Der Fall Khashoggi Berichte des Grauens

Türkische Polizisten durchsuchen die Residenz des saudi-arabischen Konsuls in Istanbul.

(Foto: Chris McGrath)
  • In der Türkei werden seit Tagen angebliche Details aus den polizeilichen Untersuchungen an regierungsnahe Medien durchgestochen.
  • So soll Khashoggi vor seinem Tod gefoltert worden sein, wie die Zeitung Yeni Safak schrieb.
  • US-Präsident Trump hatte nach einem Gespräch mit dem saudischen König erklärt, Khashoggi könnte Opfer von eigenständig handelnden Mördern geworden sein.
Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Einer sagt, er persönlich habe zwar schon "Gewissheit" über das Schicksal des Journalisten Jamal Khashoggi, aber er müsse trotzdem das Ergebnis der Ermittlungen in diesem mysteriösen Fall abwarten. Mit dieser Aussage setzte sich der türkische Innenminister Süleyman Soylu, von dem zuletzt eher wenig zu hören war, am Mittwoch an die Spitze der Geheimnisträger - ohne etwas preiszugeben.

So geht das nun seit Tagen: In der Türkei werden angebliche Details aus den polizeilichen Untersuchungen an regierungsnahe Medien durchgestochen. Daraus kann man schließen, dass die Ermittler schon ein ziemlich vollständiges Bild davon haben, was am 2. Oktober im Istanbuler Generalkonsulat passiert ist, als dort Jamal Khashoggi, der saudi-arabische Regimekritiker und Kolumnist der Washington Post verschwand. Aber was dieses Drama für die Türkei und ihr Verhältnis zu Saudi-Arabien bedeuten wird, und für die Beziehungen zwischen Washington und Riad, dazu wollen die Politiker in Ankara noch nichts sagen - zu weitreichend könnten die Konsequenzen sein.

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Für die Gruselgeschichten war am Mittwoch die regierungsnahe Zeitung Yeni Safak zuständig. Sie berichtete, die türkischen Behörden verfügten sogar über mehrere Tonaufnahmen von der "Exekution" Khashoggis. Auf einem Audiotape soll der Generalkonsul zu hören sein, Mohammed al-Otabi, mit den Worten: "Macht das draußen, ihr werdet mir Probleme bereiten." Darauf habe ihm ein Mann erwidert: "Sei still, wenn du nach deiner Rückkehr nach Saudi-Arabien weiterleben willst."

Der Konsul selbst ist nicht mehr in der Türkei

Khashoggi soll vor seinem Tod gefoltert worden sein, das Blatt schrieb, ihm seien erst die Finger abgeschnitten worden, dann habe man ihn enthauptet. Dabei soll Salah Mohammed al-Tubaigy, ein prominenter Gerichtsmediziner aus Saudi-Arabien, der an diesem Tag laut Recherchen der türkischen Polizei anwesend war, den Leuten in den anderen Büros des Konsulats empfohlen haben, Musik zu hören. Dies berichtete der arabische Sender Al Jazeera aus Katar, der in der Türkei gut informiert ist. Der Sender glaubt auch zu wissen, dass sich das Ganze im Büro des Konsuls zugetragen habe, und zwar innerhalb von sieben Minuten.

Der Konsul selbst ist seit Dienstagabend nicht mehr in der Türkei. Er flog offenbar überstürzt nach Saudi-Arabien, als türkische Polizisten vor seiner Residenz standen und diese, wie zuvor das Konsulat, durchsuchen wollten - was sie nach Angaben der staatlichen Nachrichtagentur Anadolu dann am Mittwoch taten. Arabische Medien meldeten, der Konsul sei inzwischen seines Amtes enthoben worden.

Der Gerichtsmediziner Tubaigy ist laut Washington Post in Riad Professor an der Naif Arab Universität für Sicherheitstechnik und zudem eng mit den saudischen Sicherheitskräften verbunden. Die türkischen Ermittler hatten mithilfe der Passkontrolle am Atatürk Flughafen und aus Aufnahmen von Sicherheitskameras in Istanbul die persönlichen Daten von 15 Saudis zusammengestellt, die alle am Tag von Khashoggi Verschwinden einreisten und am selben Abend wieder mit zwei Privatmaschinen abflogen. Dass der Autopsie-Spezialist Tubaigy unter diesen Leuten war, spricht nach Ansicht der New York Times dafür, dass die Tötung von Khashoggi von Anfang an geplant war, und es sich nicht um ein "aus dem Ruder gelaufenes Verhör" handelte.