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Deutsche Demokratische Republik:Der Kampf um die Würde

Geschlossene Venerologische Stationen gab es in allen Bezirken der DDR. Auch wenn es nicht überall so grausam zuging wie unter dem Regime von Münx, war der Aufenthalt für die Frauen verstörend.

Martina Blankenfeld steht vor einem orangefarbenen Gebäude mit hohen Holzfenstern. Das Haus mit der Nummer 14 beherbergte früher die Venerologische Station der Klinik in Berlin-Buch. "Da oben war der Zellentrakt", sagt Blankenfeld und zeigt mit ihrem Finger auf einen Balkon, der mit zwei hölzernen Hasen geschmückt ist. Das frühere Klinikgelände ist heute eine schicke Wohnsiedlung.

Martina Blankenfeld

Martina Blankenfeld beim Spaziergang.

(Foto: Antonie Rietzschel)

Mit dem Fuß kratzt die 55-Jährige einen Zimmerumriss in den Schotter, zeichnet die Betten ein. Für den Medizinhistoriker Steger hat sie versucht, die gesamte Station in einer Skizze zu rekonstruieren. Doch immer, wenn sie vor dem Haus in Berlin-Buch steht, blitzen neue Details in ihrem Gedächtnis auf. Es gelingt ihr nicht, die Fragmente zu einem stimmigen Bild zusammensetzen. Derzeit versucht sie, an einen alten Lageplan heranzukommen. Sie will die Geschichte der "Tripperburg" in Berlin-Buch in allen Details aufarbeiten und damit auch ihr eigenes Trauma.

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Als Kind leidet Martina Blankenfeld unter ihrer psychisch kranken Mutter, die ihre eigene Tochter zum Sündenbock für alle Probleme macht. Die Mutter verliert sich in Wahnvorstellungen, muss immer wieder in die Klinik, Ärzte pumpen sie mit Medikamenten voll. Der Stiefvater verprügelt sie. Als er sie sexuell missbraucht, glaubt ihr die Mutter nicht: "Das würde er nie tun!" Einzige Bezugsperson des Kindes ist die Großmutter.

Die Lehrer wissen um die schwierigen Verhältnisse. Keiner fragt Martina Blankenfeld, wie es ihr geht. Niemand nimmt sie in den Arm. Vielmehr wird sie ermahnt, eine gute Schülerin zu sein, schon um der Mutter Willen. Martina solle Rücksicht nehmen.

Doch die rebelliert als Jugendliche gegen die Mutter, mischt ihr Salz in den Tee, um sie zu ärgern. Trotz Stubenarrests springt sie aus dem Fenster, um sich mit Freunden zu treffen. Mit 15 Jahren versucht sie, sich umzubringen, mithilfe der Medikamente ihrer Mutter. Sie klappt auf dem Schulklo zusammen, kommt ins Krankenhaus. Blankenfeld hofft, dass man sich nun endlich um sie kümmert. Doch sie soll ins Heim. Im Schreiben des Jugendamtes heißt es, das Mädchen sei eine Gefahr, insbesondere für ihre Mutter. Sie verbummele die Schule, habe häufig wechselnde Sexualkontakte. Beweise für die Behauptungen gibt es nicht.

Versuch der Rebellion

Im Frühjahr 1978 wird Martina Blankenfeld zunächst in die Klinik Berlin-Buch eingewiesen. Warum, weiß sie nicht. Eine Schwester fragt sie, ob sie einen Freund habe, ob sie schon mal Sex gehabt habe, ob sie sich schon mal selbst befriedigt habe. Die Jugendliche fragt patzig zurück: "Zeigen Sie mir jemanden, der sich noch nicht selbst befriedigt hat."

Martina Blankenfeld muss sich ausziehen, bekommt ein Nachthemd, Badelatschen und einen Bademantel. Als eine Schwester sie zu einer Stahltür führt, weiß Martina Blankenfeld immer noch nicht, wo sie ist. Ihr einziger Wunsch: bloß nicht in die Klapse.

