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Deutsche Einheit: Die Revolution begann in Sachsen:Die Menschen in Plauen oder Leipzig verdienen Anerkennung

9. Oktober 1989: ´Wenn etwas passieren würde, dann in Leipzig"

"Wenn etwas passieren würde, dann in Leipzig": Eine Gruppe von Demonstranten geht mit einem Transparent, auf dem "Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!" zu lesen ist, bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 durch die Stadt. Bereits zwei Tage zuvor, am 40. Gründungstag der DDR, hatten sich zwischen 15 000 und 20 000 Menschen im sächsischen Plauen zu einer Demonstration für mehr Freiheit und Menschenrechte versammelt.

(Foto: dpa)

Der 30. Jahrestag des Mauerfalls wird am 9. November in Berlin bejubelt. Doch die Revolution begann im Oktober 1989 anderswo, etwa in Sachsen. Warum feiern wir nicht den Mut des Anfangs?

Die jüngere deutsche Geschichte kennt schreckliche Tiefen, umso unverständlicher ist es, dass ihre erhabensten Momente so wenig Aufmerksamkeit finden. Es sind die großen, die entscheidenden Wegmarken einer deutschen Revolution, die sich vor nunmehr 30 Jahren ereignet hat.

Da wäre der 7. Oktober 1989, als im sächsischen Plauen mindestens 15 000 Menschen auf die Straße gingen. Und da ist vor allem Leipzig, wo es zwei Tage später 70 000, vielleicht auch 100 000 Bürgerinnen und Bürger waren, die sich, Kerzen in der Hand, zur Montagsdemo durch die Innenstadt versammelten. Ob sie diesen Abend überleben würden, wussten sie nicht, bewaffnete Einheiten des DDR-Regimes standen bereit. Für jedermann zu lesen hatte der Leiter einer Betriebskampfgruppe in der Leipziger Volkszeitung gedroht, er werde "wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand", die "konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam" unterbinden. Die DDR-Führung hatte die chinesischen Genossen gerade erst für das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens belobigt, wo die Parteispitze in Peking im Juni 1989 Tausende Demonstranten hatte umbringen lassen.

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In ihrer Rede in Kiel nennt die Bundeskanzlerin die deutsche Einheit einen "fortwährenden Prozess" und ruft zu "globalem statt nationalem Denken" auf.

Die Oktobertage 1989 waren entscheidend für den Sieg über ein 40 Jahre lang bestehendes Unterdrückungssystem. Die DDR-Führung gab keinen Feuerbefehl, die Angst hatte von den Demonstranten auf die Seite der Regierenden gewechselt. Nur deshalb konnten die DDR-Bürger einen Monat später die Mauer stürmen und auf ihr tanzen. Vor der Einheit kam die Freiheit. Sie war der Sieg eines ganzen, damals noch halbierten Landes. Die Berliner Mauer fiel am 9. November. Aber die Revolution war im Oktober.

Gefeiert wird dies in Deutschland nicht. Man betrachtet lieber das Finale. 30 Jahre Mauersturm werden in wenigen Wochen vor dem Brandenburger Tor mit Prominenz begangen. So war es auch gerade am Tag der Deutschen Einheit in Kiel. Was aber damals in Plauen geschah, weiß kaum jemand. Leipzig bekommt bisweilen ein wenig mehr Aufmerksamkeit - etwa, als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck es für wichtiger hielt, zum 25. Jahrestag dort als in Berlin zu reden.

Gauck kennt die Geschichte. Schließlich war er einer der Revolutionäre. Bis heute werden die grundstürzenden Ereignisse oft als "Wende" bezeichnet. Dabei stammt die Formulierung vom damaligen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz, der damit meinte, man werde jetzt ein paar Reformen einleiten - aber eigentlich weitermachen wie bisher.

Viele Westdeutsche betrachten die Revolution des Oktober 1989 bis heute mit Distanz

Wer sich für die Geschichte des Umsturzes interessiert, dem fällt auf, dass das heute viel geschmähte Sachsen eine besondere Rolle spielte. Hier war der Widerstand am größten. "Den Osten" gab es damals schon so wenig, wie es ihn jetzt gibt. Viele in der alten Bundesrepublik betrachteten die Ereignisse nicht nur aus der, sondern mit Distanz - und tun dies bis heute. Dass vermutlich mehr von ihnen etwas mit dem 17. Juni 1953 anfangen können - dem gewaltsam niedergeschlagenen Widerstand gegen das DDR-Regime - als mit dem 7. oder 9. Oktober, ist traurig.

Diese Tage und auch all die anderen Momente des Widerstands gehören auf jeden Lehrplan. Sie gehören gelehrt, geachtet und gefeiert. Auch weil die Botschaft, für Deutschland und darüber hinaus, eine so aktuelle und wertvolle ist: Immer entscheidet der Mut der Menschen. Sei es, wenn es darum geht, eine Diktatur friedlich zu besiegen, oder - auch daran muss man in diesen Tagen leider erinnern -, um eine Demokratie vor ihren Feinden zu schützen. Oft sind es zu Beginn wenige, die viel wagen. Und denen man dann so unendlich viel zu verdanken hat.

In diesen Tagen ist überall davon die Rede, dass die deutsche Einheit so gut dann doch noch nicht gelungen sei, materiell und mental. Bei dem zweiten und wichtigeren Punkt geht es um die Anerkennung von Lebensleistungen. Anerkennung tut gut, und sie tut not. Dies wäre eine schöne Aufgabe für diejenigen, die im Westen leben. Die Menschen in Plauen oder Leipzig haben Anerkennung verdient - und inzwischen auch lange genug darauf warten müssen. Respekt ist eine großartige Währung. Aber wo bleibt ein Ort, eine zentrale, symbolhafte Stätte, an der die Geschichte des Widerstands gegen die ostdeutsche Diktatur erzählt wird?

Im Osten gäbe es auch eine Aufgabe, sie wäre zudem ein Akt eines heute notwendigen Widerstands. Denn ausgerechnet die AfD hat sich inzwischen so ziemlich jeder Losung des Revolutionsherbstes bemächtigt. "Werde Bürgerrechtler," wirbt sie. Es wiederholen sich die dunklen Zeiten der Diktatur, es schreien am lautesten aus dem Westen gefahrlos zugewanderte Rechtsradikale. Deshalb muss man heute wieder für Demokratie und Meinungsfreiheit streiten, am besten mit der AfD.

Aber diesen großartigen Teil ihrer Geschichte sollten die Menschen in den heute nicht mehr so neuen Ländern keinesfalls der AfD überlassen. Nicht einmal jene, die sie - warum auch immer - wählen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir leider ein Bild einer Kundgebung in Plauen vom Januar 1990 gezeigt, auf der bereits für die Wiedervereinigung demonstriert wurde.

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