Es gibt natürlich auch kritische Meinungen." Dass sein Kleinod da in eine heikle Weltdebatte geraten ist, gefällt ihm weniger, aber historisch sei Russland dieser Gegend halt näher als Amerika.

1224 Kilometer

lang soll die Pipeline insgesamt werden, sie besteht aus 200 000 Röhren; die Route beginnt in Wyborg in Russland, in der Nähe von St. Petersburg, und endet in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Jedes Rohr ist zwölf Meter lang und 24 Tonnen schwer.

Der russische Gas-Konzern Gazprom ist der Mehrheitseigner der Nord Stream AG, die in Zug in der Schweiz sitzt, den Aktionärsausschuss leitet der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Geostrategisch dreht sich die Diskussion um die Frage, ob Europa wirklich weitere 55 Milliarden Kubikmeter Gas aus zwei weiteren Riesenröhren aus Russland braucht und welche Rolle Putins Kreml spielt. Da gehen die Meinungen stark auseinander.

Ökologen befürchten irreversible Schäden

Trump wettert gegen Nord Stream 2 - die USA wollen Europa ihr Flüssiggas verkaufen. Ukrainer, Polen und Balten schimpfen, die Dänen stellen Bedingungen, die EU ist gespalten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält diese zweite Ostsee-Pipeline für überflüssig; Deutschland und Europa brauchten sie nicht, sie könne sogar die Energiewende behindern. Da wäre man dann auch bei Meeresschützern wie Thorsten Werner, der für den Naturschutzbund Nabu in Stralsund wacht, eine Stunde von Lubmin entfernt. Er ist von dem Baustart entsetzt.

Die Berliner Nabu-Zentrale hatte versucht, Nord Stream 2 zu stoppen, zuletzt mit einem Eilantrag in Karlsruhe. Vergeblich. Eine Klage des Nabu ist zwar noch anhängig, aber im Greifswalder Bodden darf gebaggert werden. "Massive Eingriffe in geschützte Lebensräume", sagt Werner. "Das wollten wir verhindern." Ökologen befürchten irreversible Schäden in der Ostsee selbst im Falle eines Rückbaus, falls Nord Stream 2 doch scheitert, was unwahrscheinlich ist. Warum keine Anwohner auf die Barrikaden gehen wie zwischenzeitlich Bauern auf Rügen? Das Problem sei halt weitgehend unter Wasser, "für uns als Menschen schwer zu fassen", vermutet Werner. Allerdings landeten kürzlich mindestens 145 Kilo Schmierfett von einem Bagger von Nord Stream 2 in der Bucht.

Die Klumpen wurden eingesammelt. Ansonsten: Man habe Umweltstudien gemacht, besitze Genehmigungen und halte sich an die Gesetze, sagt Steffen Ebert, die Stimme von Nord Stream 2 in Lubmin. "Wir sind keine arroganten Investoren. Wir haben einen Zeitplan, wir wollen jegliches Störfeuer vermeiden." Er wirbt und erklärt, wie all die Prospekte und Infotafeln von Nord Stream. Ja, Europa brauche das Gas. Nein, Europa werde nicht abhängiger von Russland, es gebe noch genug Bedarf aus anderen Ländern.

Eckhard Heitmann dreht mit seiner Nadir noch eine Runde um die Castoro 10 mit den Gas-Stahlrohren. Drumherum fahren all die Baggerschiffe, und dann ist da auch noch ein Kabelleger für den Offshore-Windpark. Ein bisschen viel auf einmal für die Fischer, sagt Eckhard Heitmann und fährt zurück zur Marina von Lubmin vor dem alten Atomkraftwerk und dem neuen Ende von Nord Stream 2.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB