Süddeutsche Zeitung

Deutsche Demokratische Republik:Eingesperrt, gequält, erniedrigt - wie die DDR Frauen gefügig machte

Tausende Mädchen und Frauen wurden zu DDR-Zeiten in Kliniken gesperrt, misshandelt und auch sexuell missbraucht. Zwei Opfer von damals erzählen, was sie in den "Tripperburgen" erleben mussten.

Reportage von Antonie Rietzschel, Hamburg/Berlin

"Kurbel-Dora". Bettina Weben steht in einem Krankenhausgang, als sie den Namen zum ersten Mal hört. Die anderen Frauen flüstern sich zu: "Kurbel-Dora ist da." Bettina Weben versteht die Warnung erst, als sie wenige Minuten später vor der Schwester sitzt, auf einem Stuhl für gynäkologische Untersuchungen. Sie muss für die völlig fremde Frau die Beine spreizen. Was jetzt passiert, wird Bettina Weben für den Rest ihres Lebens traumatisieren.

Die Schwester rammt ihr eines der größeren Glasröhrchen für den Abstrich in die Scheide. Die junge Frau schreit vor Schmerz. "Kurbel-Dora" schlägt ihr auf den Oberschenkel und sagt: "Wenn du mit einem Mann schläfst, stellst du dich sicher auch nicht so an." Bettina Weben blutet zwischen den Beinen. "Der Nächste", sagt die Schwester.

Sexuelle Gewalt galt zu DDR-Zeiten als Erziehungsmaßnahme. Forscher gehen davon aus, dass bis zur Wende jedes Jahr ungefähr 3000 Mädchen und Frauen wegen angeblicher Geschlechtskrankheiten in geschlossene Venerologische Stationen von Polikliniken und Krankenhäusern eingewiesen wurden, im Volksmund "Tripperburgen" genannt. Krank waren die wenigsten. Die Eingewiesenen galten vielmehr als "Asoziale" und "Rumtreiberinnen". Unter dem Deckmantel der Medizin sollten sie zu "sozialistischen Persönlichkeiten" erzogen werden, sexueller Missbrauch, Gewalt und Demütigung waren an der Tagesordnung. Ein kleines Liebesabenteuer konnte schon Grund genug für eine Zwangseinweisung sein, so wie im Fall von Bettina Weben.

Sie wächst in Halle an der Saale auf. Als 1967 ihre Mutter an Leukämie stirbt, kommt die damals 15-Jährige mit ihren beiden Geschwistern ins Heim. Es ist ein Ort der Gewalt und Willkür. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt eine Tracht Prügel oder nichts zu essen. Weil Bettina Weben beim Putzen lacht, muss sie mit einer Zahnbürste den Boden schrubben. Sie möchte Kindergärtnerin werden. Das Jugendamt entscheidet; sie muss eine Ausbildung zur Lagerarbeiterin machen.

Ärzten und Schwestern ausgeliefert

Bettina Weben zieht in ein Jugendwohnheim. Im Freibad treffen sie und eine Freundin auf zwei junge Männer, Vertragsarbeiter aus Ungarn. Es entspinnt sich eine Liebelei, die Frauen besuchen die Männer in ihrer Wohnung, es gibt Gulasch und Alkohol. Sie bleiben über Nacht. Bettina Weben schläft zum ersten Mal mit einem Mann.

Am nächsten Tag trauen sich die Frauen nicht zurück ins Heim, bleiben in der Wohnung. Sie putzen und kochen für die Jungs. Für Bettina Weben fühlt es sich kurz so an, als sei sie Teil einer echten Familie. Dann klingelt die Polizei. Weben und ihre Freundin glauben, die Beamten brächten sie zurück ins Heim. Stattdessen fährt das Polizeiauto zur Poliklinik Mitte. Die jungen Frauen kommen auf die geschlossene Venerologische Station. Eine demütigende Prozedur beginnt. Die Schwestern fordern sie auf, sich auszuziehen, untersuchen Achseln und Schambereich auf Ungeziefer. Die Schamhaare werden mit einer stumpfen Klinge abrasiert. Statt ihrer eigenen Sachen müssen die Frauen graue Kittel tragen.

Die Station gleicht einem Gefängnis, die Fenster sind von innen vergittert. Bettina Weben ist den Ärzten und Schwestern ausgeliefert. Jeden Morgen muss sie sich für den Abstrich auf den gynäkologischen Stuhl legen. Vier Wochen vergehen, ohne dass eine Krankheit festgestellt wird. Sie lässt es über sich ergehen, fühlt sich machtlos. Als der Leiter des Jugendwohnheims sie schließlich abholt, fragt sie: "Warum?" "Zur Abschreckung der anderen", lautet die schlichte Begründung.

