Ungarn-Aufstand 1956:Ungarn 1956: Als der brutale Panzerkommunismus sich zeigte

Jugendliche mit entschlossenen Gesichtern und Gewehren, Tote auf den Straßen Budapests und sowjetische Panzer, die alle Hoffnungen niederwalzten. Eindrückliche Fotos vom Ungarn-Aufstand 1956.

Von Barbara Galaktionow

16 Bilder

-

Quelle: Erich Lessing

1 / 16

Vom Protestmarsch zum Volksaufstand

Es beginnt mit einer Kundgebung - und weitet sich zum Volksaufstand: Am 23. Oktober 1956 ziehen Studenten der Technischen Universität mit ungarischen Nationalflaggen durch die Straßen Budapests. Sie verlangen ein Ende der sowjetischen Besatzung, Presse- und Meinungsfreiheit sowie freie Wahlen. Zahlreiche Menschen schließen sich ihrem Protest an. Bis zum Abend versammeln sich 200 000 Menschen vor dem Parlament der ungarischen Hauptstadt.

-

Quelle: Erich Lessing

2 / 16

Spontane Massenerhebung in Ungarn 1956

In den darauf folgenden Tagen entfaltet der Protest der Studenten eine "Sogwirkung", wie Historiker Michael Gehler sagt. Er hat zu dem Band, dem die hier gezeigten Bilder des österreichischen Fotografen Erich Lessing entstammen, die Texte geschrieben (Titel: Ungarn 1956, Innsbruck 2015). Es kommt zu einer spontanen Massenerhebung gegen die sowjetischen Besatzer und deren Handlanger im eigenen Land. Die Symbole der Besatzer werden zerstört, wie hier die Flaggen. Der Hass auf das von der Sowjetunion gesteuerte Regime bricht sich Bahn.

-

Quelle: Erich Lessing

3 / 16

Normalität im Sommer 1956

Dabei scheint noch im Sommer 1956 in Budapest alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Bei einer Kindermodenschau fängt Fotograf Erich Lessing dieses aparte Bild ein.

E

Quelle: MAGNUM PHOTOS

4 / 16

Feierabend an der Donaupromenade

In einem Budapester Kaffeehaus an der Donaupromenade wird zum Fünf-Uhr-Tee aufgetanzt."Die Bilder der Normalität trügen nicht", sagt dazu Michael Gehler. Es sei ganz typisch für Aufstände, dass diese von einzelnen Gruppen angestoßen würden, der Funke jedoch auf weite Teile der Bevölkerung überspringen könne, wenn die sozialen oder wirtschaftlichen Verhältnisse schlecht seien - wie eben 1956 in Ungarn.

E

Quelle: MAGNUM PHOTOS

5 / 16

Vordenker der Freiheit

Den geistigen Nährboden für die Rebellion in Ungarn bildet der sogenannte Petöfi-Kreis, ein Diskussionsforum des Kommunistischen Jugendverbandes, benannt nach dem Schriftsteller Sandor Petöfi, ein Freiheitsheld aus der Revolutionszeit von 1848/49. Einer der führenden Köpfe des Kreises ist der marxistische Literaturkritiker und Philosoph Georg Lukacs (Mitte), der für einen eigenständigen, von der Sowjetunion unabhängigen Weg zum Sozialismus plädiert.

Zu dem Treffen des Petöfi-Kreises am 27. Juni 1956 im Budapester Offiziersclub seien mehr als 6000 Menschen gekommen, sagt Michael Gehler. Der Andrang sei so enorm gewesen, dass gar nicht alle im Saal Platz fanden, sondern die Diskussionen per Lautsprecher nach draußen übertragen wurden. Der Bedarf, frei von Dogmen über theoretische und literarische Schriften zu sprechen, sei groß gewesen.

Ungarn-Aufstand 1956

Quelle: Erich Lessing

6 / 16

Doch es sind junge Menschen, zum Teil noch halbe Kinder, die mit ihrer Demonstration am 23. Oktober 1956 den Aufstand lostreten. Studenten, Mittelschüler, aber auch die proletarisch geprägte Jugend dominieren Gehler zufolge den aufflammenden Protest. Schriften von Stalin, Lenin und anderen Exponenten des staatlich verordneten Kommunismus werden massenhaft verbrannt.

E

Quelle: MAGNUM PHOTOS

7 / 16

Auch Handfeuerwaffen und Maschinengewehre gelangen schnell in die Hände der jungen Rebellen. "Den Jugendlichen gelingt es, eine Munitionsfabrik aufzubrechen und sich mit Waffen auszurüsten", berichtet Gehler. Zum Teil seien sie auch von Soldaten der ungarischen Armee mit Waffen unterstützt worden.

-

Quelle: Erich Lessing

8 / 16

"Es ist zunächst ein Aufstand der Studenten und der Intellektuellen", sagt der Historiker Gehler. Doch in der letzten Oktoberwoche weitet er sich zu einer breiten Volksbewegung. Jung und Alt, Arbeiter und Bürgerliche, Männer und auch Frauen gehen auf die Straße oder greifen selbst zu den Waffen.