Hinter der Stahltür liegt ein vergitterter Zellentrakt, Martina Blankenfeld bekommt ein Bett in einem der Zimmer zugewiesen. "Du bist in der 'Tripperburg'", sagt eine der anderen Frauen. Genauso wie Bettina Weben ist auch Martina Blankenfeld den Ärzten und Schwestern ausgeliefert. Doch sie versucht, ein Mindestmaß an Kontrolle zu behalten. Sie geht nicht auf den Smalltalk eines Arztes ein, der ihren Unterleib abtastet. Er solle einfach seine Arbeit machen und nicht glauben, dass sie das hier gerade geil mache, sagt sie ihm. Die junge Frau lehnt die Einnahme von Medikamenten ab. Eine Besonderheit in Buch waren Kosmetiktests. Als eine Schwester Martina Blankenfeld auffordert, den Rücken frei zu machen, um Allergene aufzutragen, droht sie mit Gewalt.

Frauen wie Bettina Weben und Martina Blankenfeld haben lange geschwiegen. Bei der Entlassung mussten sie eine Schweigeklausel unterschreiben. Hinzu kamen die Scham und die Angst vor Stigmatisierung. Erst seit 2012 wird die Geschichte der Venerologischen Stationen offiziell aufgearbeitet, angestoßen von der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt. Im vergangenen Jahr hat sich der Bundestag mit dem Thema beschäftigt. Die Forschung des Medizinhistorikers Steger erleichtert zudem den Kampf um Rehabilitierung. Im vergangenen Jahr haben zwei Frauen erfolgreich geklagt.

"Die letzten 20 Jahre waren lebenswert"

Bettina Weben will ihre Würde zurück. Die 65-Jährige wohnt mit ihrem Mann in einem Reihenhaus in Bad Bramstedt bei Hamburg. Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt ein Buch. In "Gequält, erniedrigt und doch am Leben" schildert Bettina Weben die vielen Tragödien in ihrem Leben: Der Aufenthalt in der "Tripperburg" in Halle, die Zwangsadoption ihres ersten Sohnes, den prügelnden Ex-Mann. "Damals konnte ich nicht kämpfen. Heute ist das anders", sagt die Rentnerin. Sie hat wegen der Zwangseinweisung in die Poliklinik Mitte beim Landgericht Halle Antrag auf Rehabilitierung eingereicht. Sie will, dass ihr Leid als rechtsstaatswidrig anerkannt wird.

Bettina Weben lebt heute in Bad Bramstedt.

(Foto: privat)

Martina Blankenfeld fehlt für solche juristischen Gefechte die Kraft, sie hat schon so viel gekämpft in ihrem Leben. Als sie 1981 aus dem Jugendheim entlassen wurde, musste sie sich mit verschiedenen Jobs durchschlagen. Nach der Wende arbeitete sie in Sozialeinrichtungen. Ungerechtigkeit und Bevormundung erträgt sie nicht. Als sie Missstände in einem Altenheim offen anprangerte, ließ sie der Heimleiter im Sommer 2012 suspendieren. Nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung ging Martina Blankenfeld in Frührente. Im Januar 2016 starb ihr Sohn an Krebs. Psychologische Betreuung lehnt Martina Blankenfeld ab. Sie traut Ärzten und Therapeuten nicht. Dafür ihrem Hund Max, einem zotteligen Bobtail.

Martina Blankenfeld hat ihre eigene Bewältigungsstrategie: Die Berlinerin liebt das Theater. Mithilfe des Fonds "Heimerziehung in der DDR" hat sie sich zur Theaterpädagogin ausbilden lassen. Die Erlebnisse in der "Tripperburg" von Berlin-Buch will sie auf der Bühne verarbeiten. Das Stück würde sie gerne nur wenige Schritte von der früheren Venerologischen Station aufführen. Im früheren Kulturhaus mit dem mächtigen Säulengang entsteht gerade ein Veranstaltungssaal. In einem Jahr könnte Premiere sein. Davon träumt Martina Blankenfeld.

© SZ.de/segi/fued
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