System der Umerziehung

Die Venerologische Station in Halle war zu DDR-Zeiten berüchtigt. Der Medizinhistoriker Florian Steger hat für eine Studie über die "Tripperburgen" mit Dutzenden Zeitzeugen gesprochen. Die beschreiben den damaligen Stationsarzt Gerd Münx als "tyrannisch". Die Frauen behandelte er wie Abschaum. Unter seiner Führung wurde ein System zu deren Umerziehung installiert, das Belohnungen, aber auch drakonische Strafen vorsah. Dazu zählten Schlafentzug und Arbeitstherapie.

Einige Eingewiesene bekamen sogenannte Fieberspritzen verabreicht. Sie sollten angeblich schlummernde Infektionen auslösen. Die Frauen wurden völlig willkürlich ausgewählt, litten stundenlang unter Schüttelfrost, Fieber und Übelkeit. Münx musste die Station schließlich 1979 verlassen. Unter seiner Leitung war eine Frau, die unter einer offenen Tuberkulose litt, zwei Tage lang in einem Badezimmer eingesperrt worden.

Der Kampf um die Würde

Geschlossene Venerologische Stationen gab es in allen Bezirken der DDR. Auch wenn es nicht überall so grausam zuging wie unter dem Regime von Münx, war der Aufenthalt für die Frauen verstörend.

Martina Blankenfeld steht vor einem orangefarbenen Gebäude mit hohen Holzfenstern. Das Haus mit der Nummer 14 beherbergte früher die Venerologische Station der Klinik in Berlin-Buch. "Da oben war der Zellentrakt", sagt Blankenfeld und zeigt mit ihrem Finger auf einen Balkon, der mit zwei hölzernen Hasen geschmückt ist. Das frühere Klinikgelände ist heute eine schicke Wohnsiedlung.

Mit dem Fuß kratzt die 55-Jährige einen Zimmerumriss in den Schotter, zeichnet die Betten ein. Für den Medizinhistoriker Steger hat sie versucht, die gesamte Station in einer Skizze zu rekonstruieren. Doch immer, wenn sie vor dem Haus in Berlin-Buch steht, blitzen neue Details in ihrem Gedächtnis auf. Es gelingt ihr nicht, die Fragmente zu einem stimmigen Bild zusammensetzen. Derzeit versucht sie, an einen alten Lageplan heranzukommen. Sie will die Geschichte der "Tripperburg" in Berlin-Buch in allen Details aufarbeiten und damit auch ihr eigenes Trauma.

Als Kind leidet Martina Blankenfeld unter ihrer psychisch kranken Mutter, die ihre eigene Tochter zum Sündenbock für alle Probleme macht. Die Mutter verliert sich in Wahnvorstellungen, muss immer wieder in die Klinik, Ärzte pumpen sie mit Medikamenten voll. Der Stiefvater verprügelt sie. Als er sie sexuell missbraucht, glaubt ihr die Mutter nicht: "Das würde er nie tun!" Einzige Bezugsperson des Kindes ist die Großmutter.

Die Lehrer wissen um die schwierigen Verhältnisse. Keiner fragt Martina Blankenfeld, wie es ihr geht. Niemand nimmt sie in den Arm. Vielmehr wird sie ermahnt, eine gute Schülerin zu sein, schon um der Mutter Willen. Martina solle Rücksicht nehmen.

Doch die rebelliert als Jugendliche gegen die Mutter, mischt ihr Salz in den Tee, um sie zu ärgern. Trotz Stubenarrests springt sie aus dem Fenster, um sich mit Freunden zu treffen. Mit 15 Jahren versucht sie, sich umzubringen, mithilfe der Medikamente ihrer Mutter. Sie klappt auf dem Schulklo zusammen, kommt ins Krankenhaus. Blankenfeld hofft, dass man sich nun endlich um sie kümmert. Doch sie soll ins Heim. Im Schreiben des Jugendamtes heißt es, das Mädchen sei eine Gefahr, insbesondere für ihre Mutter. Sie verbummele die Schule, habe häufig wechselnde Sexualkontakte. Beweise für die Behauptungen gibt es nicht.

Versuch der Rebellion

Im Frühjahr 1978 wird Martina Blankenfeld zunächst in die Klinik Berlin-Buch eingewiesen. Warum, weiß sie nicht. Eine Schwester fragt sie, ob sie einen Freund habe, ob sie schon mal Sex gehabt habe, ob sie sich schon mal selbst befriedigt habe. Die Jugendliche fragt patzig zurück: "Zeigen Sie mir jemanden, der sich noch nicht selbst befriedigt hat."

Martina Blankenfeld muss sich ausziehen, bekommt ein Nachthemd, Badelatschen und einen Bademantel. Als eine Schwester sie zu einer Stahltür führt, weiß Martina Blankenfeld immer noch nicht, wo sie ist. Ihr einziger Wunsch: bloß nicht in die Klapse.

Hinter der Stahltür liegt ein vergitterter Zellentrakt, Martina Blankenfeld bekommt ein Bett in einem der Zimmer zugewiesen. "Du bist in der 'Tripperburg'", sagt eine der anderen Frauen. Genauso wie Bettina Weben ist auch Martina Blankenfeld den Ärzten und Schwestern ausgeliefert. Doch sie versucht, ein Mindestmaß an Kontrolle zu behalten. Sie geht nicht auf den Smalltalk eines Arztes ein, der ihren Unterleib abtastet. Er solle einfach seine Arbeit machen und nicht glauben, dass sie das hier gerade geil mache, sagt sie ihm. Die junge Frau lehnt die Einnahme von Medikamenten ab. Eine Besonderheit in Buch waren Kosmetiktests. Als eine Schwester Martina Blankenfeld auffordert, den Rücken frei zu machen, um Allergene aufzutragen, droht sie mit Gewalt.

Frauen wie Bettina Weben und Martina Blankenfeld haben lange geschwiegen. Bei der Entlassung mussten sie eine Schweigeklausel unterschreiben. Hinzu kamen die Scham und die Angst vor Stigmatisierung. Erst seit 2012 wird die Geschichte der Venerologischen Stationen offiziell aufgearbeitet, angestoßen von der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt. Im vergangenen Jahr hat sich der Bundestag mit dem Thema beschäftigt. Die Forschung des Medizinhistorikers Steger erleichtert zudem den Kampf um Rehabilitierung. Im vergangenen Jahr haben zwei Frauen erfolgreich geklagt.

"Die letzten 20 Jahre waren lebenswert"

Bettina Weben will ihre Würde zurück. Die 65-Jährige wohnt mit ihrem Mann in einem Reihenhaus in Bad Bramstedt bei Hamburg. Auf dem Tisch im Wohnzimmer liegt ein Buch. In "Gequält, erniedrigt und doch am Leben" schildert Bettina Weben die vielen Tragödien in ihrem Leben: Der Aufenthalt in der "Tripperburg" in Halle, die Zwangsadoption ihres ersten Sohnes, den prügelnden Ex-Mann. "Damals konnte ich nicht kämpfen. Heute ist das anders", sagt die Rentnerin. Sie hat wegen der Zwangseinweisung in die Poliklinik Mitte beim Landgericht Halle Antrag auf Rehabilitierung eingereicht. Sie will, dass ihr Leid als rechtsstaatswidrig anerkannt wird.

Martina Blankenfeld fehlt für solche juristischen Gefechte die Kraft, sie hat schon so viel gekämpft in ihrem Leben. Als sie 1981 aus dem Jugendheim entlassen wurde, musste sie sich mit verschiedenen Jobs durchschlagen. Nach der Wende arbeitete sie in Sozialeinrichtungen. Ungerechtigkeit und Bevormundung erträgt sie nicht. Als sie Missstände in einem Altenheim offen anprangerte, ließ sie der Heimleiter im Sommer 2012 suspendieren. Nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung ging Martina Blankenfeld in Frührente. Im Januar 2016 starb ihr Sohn an Krebs. Psychologische Betreuung lehnt Martina Blankenfeld ab. Sie traut Ärzten und Therapeuten nicht. Dafür ihrem Hund Max, einem zotteligen Bobtail.

Martina Blankenfeld hat ihre eigene Bewältigungsstrategie: Die Berlinerin liebt das Theater. Mithilfe des Fonds "Heimerziehung in der DDR" hat sie sich zur Theaterpädagogin ausbilden lassen. Die Erlebnisse in der "Tripperburg" von Berlin-Buch will sie auf der Bühne verarbeiten. Das Stück würde sie gerne nur wenige Schritte von der früheren Venerologischen Station aufführen. Im früheren Kulturhaus mit dem mächtigen Säulengang entsteht gerade ein Veranstaltungssaal. In einem Jahr könnte Premiere sein. Davon träumt Martina Blankenfeld.

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