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Entlassung von Norbert Röttgen:Röttgens Tunnelblick, Merkels Kopf

Nahezu Allgemeingut ist mittlerweile die Deutung, dass Röttgen wenige Tage vor der Wahl Merkel in Mithaftung für das absehbar schwache Ergebnis der CDU nehmen wollte. Deshalb habe er die Wahl in NRW auch zu einer Abstimmung über Merkels Kurs der Haushaltskonsolidierung in Europa erklärt. Obwohl Merkel gern als eiskalte Machtpolitikerin beschrieben wird, findet eine zweite Variante erstaunlich wenig Anhänger: Demnach nutzte Merkel mehr von sich aus einen im CDU-Präsidium abgesprochenen Strategiewechsel Röttgens, um gegen ihn den Vorwurf erheben zu lassen, er wolle die Kanzlerin beschädigen. Indem sie Röttgen der Illoyalität zeihen ließ, vergrößerte sie die politische Distanz, um vom CDU-Desaster nicht persönlich betroffen zu sein. Vielleicht stimmt auch von beidem etwas.

Was ist passiert zwischen Norbert Röttgen und Angela Merkel?

(Foto: imago stock&people)

Im Wahlkampf, so heißt es nun, habe Röttgen "einen Tunnelblick" gehabt, sei für Kritik unerreichbar gewesen. Vor allem Christdemokraten aus Nordrhein-Westfalen fällt allerdings auf, dass solche Klagen über Röttgen erst laut wurden, als sich das Desaster von Düsseldorf abzeichnete. Bis vor zwei Wochen habe er als sehr guter Umweltminister und guter Spitzenkandidat gegolten, nun aber als psychisch auffälliger Dilettant.

Was am vergangenen Dienstag von 17 Uhr an eine Stunde lang im Kanzleramt besprochen wurde, wissen nur Merkel und Röttgen. In zwei Varianten im Umlauf ist eine Äußerung Merkels, dass nun ihr politisches Schicksal auf dem Spiel stehe. "Es geht jetzt um meinen Kopf", soll sie gesagt haben. Oder: "Jetzt geht es um mich". Sollte ein solcher Satz wirklich gefallen sein, wäre die Entlassung Röttgens eher dem politischen Überlebenskampf Merkels zuzuordnen.

Die Gegenvariante betont den Autoritätsverlust Röttgens durch das desaströse Wahlergebnis sowie die Dickschädeligkeit des Umweltministers im Umgang mit der Energiewende. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtete, Merkel habe in einem Telefonat mit Seehofer am Mittwoch die fortwährende "Beratungsresistenz" Röttgens als einen Grund für die Entlassung genannt.

Einerseits gab es zuletzt tatsächlich Klagen auch von Wohlgesonnenen, Röttgen kapsele sich ab. Im eigenen Ministerium würde er einen Stab von Vertrauten hegen, deren Rat er beinahe blind folge. Von außerhalb dieses Zirkels sei es so gut wie unmöglich, an ihn heranzukommen, selbst für die Chefs von Bundesbehörden, die dem Umweltminister zuarbeiten sollen. Andererseits wirken manche Beschreibungen doch recht übertrieben: So versuchen einzelne Verteidiger der Kanzlerin, den geschassten Minister inzwischen als beinahe unzurechnungsfähig darzustellen. Von "partiellem Realitätsverlust" und "Autismus" ist die Rede.

© SZ vom 22.05.2012/beitz
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