-

Quelle: Erich Lessing

9 / 16

Schon in der Nacht des 23. Oktober kommt es zum womöglich "ersten Denkmalsturz im realexistierenden Sozialismus", so Gehler. Eine monumentale Stalin-Statue wird auf dem Budapester Felvonulási-Platz von ihrem Sockel geholt und von Aufständischen zerschlagen, zerhackt, zerhauen.

-

Quelle: Erich Lessing

10 / 16

Doch nicht nur gegen die Symbole des Unterdrücker-Regimes entlädt sich die Wut, sondern auch gegen deren Vertreter. Sowjetsoldaten, Mitarbeiter der Staatssicherheit, der ungarischen Geheimpolizei oder Mitglieder der Kommunistischen Partei werden in Kämpfen getötet oder auch gelyncht.

Ihre Leichen werden einfach in den Straßen liegengelassen, "fast wie Trophäen", sagt Gehler. Nur zum Teil werden die Gesichter der Toten mit Planen bedeckt, über die verwesenden Körper wird Kalk gestreut, um den Leichengeruch zu neutralisieren.

-

Quelle: MAGNUM PHOTOS

11 / 16

Der Hauptexponent des ungarischen Regimes hatte sich zum Zeitpunkt des Aufstands jedoch schon in die Sowjetunion abgesetzt, nachdem er im Sommer im Zuge des von Chruschtschow verordneten Entstalinisierungskurses entmachtet worden war: Mátyás Rákosi, über viele Jahre Generalsekretär der Ungarischen Kommunistischen Partei und - mit Unterbrechung - Ministerpräsident des Landes.

Rákosi, der sich selbst als "bester Schüler Stalins" bezeichnete, war, so Michael Gehler, die "zentrale Figur, die für Repression in Ungarn stand", für die gnadenlose Verfolgung von Gegnern seines dogmatischen Kurses. "Er war grenzenlos verhasst", sagt der österreichische Historiker.

Foto: Rákosi bei einer Sitzung der Exekutive der "Volksfront" 1956 in Budapest.

-

Quelle: SZ

12 / 16

Der Gegenpol zu Rákosi ist der liberale Reformkommunist Imre Nagy, hier zu sehen in seinem Haus in der Orsó-Straße in Budapest. Auf ihm ruhen die Hoffnungen Vieler. Doch Nagy, inmitten des Aufstands (nicht zum ersten Mal) zum Ministerpräsidenten erklärt, kann die aufgeheizte Stimmung nicht beruhigen und wird von den Protesten quasi überrollt.

Als er am 31. Oktober ganz auf die Linie der Aufständischen einlenkt, den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität Ungarns nach österreichischem Vorbild ausruft, wird er zur "tragischen Figur". Denn einen derartigen Prestigeverlust sind die Sowjets nicht gewillt hinzunehmen - sie reagieren brutal und unnachgiebig.

Nagy wird später in der Sowjetunion der Prozess gemacht. Am 16. Juni 1958 wird er zum Tode verurteilt und hingerichtet.

-

Quelle: Erich Lessing

13 / 16

Am Morgen des 4. November 1956 rücken sowjetische Truppen mit Panzern in das Zentrum von Budapest vor. Die Panzer sind Gehler zufolge oft zu schwerfällig und sperrig, um effektiv im Kampf eingesetzt zu werden, doch sie richten verheerende Zerstörungen an und werden zum Sinnbild der Brutalität, mit dem die Sowjetunion gegen sogenannte "Bruderstaaten" vorgeht, wenn diese sich ihrer Umklammerung durch Moskau entziehen wollen. Das Bild vom "Panzerkommunismus", das sich später im Prager Frühling verfestigt, sei hier schon deutlich zu Tage getreten.

Foto: Diese Aufnahme eines T-34/85-Panzers an der Kossuth-Brücke stammt allerdings nicht vom 4. November, sondern von einem späteren Tag.

-

Quelle: Erich Lessing

14 / 16

Die Aufständischen leisten erbitterten Widerstand. Eine zentrale Rolle spielte die sogenannte Corvin-Gruppe, die ihr Hauptquartier in einer Wohnung in der Corvin-Passage hatte. Unter dem Kommando von Gergely Pongrátz (hier am Telefon) leistet sie den Besatzern am effektivsten und am längsten Widerstand. Bis zum 9. November hält sie stand und es gelingt ihr sogar, ein Dutzend sowjetische Panzer zu zerstören. Pongrátz setzt sich nach der Niederschlagung des Aufstands in die USA ab. Er gilt den Aufständischen als Held.

-

Quelle: Erich Lessing

15 / 16

An den Rebellen, die nicht fliehen können, üben die Sieger blutige Rache. Hunderte werden zum Tode verurteilt, Tausende eingesperrt. Während der Unruhen kamen mindestens 3000 Menschen ums Leben, ein Großteil von ihnen Ungarn.

Auch die Zerstörungen durch die Kämpfe sind massiv. Vor allem die 1100 sowjetischen Panzer, die Michael Gehler zufolge zum Einsatz kamen, haben deutliche Spuren der Verwüstung hinterlassen.

-

Quelle: Erich Lessing

16 / 16

Alle Fotos sind mit freundlicher Genehmigung des Tyrolia-Verlags folgendem Buch entnommen: Erich Lessing (Fotos) / Michael Gehler (Text): Ungarn 1956, Innsbruck 2015

© SZ.de/segi
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB