Einsamkeit:Wenn die eigene Wohnung zur Falle wird

Studie zum Alleinleben: Wenn Einsamkeit krank macht

Einsamkeit, sagt der Forscher Oliver Huxhold, "ist ein zutiefst menschliches Gefühl, das wir im Prinzip alle schon einmal erlebt haben. So ein bisschen wie Hunger." Doch manche haben verlernt, ihn zu stillen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)
  • Menschen im Alter von Mitte 30 und über 65 Jahren leiden besonders häufig an Einsamkeit.
  • Manche trauen sich nicht, Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen, oder wissen nicht mehr wie das geht.
  • Wer einsam ist, hat ein erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Depressionen und eines früheren Todes.
  • Auch Jugendliche sind gefährdet, vor allem diejenigen, die neben der Schule auch noch Angehörige pflegen.

Von Edeltraud Rattenhuber

Elke Schilling sagt: "Das Thema Einsamkeit läuft mir seit 15 Jahren hinterher." Die Gründerin des Berliner Projekts "Silbernetz" ist 75 Jahre alt und seit zehn Jahren Rentnerin. Davor war sie freiberuflich tätig und arbeitete allein. Das kann einsam machen, auch in jungen Jahren. "Ich weiß, wovon ich rede", sagt sie.

Die energiegeladene Rentnerin wurde ehrenamtliche Seniorenvertreterin im Berliner Stadtbezirk Mitte und war plötzlich Sprachrohr für 60 000 ältere Menschen. Die Statistikerin und Mathematikerin schätzt, dass sich "etwa 30 Prozent dieser alten Menschen mindestens gelegentlich mehr oder weniger einsam" fühlen. Als ihr alleinstehender Nachbar von der Bildfläche verschwand, alle Hilfsangebote ihrerseits ablehnte und ein paar Monate später tot in der Wohnung lag, wurde Schilling klar: Einsamkeit kann töten. Sie wollte etwas dagegen tun.

Unter dem Motto "Einfach mal reden" gründete sie ihr Hilfs- und Kontaktangebot "Silbernetz" für ältere Menschen, zunächst für Berlin. Aus einem Anruf kann eine Telefonfreundschaft werden. Einsame Menschen werden einmal pro Woche angerufen, und wenn möglich nach einiger Zeit ganz aus ihrer Isolation geholt, sodass sie an regelmäßigen Treffen im Viertel teilnehmen. In diesem Jahr können während der Weihnachtsfeiertage erstmals Menschen aus ganz Deutschland anrufen, unter der Nummer 0800 / 470 80 90. Einsame gibt es ja nicht nur in der Hauptstadt.

Ein Problem für die Forscher: Niemand gibt gerne zu, dass er sich alleine fühlt

Laut Untersuchungen fühlen sich zwischen neun und zwölf Prozent der Deutschen häufig oder ständig einsam, durch alle Altersgruppen. Besonders häufig leiden Menschen Mitte 30 und über 65 Jahren an Einsamkeit. Wer einsam ist, hat ein erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Depressionen und eines früheren Todes. In Japan, Dänemark und Australien wird Vereinsamung als ernst zu nehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit wahrgenommen. Großbritannien machte 2018 Schlagzeilen, als es ein Einsamkeitsministerium einrichtete.

Auch die deutsche Politik hat das Thema erreicht. Im Koalitionsvertrag ist festgelegt, dass sich die Regierung mit Einsamkeit beschäftigen muss. Fachkongresse beschäftigen sich mit dem Thema. Mehrgenerationenhäuser werden gefördert. Hausbesuche für alte Leute geplant. Denn die Menschen werden immer älter, sind im Alter oft immobil, und wollen dennoch so lange wie möglich in ihren Wohnungen bleiben. Aber das familiäre Netz funktioniert nicht mehr so wie früher, der Partner stirbt, die Kinder wohnen weit weg - der Preis dafür kann dauerhaftes Alleinsein bedeuten.

Die Auswirkungen der Einsamkeit erforscht das Deutsche Zentrum für Altersfragen in Berlin. Oliver Huxhold wertet dafür repräsentative Befragungen aus, wie den deutschen Alterssurvey. Die Menschen direkt zu fragen, "Sind Sie einsam?", funktioniert allerdings nicht. "Das gibt ja niemand gerne zu", sagt Huxhold. Abgefragt werden unterschiedliche Symptome, die auf Einsamkeit hindeuten können. Fehlt Ihnen das Gefühl von Geborgenheit und Wärme? Haben Sie genug Menschen, bei denen Sie sich wohlfühlen?

Einsamkeit ist "ein bisschen wie Hunger"

Das eigentliche Problem ist damit noch nicht gelöst: Wie hole ich die Menschen aus der Isolation? Elke Schilling sagt: "Jemanden, der nicht will, kann ich auch nicht erreichen, das ist ganz klar." Ein gewisser Leidensdruck, ein gewisses Bedürfnis nach Nähe, nach sozialem Kontakt müsse sich in einem Menschen schon artikulieren, damit er nach dem Strohhalm greife, der ihm geboten werde.

"Ich glaube, man merkt ziemlich schnell selbst, ob man einsam ist", sagt Huxhold. "Das ist ein zutiefst menschliches Gefühl, das wir im Prinzip alle schon einmal erlebt haben. So ein bisschen wie Hunger." Doch manche trauen sich nicht, Kontakt aufzunehmen, oder wissen nicht mehr, wie das geht. Einsamkeit könne sich auch selbst verstärken, weiß Huxhold, und dazu führen, dass man sich noch mehr zurückziehe. Wenn das Selbstvertrauen fehle, die Kommunikationsfähigkeiten nicht mehr so ausgeprägt seien und die soziale Welt als feindselig wahrgenommen werde, dann wäre es aus seiner Sicht sogar Zeit für eine Therapie.

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