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Spanien:"Es reicht jetzt!"

Geballter Protest: 120 000 Menschen haben am Sonntag in Madrid gegen eine Begnadigung katalanischer Separatisten demonstriert.

(Foto: Bernat Armangue/AP)

Zehntausende demonstrieren in Madrid gegen die Begnadigung katalanischer Separatisten und fordern den Rücktritt von Regierungschef Pedro Sánchez. Aus Barcelona kommt eine Botschaft, die wenig versöhnlich klingt.

Von Karin Janker, Madrid

Noch bevor die Demonstration begonnen hatte, kippten die ersten Teilnehmer um. Angesetzt war die Kundgebung gegen die geplante Begnadigung katalanischer Separatisten für diesen Sonntag um 12 Uhr mittags. 29 Grad hatte es da bereits auf der Plaza de Colón in Madrid - und nirgendwo Schatten. Rettungskräfte mussten mehrere Demonstranten wegen Sonnenstichs bereits vor Beginn der Kundgebung wegbringen. Etwa 126 000 Menschen versammelten sich nach Angaben der lokalen Polizei auf dem Platz in der spanischen Hauptstadt. Die nationale Polizei sprach dagegen nur von 25 000 Demonstranten.

Sie waren gekommen, um ihren Unmut darüber kundzutun, dass Spaniens sozialistischer Regierungschef Pedro Sánchez plant, mehrere Vertreter des katalanischen Separatismus zu begnadigen. Seit dreieinhalb Jahren sind neun teils hochrangige Politiker in Haft, weil sie im Oktober 2017 ein illegales Referendum organisiert und in dessen Folge die Unabhängigkeit der Region im Nordosten Spaniens ausgerufen hatten.

Mit ihrer Begnadigung hofft Sánchez, den Konflikt mit Katalonien mittelfristig zu befrieden. Einerseits nähme er so den radikaleren Unabhängigkeitsbefürwortern ein Argument ihrer regelmäßigen Angriffe auf den spanischen Staat, andererseits will er den gemäßigteren, die inzwischen in Barcelona den Regionalpräsidenten stellen, ein Zeichen des Entgegenkommens senden.

Sánchez' Gegner sehen in den Begnadigungen jedoch vor allem eines: einen Verrat am spanischen Volk, mit dem der Sozialist sich die Unterstützung der Separatisten zu erkaufen versucht. "¡Basta ya!", tönten die Sprechchöre auf der Plaza de Colón, "es reicht jetzt!" Einige waren mit rot-gelb-roten Regenschirmen gekommen - angesichts der Sonneneinstrahlung keine schlechte Idee - , andere schwenkten Spanien-Flaggen und Banner, auf denen "Sánchez Rücktritt" stand oder "Die Putschisten ins Gefängnis", daneben ein Foto von Carles Puigdemont, dem ehemaligen katalanischen Regionalpräsidenten, der inzwischen im belgischen Exil lebt.

Der katalanische Regionalpräsident schickt einen Tweet, der provozieren dürfte

Einige Protestierende wandten sich auch direkt an den spanischen König. An ihm wird es schließlich sein, die Begnadigungen am Ende formal zu unterschreiben. "Majestät, unterschreiben Sie nicht!", stand auf einem Banner. Sinngemäß sagte Madrids konservative Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso bei ihrer Rede auf der Demo dasselbe: Sánchez mache sich mit seinem Vorstoß für eine Begnadigung zu einem Komplizen des Separatismus. Nun versuche man, den König ebenfalls zum Komplizen machen.

Die Demonstration verlieh dem lautstark Ausdruck, was die Regierung bisher aus stummen Umfragewerten ablesen konnte: 61 Prozent der Spanier sind demnach gegen die geplante Begnadigung. Die Frage, wie und ob der Konflikt, der auch von der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung weiterhin gesucht und genährt wird, zu entschärfen sei, ist eines der am stärksten polarisierenden Streitthemen im Land. "Wenn die Regierung unter diesen Umständen die Straftäter begnadigt, ist es die Regierung Spaniens selbst, die gegen die Verfassung verstößt", sagte die Aktivistin Rosa Díez, Mitorganisatorin der Demonstration.

Pedro Sánchez zeigte zunächst keine Reaktion auf die Kundgebung, zu der offenbar mehr Menschen gekommen waren als erwartet. Dafür sendete der katalanische Regionalpräsident Pere Aragonès einen Tweet, der als gezielte Provokation in Richtung Plaza de Colón zu lesen war, wo ihm zufolge "Faschismus und die ranzige Rechte tobten". "Amnestie, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit", wiederholte Aragonès in seinem Tweet die Maximalforderungen der Separatisten. So wirkte es an diesem sonnigen Sonntag, als würde Premier Sánchez mit seinem Vorstoß zu einer Versöhnung etwas wollen, was außer ihm keiner will.

© SZ
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