Ungarn-Aufstand 1956:Der Hund des Anstoßes - Wie die DDR Kabarett bestrafte

Walter Ulbricht 1961

Auch Walter Ulbricht beschäftigte sich mit den Scherzen der Jenaer Studenten.

(Foto: DPA)

Als Sowjettruppen den Ungarn-Aufstand niederschlagen, wagen Studenten in Jena einen brisanten Spaß, der sogar Staatschef Ulbricht beschäftigt. Das Regime reagiert spät, aber drastisch.

Von Barbara Galaktionow

Im Jahr 1956 ist der Ostblock in Aufruhr. Unerwartet distanziert sich Kremlchef Nikita Chruschtschow von seinem verstorbenem Vorgänger Josef Stalin. Bei Gegnern des rigiden Sowjet-Kommunismus nährt das Hoffnungen auf einen Umbruch, auf Reformen und Freiheit. Ein Arbeiter-Aufstand in Polen im Sommer wird zwar blutig niedergeschlagen; immerhin versuchen die Mächtigen die Lage zu befrieden, indem sie den gemäßigten Wladislaw Gomulka als Generalsekretär der Kommunistischen Partei Polens installieren.

Ganz anders in Ungarn: Die von Studentenprotesten ausgelöste Erhebung walzen Panzer der Sowjetarmee Anfang November nieder. Es ist ein Vorgehen, das Menschen auf der ganzen Welt, aber vor allem in den sogenannten "Bruderstaaten" der UdSSR erschüttert.

Auch Studenten in der DDR blicken damals erregt und beunruhigt auf die Entwicklungen in ihren Nachbarländern. Bei einer Vollversammlung der Fachschaft Mathematik an der Uni Jena am 5. November, also einen Tag nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn, geben sie ihrer Unzufriedenheit Ausdruck. 122 von 124 Anwesenden verabschieden eine Resolution, in der die Abschaffung des obligatorischen Russisch-Unterrichts gefordert wurde sowie - "aus Gewissensgründen" - der gesellschaftswissenschaftlichen Prüfungen verlangt wird, also der sozialistischen Staatslehre. Es ist kein offener Aufstand, aber doch ein Zeichen des Protests.

"Abgesehen von wenigen Naiven wussten alle, worum es bei den Resolutionen eigentlich ging, jedenfalls am wenigsten um den Russischunterricht", sagt heute Peter Herrmann, der damals in Jena Physik studiert und an den widerständigen Aktivitäten maßgeblichen Anteil hat.

Herrmann ist auch Mitinitiator einer Aktion am 30. November 1956, die für mehrere Beteiligte im Gefängnis oder im Exil endet: der Ausrichtung des Physikerballs an der Universität Jena. Bei dem jährlich stattfindenden Ereignis nehmen Physik- und Mathematik-Studenten in einem Kabarettprogramm traditionell das Geschehen an der Friedrich-Schiller-Universität auf die Schippe. Im Jahr 1956 gehen die Studierenden allerdings sehr viel weiter. In ihrer Aufführung üben sie recht unverhohlene Kritik am SED-Regime, dem staatlich verordneten Marxismus-Leninismus und an den brutalen Ereignissen in Ungarn drei Wochen zuvor.

In der aufgeheizten Situation des Jahres 1956 schlägt das universitäre Kabarettprogramm hohe Wellen. "Der Physikerball spielte eine wichtige Rolle, weil er die Stimmung einer breiten Öffentlichkeit wiedergab", sagt der Historiker Patrik von Zur Mühlen.

Maulkorb? Nein, reiner Schutz!

Besonderes Aufsehen erregt eine Szene, die später in offiziellen Dokumenten als "Ungarnszene" geführt wurde - und das, obwohl das Land darin an keiner Stelle Erwähnung findet. In der Szene begegnet ein Jäger, der seinen Hund namens Sultan an der kurzen Leine führt, einem Wanderer im Wald. Der Wanderer stellt dem Jäger kritische Fragen zu seinem Verhältnis zum Hund - worauf dieser sich rechtfertigt.

Die Hundeleine sei gar keine, sondern "der Freundschaft Band, das uns verbindet" - ein damals geläufiger Terminus, mit der die Zwangsbeziehungen zwischen der Sowjetunion und den anderen osteuropäischen Staaten beschönigend umschrieben wurden. Und der Maulkorb sei dem Hund Sultan nicht etwa aufgezwungen worden, sondern er trage ihn zum Schutz vor Wespenstichen. Als der Hund sich plötzlich befreit und wegrennt, schießt der Jäger auf den Hund - der kommt verletzt zurückgekrochen, wird geschlagen und sofort wieder an die Leine gelegt. Der Jäger behauptet, nicht er habe Sultan verletzt, sondern dieser sei durch einen Wespenstich aufgestachelt worden und habe sich beim Wegrennen verletzt. "Wegen der Stiche von den Tieren muss ich meinen Hund kurieren, während böse Zungen sagen, ich würde meinen Sultan schlagen", behauptet der Jäger.

Den Zuschauern, die diese Szene damals sehen, ist sofort klar, dass es hier um den Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn von Anfang November geht. Dass hier das brutale Vorgehen und scheinheilige Gerede der Sowjetführung vorgeführt wird. "Wir haben auf ziemlich deutliche Weise das System angegriffen", sagt Herrmann.

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